Eintrag vom 18.01.2025
Thailand ist nicht das Paradies,aber eine Erfahrung wert.
Untertitel: Ein Buddha sitzt immer irgendwo.
Vorab: Das Land besteht zu
30% aus Autos, Rollern und Straßen
30% aus Leitungen und Kabeln
30% aus Werbetafeln

Auf meinen Fotos sieht man, wenn irgend möglich, die letzten 10%, obwohl ich die Realität nicht komplett ausblende.
Die Tour:

Samstag, 30. November
Meine persönliche Herausforderung als leidenschaftlicher Minimalist besteht darin, dass ich nur mit Handgepäck reisen möchte. Für sechs Wochen, unmöglich, sagen mir alle. Die kennen mich nicht.
Seit Wochen liegt schon alles bereit. Ich fragte mehrmals die Maße für Handgepäck bei der Lufthansa ab, mein Rucksack könnte bepackt etwas zu hoch sein. Wie pingelig sind die? Lange zögere ich es hinaus, weil ich befürchte zu scheitern, meinen Ansprüchen nicht gerecht zu werden, doch nun ist es vollbracht und alles ist gut.
Von dem Moskitonetz trennte ich mich, da dafür immer ein Haken in der Decke nötig ist. Damit kann ich nicht rechnen. So passt alles genau hinein. Die dicken Kleidungstücke ziehe ich an, denn es wird hierzulande verdammt kalt sein und eine Daunenjacke steht nicht zur Debatte, eine dicke Jogginghose, ein Merinoshirt und eine Vliesjacke müssen genügen, wenn alles klappt, sollte ich mich nicht allzulange auf Bahnhöfen und im Freihen aufhalten, bis ich im Flieger sitze.
Mein Rucksack hält sich korrekt an die Abmaße für Handgepäck von 50x40x23cm, ist sogar schmäler und von den zugelassenen 8 Kilo brauche ich lediglich 6,4 – ich bin stolz.
Sonntag, 1. Dezember
Natürlich kann ich nicht lange schlafen das tue ich nie und schon gar nicht, wenn ich zu einer Reise, einem Abenteuer aufbreche. Wann war ich das letzte Mal so weit weg? Es scheint eine Ewigkeit her zu sein. Die letzten Tage war ich erstaunlich gelassen, auch wenn ich inzwischen mehrmals täglich den Spruch hörte: Ich wünsche dir einen schönen Urlaub. Je dichter dieser Satz erklingt, desto näher rückt das Ereignis und desto aufgeregter werde ich. Dieses Mal bin ich ruhig. Ist das eine Begleiterscheinung des Alters?
Den ersten Zug möchte ich nicht nehmen, dann wäre ich schon um zehn Uhr morgens in München und würde vielleicht Conny aus dem Bett werfen. Das kann ich nicht machen. Bis zum nächsten Zug muss ich durchhalten. Ich drehe mich noch einmal um, ziehe die Bettdecke über den Kopf und kann wirklich noch eine Stunde schlafen.Die Bahn überschlägt sich geradezu mit Unwegsamkeiten. Bereits an der zweiten Haltestelle haben wir eine Verspätung von zwanzig Minuten eingefahren. Unglaublich wie die das immer schaffen. Der Zugbegleiter bleibt gelassen, ich ebenfalls, wir sind uns einig, dass ich an meiner nächsten Umsteigestelle Friedrichshafen immer wieder einen Zug Richtung München habe.
Auch die Streckensperrung mit Umfahrung lässt mich absolut gelassen. Ich habe Zeit. Erstaunlicherweise komme ich exakt zur geplanten Zeit in München an, obwohl ich keinen der vorgesehenen Züge nahm. Conny hielt ich unterwegs auf dem Laufenden und so erwartet sie mich an der Haltestelle an der Münchner Freiheit.
Conny und später auch noch Günther lenken mich ab und lindern meine Nervösität. Eigentlich wollte ich zwei Stunden vor Abflug am Flughafen sein, aber die beiden überzeugen mich, dass drei Stunden bei einem Langstreckenflug zwingend nötig sind. Stellt sich später als unnötig heraus, außer mir ist keiner so früh da. Allerdings meldet sich sofort die Aufregung zurück, als an der Haltestelle für den Flughafenbus am Nordfriedhof soeben ein Bus abfährt. Es stehen noch Leute da und Taxifahrer verbreiten Panik, dass alle Busse übervoll sind, weil keine S-Bahnen zum Flughafen fahren. Ein junges Pärchen kommt dazu, ich teile ihnen meine neuersten Erkenntnisse mit, doch sie bleiben gelassen. Es sind Münchner, die werden wissen, wie das läuft. Die Taxifahrer ziehen beleidigt ab, sie wollten doch nur helfen.
Der nächste Bus erscheint fünf Minuten später, sie verkehren also aus gegebenen Anlass in dichteren Abständen. Er ist schon gut besetzt, aber der Fahrer lässt alle hinein. Ich kann mich sogar auf den Stufen zur hinteren Tür setzen, denn die Fahrt dauert beinahe eine Stunde.
Mutig wage ich mich an den Self-Checkin und bin überrascht, wie einfach das inzwischen geht. Pass auflegen, Flugticketcode eingeben, nur alles bestätigen und meine Bordkarte rollt aus dem Schlitz heraus. Danach ein kurzer Transfer mit dem Shuttle zum Gate, fünf Minunten für den Zoll, zwei Minuten Passkontrolle – erstaunlich, ich will doch nur hinaus – und dann sitze ich einsam am Gate. Eine Stunde später trödeln die ersten Mitreisenden ein. Die Maße meines Handgepäcks überprüft niemand, einige haben sogar größere Koffer und Rucksäcke.
Bei Conny gab es ein Mittagessen und Kuchen, im Flugzeug wird trotz des späten Abflugs um 22:25 noch ein Abendessen serviert. Ich bin reichlich abgefüllt und es fehlt jegliche Bewegungsmöglichkeit. Der Wein verhilft mir zu einigen Schlafphasen, aber in Flugzeugen konnte ich noch nie schlafen.
Montag, 2. Dezember
Die Nacht ist sechs Stunden kürzer, ich werde um sechs Stunden jünger und gegen Mittag wird ein Frühstück geboten.
Um drei Uhr Ortszeit sollten wir ankommen, wir landen erst um vier. Nun werde ich wirklich nervös. Der Bonus des Handgepäcks verliert sich und in vier Stunden fährt der bereits gebuchte Bus nach Khanom ab, auch die erste Woche buchte ich bereits in einem Resort, ich sollte ihn also nicht verpassen. Im Flugzeug war ich umringt von Thailänderinnen, die von einer Urlaubsreise zurückkamen. Sie beruhigen mich, dass ich ausreichend Zeit habe. Von ihnen erfahre ich, wie ich den Airport Rail Link finde und wo ich das Ticket bekomme. Ihre verwunderte Frage, wie ich auf Khanom komme, beruhigt mich, die richtige Wahl getroffen zu haben, es scheint nicht üblich zu sein, dort hinzufahren.
Ich stürme los und es ist wirklich einfach. Thailändische Bahts habe ich bereits, da man angeblich mit umgerechnet sechshundert Euro in bar einreisen muss, ich holte mir trotz ungünstigen Wechselkurs sofort Baht und mit den großen Scheinen, die ich bei der Reisebank bekam, kann ich am Schalter das Ticket kaufen, denn der Automat streikt. Zügig geht es Richtung Innenstadt. An der Info wird mir gesagt, dass ich den Bus 506 nach Khao San Road nehmen soll. Schwungvoll stürme ich weiter und pralle an der Hektik und Lautstärke der städtischen Rushhour ab, Chaos pur. Ich atme tief Mut ein und steige die Treppen von der Hochbahn hinab.
Wie sehen hier Bushaltestellen aus? Bei allen Eindrücken, die auf mich einströmen, sehe ich derzeit ohnehin gar nichts. Ich frage eine junge Frau und sie checkt auf ihrem Handy die Lage. Einen Bus mit der angegebenen Nummer findet sie nicht, aber ich muss auf die andere Straßenseite, sie zeigt mir auch, wie eine Haltestelle aussieht. Auf der anderen Seite werde ich fündig und warte. Es fahren andauernd Busse vorbei, aber nicht der, den ich brauche und die Zeit verrinnt. Endlich frage ich erneut. Ich muss an eine andere Haltestelle und dort einen Bus mit der Nummer 72 nehmen. Ich bedanke mich, versuche ruhig zu bleiben und laufe in die angegebene Richtung. Mich irritiert der Linksverkehr, es dauert, bis ich auf der richtigen Seite stehe. Dort wirke ich wohl derart verzweifelt, dass mich ein Mann anspricht und nach meinem Ziel fragt. Nein, 72 ist völlig falsch, 4-69 ist richtig, der kommt in vier Minuten. Seine Tochter nimmt den auch und wird mich an der richtigen Stelle hinausschubsen. Ich werde wieder etwas ruhiger, es ist inzwischen dunkel geworden. Endlich deutet die junge Frau hinaus, ich bedanke mich überschwänglich und steige aus. Sie zeigt noch in die Richtung, die ich weiter gehen muss, doch bald stehe ich mitten in einem belebten Streetfoodmarket. Dort frage ich an einer Garküche nach dem Hotel, das mir als Treffpunkt angegeben wurde. Sie sind unschlüssig und winken mich weiter in den Markt hinein. Ich laufe hindurch, suche nach dem Hotel, finde es nicht und stehe bald wieder an einer stark befahrenen Straße. Verzweiflung kommt auf. Ein Taxifahrer winkt mich weiter und sagt, es sei nicht mehr weit, aber wo??? An einem Haus lese ich etwas von Tourist und Public, denke sofort an Touristeninformation, will hinein, werde am Eingang von einem Typen abgefangen, der auf den Stufen sitzt. Was ich will, will er wissen. Meinen Bus suche ich. Wo der sei? Irgendwo hier, ich wirke vermutlich ziemlich fahrig. Wann der fährt? In einer viertel Stunde, kreische ich. Er springt auf, winkt mir zu folgen, wir stürmen los. Eigentlich nur um die Ecke, aber auch dort ist alles voller Leute. Erst fragt er an einer Stelle, wird nach gegenüber verwiesen, er deutet nach oben, Dang Derm Hotel, das ist es, schreie ich innerlich. Wir steigen in den ersten Stock des Innenhofs hinauf und betreten eine Reiseagentur. Ja, wird mir bestätigt, hier bin ich richtig. Es ist überhaupt nicht meine Art, ich wundere mich im gleichen Augenblick über mich selbst, aber ich falle dem rettenden Engel um den Hals. Der ist ebenso verwundert und meint, dass die Polizei nicht so schlecht ist, wie ihr Ruf. Dass er Polizist ist, hätte ich nicht erkannt, doch später erfahre ich, dass ich wirklich eine Station der Touristenpolizei betreten wollte, er war wohl schon außer Dienst. Sofort will er ein Bild mit mir, um es als positive PR zu posten.
Die Abfahrt zieht sich noch etwas hin, ich bin auch nicht die Letzte. Das gibt mir die Gelegenheit, die Rückfahrt zu buchen. Endlich werden wir hinuntergeführt, durch die belebte Fußgängerzone, entlang der verkehrsreichen Straße von vorhin, zu einem Kreisverkehr, wo unser peppiger Bus wartet, außen bemalt mit Superhelden aus Comics, innen erleuchtet wie eine Disco aus den Siebzigern. Ein reiner Touristenbus und die sehen alle gleich aus: Unten Fahrerraum, Fahrerschlafkabinen und Toilette, oben die Sitze der Reisenden.
Ich lasse mich auf einen freien Platz fallen und kann endlich entspannen. Nun sehe ich auch den hell erleuchteten Tempel auf der anderen Straßenseite. Strompreise scheinen in diesem Land kein Thema zu sein, überall wird die Nacht zum Tag gemacht.
In fremden Ländern fahre ich lieber tagsüber längere Strecken. Ich würde gerne sehen, wie es dort draußen aussieht, doch alles, was ich zu Gesicht bekomme, sind riesige Werbetafel, Autos und beleuchtete Tankstellen. Einige Male bin ich kurz eingeschlafen, doch diese nächtlichen Fahrten sind mir immer viel zu anstrengend. Von Zuhause aus erschien dies die beste Möglichkeit, zu meiner ersten Woche am Strand zu kommen. Eine eigene Bambushütte sollte es sein, um mich einige Tage an das Klima und die Zeitumstellung zu gewöhnen, auch das schon Zuhause gebucht. Die Hütte steht natürlich in einem Resort, in dem ich auch ein Frühstück bekomme.
Dienstag, 3. Dezember
Um sieben Uhr morgens, es ist schon beinahe hell, werde ich und ein paar andere unsanft aus dem Bus geworfen, für die meisten anderen geht es weiter auf irgendeine Insel. Wo bin ich? Es dauert lange, bis ich das herausfinde. Surat Thani, eine der größeren Städte auf dem Weg in den Süden. Es ist schwül, im Bus war es, wie befürchtet, extrem unterkühlt. An der Haltestelle sind alle sehr bemüht. Wir bekommen einen Happen zu Essen und zu Trinken. Mir wird mitgeteilt, dass ich in eineinhalb Stunden mit einem kleineren Bus nach Khanom gebracht werde. Die anderen wollen auch in unterschiedliche Richtungen abseits der Hauptstrecke.
Ich bin die letzte, die noch herumsitzt. Die Thaidame, die dafür zuständig ist, bringt mich zu einem anderen Haus und zeigt mir den kleinen Bus, hier Van genannt, in den ich in einer halben Stunde einsteigen muss. Ich sehe sie kurz darauf auf einem Roller davonrasen.
Der Fahrer des Vans putzt ausgiebig sein Fahrzeug, anschließend frühstückt er. Pünktlich zur Abfahrtszeit steht er wieder da. Als ich einsteigen will, zeige ich ihm mein E-Ticket, aber er kann nichts damit anfangen, spricht auch kaum Englisch, dann kann er es auch nicht lesen. Er will hundert Baht von mir. Ich werde stinkig, zahle aber letztendlich, da er mich sonst nicht mitnimmt, ich gebe mich – zurecht – bockig. Die Dame von vorhin hätte das klären müssen. Einige Zeit später steigt eine junge Frau ein. Der Fahrer spricht sie von sich aus an, es geht um mich. Ich zeige ihr mein Ticket und betone noch einmal, dass ich schon bezahlt habe. Die beiden reden miteinander und plötzlich gibt er mir den Geldschein zurück. Ich bin überrascht und bedanke mich.
Vorab recherchierte ich, dass sich Khanom über dreißig Kilometer dahinzieht und mein Hotel etwa sieben Kilometer von der Bushaltestelle entfernt ist. Bevor ich loslaufe, fotografiere ich die Haltestelle, denn hier muss ich für die Rückfahrt wieder einsteigen. Nach der langen Reise tut ein bisschen Laufen gut. Auf halber Strecke hält ein Auto mit zwei Frauen, sie fragen, wo ich hin will. Magarita Beach Resort. Begeistert drehen sie um, denn sie sind mir entgegengekommen und wollen mich hinbringen, sie arbeiten dort. Gesagt getan und schon bin ich dort.
Als alleinreisende Dame werde ich sofort identifiziert. You are Sabin, spricht mich der Besitzer, ein wohlbeleibter Engländer an. Ich bejahe und schon bringt man mich zu meinem Hütte. Dem jungen Thailänder, der mein Gepäck tragen soll, winke ich dankend ab, mit meinem Sechs-Kilo-Rucksack komme ich alleine zurecht.
Ich begutachte erfreut mein kleines Reich für die nächsten sechs Tage, dusche, lege mich hin und dann hält die Zeit für mich an. Als ich nach acht Stunden wieder zu mir komme und zum Strand vor laufe, werde ich verwundert gefragt, wo ich war, man hätte sich schon Sorgen gemacht. Ich erzähle, dass ich seit Sonntagmorgen unterwegs bin und kaum Schlaf hatte, das sei nun endlich nötig gewesen.
Noch leicht benommen sitze ich am Strand und lausche den Wellen, dass ich von den berühmt berüchtigten Sandflies zerstochen werde, merke ich erst am nächsten Tag, die Stiche bilden sich erst spät aus, sind lange geschwollen und jucken stark. Doch ich bemerke die Moskitos, die sich vor meiner Hütte auf mich stürzen und flüchte nach drinnen. Ich brauche ohnehin noch mehr Schlaf.
Mittwoch, 4. Dezember
Die Anlage besteht nur aus acht Bambushütten - mir gehört die Nummer 4 - einem Restaurant und einer Bar, ruhig und überschaubar, weit ab von allem, genau so sollte es sein. Rundherum gibt es noch ein paar Häuser entlang der Beach Road und weitere Resorts, Gäste sehe ich kaum, der Strand ist leer.
Endlich angekommen, langsam erde ich mich, nichts ist mehr wichtig. Nachts höre ich das Schnalzen der Echsen, gesehen habe ich sie derzeit noch nicht. Mein erster Weg führt mich an den Strand, nur wenige Schritte von meiner Hütte. Der Gärtner kehrt liebevoll jedes Blatt zusammen und lässt achtsam die weißen Blüten des wohl berühmtesten Baums des Landes liegen, im Restaurant steht eine junge Thailady und begrüßt mich mit den üblichen vor dem Hals gefalteten Händen, in der Bar werden die durchsichtigen Kunststoffplanen hochgerollt. Das Rauschen der Wellen empfängt mich, es ist bewölkt, aber das Farbspiel zwischen milchig grünem Wasser und grauem Himmel ist beeindrucken. Ich versuche die nahe gelegene Ko Samui zu entdecken, doch zu meiner Linken ragen einige Inseln aus dem Wasser. Es ist nicht kalt, eher feuchtwarm. In der Hütte hatte ich immer wieder einmal kurz die Klimaanlage eingeschaltet.
Nun ein Frühstück. Die Karte ist überschaubar, ich werde mich die fünf Tage von oben bis unten durcharbeiten. Die englischen Breakfast-Varianten kommen für mich nicht in Frage, an die thailändischen werde ich mich später wagen, wenn sich mein Körper und mein Magen an Klima und Zeitumstellung gewöhnt haben. Ich entscheide mich für ein Avocadobrot und bekomme wirklich ein richtiges dunkles Brot, es sollte das letzte für die nächsten sechs Wochen sein. Hierzulande wird kein Brot, sondern Reis gegessen. Kaffee Late ist gängig, aber mehr für die Urlauber.
An der Theke steht eine Thaifrau, die kurz, aber wirklich nur kurz zu mir herübersieht und dann zu den Bambushütten geht, deren Gäste abgereist sind. Ich überlege verzweifelt, ob es eine der Frauen war, die mich gestern hierherbrachten. Ich bin mir nicht sicher, bisher sehen alle noch gleich aus, mein Auge muss sich erst an Details gewöhnen. Ist sie nun beleidigt, weil ich sie nicht begrüßte? Später versuche ich sie anzusprechen, aber sie läuft immer sofort weg. Zu diesem Zeitpunkt ist mir noch nicht klar, dass das Wegschauen eine Art Höflichkeit ist, mit der die Thais den vermeintlich höhergestellten Urlaubern begegnen, viel später betrachte ich es als Unterwürfigkeit, die mir peinlich ist. Ich bemühe mich wärend meines gesamten Aufenthalts Blickkontakte zu bekommen, was nicht einfach ist. Gelingt es mir allerdings und lächle ich sie an, dann werde ich mit einem unglaublich herzlichen Lächeln belohnt. Welch ein Geschenk.
Gegenüber von mir wohnte gestern noch eine Familie mit zwei Kindern, die am Morgen unglaublich viel Gepäck herausschleppte.
Nach dem Frühstück suche ich mir eine Liege am Strand, sind alle leer, die anderen Gäste schlummern noch friedlich und schmökere ein wenig in meinem Reiseführer. Natürlich hatte ich den Zuhause bereits überflogen, doch nun arbeite ich mich durch das Kapitel des Südens, weiter hinunter habe ich nicht vor zu reisen. Im Bus fiel mir auf, dass ich die älteste war, nur junge Partypeople, ich möchte gar nicht wissen, was auf den Inseln abgeht. Die Partymeile in Bangkoks Khao San Road ist mir inzwischen ein Begriff, ich hatte keine Ahnung, dass der Straßenname der Inbegriff von vermeintlicher Lebenslust der jungen Generation aus aller Welt ist. Für mich war und ist es das touristische Zentrum der Altstadt und dort möchte ich wieder hin. Im Dunklen sah ich bereits die gewaltigen Ausmaße des Königspalasts. Wo und wie Leute meines Alters reisen, konnte ich noch nicht herausfinden.
Ich schwimme einmal den Strand hinauf und hinunter, die angrenzenden Resorts wirken wie ausgestorben, einige sind definitiv geschlossen. Koronafolgen? Mehr Aktivität verbiete ich mir, im Urlaub muss ich mich beständig zum Nichtstun zwingen. Abends setze ich mich an die Bar und bestelle das, was als Mango-irgendetwas angeschrieben steht. Die junge Thailady nickt, greift nach einer goldgelben Mango, schält und zerkleinert sie und packt sie zusammen mit Eiswürfeln in den Mixer. Kurz flackert eine Warnleuchte in meinem Kopf auf, aber ich beschließe diesen Ort als europäisch sicher anzuerkennen. Die cremige Flüssigkeit, die sie in einem großen Glas vor mich stellt, ist absolut lecker. Habe ich schon erwähnt, dass ich ein absoluter Mangofan bin? An der Bar sitzt außer mir noch ein Engländer, der gelassen sein Bier trinkt. Der Besitzer des Resorts ist gestern mit seiner thailändischen Frau, wohlbemerkt gleichaltrig, mit kleinem Gepäck abgereist, sein Team hält alles bestens am Laufen. Einziger Unterschied ist die Musik, die an der Bar vom Morgen an läuft. Der Besitzer steht auf Jazz, sein Team favorisiert derzeit James Blunt und spielt seine Lieder rauf und runter.
Inzwischen weiß ich, dass sich am späten Nachmittag die Moskitos zum Stechen einfinden und sprühe mich rechtzeitig ein. Auch setze ich mich nicht mehr direkt in den Sand, sondern nur noch auf eine der Liegen, damit vermeide ich die sehr unangenehmen Stiche der Sandflies.
Donnerstag, 5. Dezember
Eine junge Französin läuft herum und fragt nach Begleitung zu einer Bootstour, um die hier berühmten rosa Delfine zu sehen, in meinem Reiseführer las ich davon. Der Resortinhaber kam heute Morgen wieder zurück. Er versprach ihr, es zu organisieren, sie sollte allerdings noch weitere Leute dafür finden, da es für sie allein zu teuer wird. Ich stimme zu und eine Stunde später steht ein Taxi vor der Tür, ein Engländer fährt es, es gibt hier also eine kooperierende Gemeinde. Es regnet, aber das sollte die Delfine nicht abhalten, aufzutauchen. Nachts gab es sogar ein Gewitter. Es kühlte dadurch ab, aber für Europäer eher in einen angenehmen Bereich.
Mir fällt sofort auf, dass er nicht die direkte Beach Road zurück in den Ort fährt, sondern in einem weiten Bogen herum. Ich kann es mir nicht erklären, beruhige mich aber, dass der Preis vorab festgelegt war. Wir fahren durch den Ort und weiter zu einem kleinen Hafen. Dort sucht der Fahrer den Bootsinhaber. Zum ersten Mal erlebe ich eine Routine, die ich später als üblich abhake. Es gibt immer einen, der einen kennt, es treten bei jeder Tour unzählige Mittelsmänner auf, die alle ein Stück vom Kuchen abbekommen. Was letztendlich der bekommt, der die eigentliche Arbeit verrichtet ist nie klar. Es ist ein sehr subjektives Urteil, wenn ich vermute, der letzte bekommt am wenigsten.
Es regnet immer noch, als sich der Bootsbesitzer einfindet, vielleicht dachte er, diese Touris machen nichts bei Regen, aber die Französin ist entschlossen, es ist ihr letzter Tag hier und damit die einzige Möglichkeit und ich habe versprochen, mitzumachen. Delfine bekommen wir keine zu Gesicht, weder die grauen noch die rosanen, kurz kommt mir der Gedanke, dass sie ein reiner Mythos sind, aber der Bootsinhaber wirkt glaubhaft, er bringt uns dorthin, wo er sie gestern noch sah und am Abend in der Bar bestätigt mir die Thailady, dass sie sie schon einmal hier vorbeischwimmen sah.
Zurück im Resort der totale Szenenwechsel, alle Hütten neu besetzt, sechs Nächte zu bleiben ist anscheinend ungewöhnlich. Die Französin reist gleich nach der Tour ab.
Freitag, 6. Dezember
Ich habe angefangen, die Thaivarianten zu frühstücken, heute serviert von einem jungen Mitarbeiter mit einem Lächeln, dass so breit, offen und ehrlich selten zu finden ist. Er bestätigt mir, dass das so im Land gegessen wird. Basis ist immer ein kleiner Hügel Reis mit einem Spiegelei darauf, dazu unterschiedliche Varianten aus Hühner- oder Schweinefleischragout, für Touris nicht ganz so spicy serviert, Nachwürzen ist erlaubt. Als Besteck wird in der linken Hand eine Gabel gehalten, um alles zu zerteilen und mundgerecht auf den Löffel in der anderen Hand zu schieben. Zur Nudelsuppe gibt es Stäbchen, mit denen alles auf einen kurzstieligen Suppenlöffel gehäuft wird.
Heute ist der erste wirklich sonnige Tag und es sollte der einzige sein. Ansonsten ist es bewölkt mit sonnigen Abschnitten, Tendenz: wolkiger, regnerischer. Mir wird gesagt, dass sich das Klima verändert hat, im Dezember war früher die Regenzeit schon durch, Klimawandel überall. Ich schwimme eine längere Strecke, was meinen reisebedingt immer noch verspannten Rücken guttut und laufe am Strand einmal in jede Richtung, um die leer stehenden oder nur spärlich bewohnten Hotels genauer zu begutachten, eines hat sogar ein Hallenbad. Ist das Wetter immer so schlecht? Allerdings beobachte ich immer erstaunt, dass Leute ans Meer fahren und dann nur in den hoteleigenen Pools schwimmen. Mir ist der ganz große Pool lieber.
Neben mir zieht ein alter Sack, man vergebe mir die Ausdrucksweise, aber da fällt mir leider nichts anderes ein, mit einem jungen Thaimädel ein. Ich habe seit Tagen die Vorstellung, dass es eine Organisation geben muss, die für englische Rentner, die ihren Lebensabend im warmen Thailand verbringen wollen, eine Unterkunft inclusive jungem Mädel besorgt. Essen im Restaurant scheint finanziell nicht möglich zu sein, sie essen vor der Hütte selbst Mitgebrachtes. Sie genießt anscheinend trotzdem seinen vermeintlichen Reichtum, er schaut englischsprachiges Fernsehprogramm auf dem Handy. Wäre er mal besser Zuhause geblieben. Am nächsten Morgen reisen sie schon wieder ab, mehr Luxus ist vermutlich nicht möglich. Ich bin froh, sonst müsste ich mich bei dem Anblick in einem fort aufregen.
An der Bar mixt mir die Thailady nur durch ein kurzes Nicken meinerseits einen Mangosmoothie, heute nehme ich Chips dazu. sie fragt mich jeden Tag ungläubig, ob ich wirklich nichts essen will, auch die Chips sind für sie kein richtiges Essen. Wir kommen ins Gespräch über meine weiteren Reisepläne. Als ich Chiang Mai erwähne schüttelt es sie, sie stammt aus der Gegend, aber dort ist Winter. Ich zücke mein Handy und zeige ihr das letzte Foto, dass ich zu Hause machte mit dem Kommentar: Das ist Winter. Es zeigt eine Rotweinflasche und ein gefülltes Glas, dass ich dekorativ in den Schnee auf meinem Balkon stellte. Sie ist begeistert, so wie die anderen Thais, denen ich das Foto bisher zeigte, wenn sie mich nach meiner Heimat fragten. Schnee hat in diesem Land noch keiner gesehen. Der höchste Berg des Landes mit über 2500 Metern liegt in der Nähe von Chiang Mai, doch sie nimmt mir die Hoffnung, dass zumindest die Spitze ein Schneehäubchen hat. Sie empfielt die Besichtigung einer krummen Straße, von der sie mir ein Bild zeigt, ich habe sie nic gefunden.
Heute das volle Klischee an der Bar: Der Inhaber und drei seiner englischen Freunde, darunter der Taxifahrer, unterhalten sich biertrinkend über Thaiboxen, vermutlich die hiesige Alternative zum Fußball. Gegenüber ein Typ mit zwei Thailadys. Er spricht nicht einmal Englisch, seinen hingeworfenen Brocken Deutsch entnehme ich einen sächsischen Dialekt.
Später wird auf dem Bildschirm der Bar ein Autorennen, Formel II wird mir gesagt verfolgt. Es könnte eine Szene in einem englischen Pub sein.
Samstag, 7. Dezember
Nach dem Frühstück spreche ich die Thaifrau an, die die Hütten reinigt. Das ist hierzulande nur nach der Abreise üblich, tägliche Zimmerreinigung, die ich ohnehin für übertrieben halte, gibt es nicht. Sie versteht mich nicht. Damit ist es nicht die, die mich hierher brachte und die Verstimmung habe ich mir nur eingebildet. Mit dem untertänigen Wegschauen kann ich nicht umgehen. Die Thailady von der Bar kommt zur Hilfe. Ich frage nach den beiden Frauen, die mich herbrachten, sie bestätigt, dass es nicht die Frau ist, die vor mir steht. Die beiden arbeiten nicht wirklich hier, sie holen nur die Wäsche zum Reinigen, sie wird mir Bescheid geben, wenn die beiden da sind. Ich bin erleichtert, dass ich niemanden beleidigt habe. Von da an schaut mich die Reinigungsdame offen an, das Eis ist gebrochen.
Gleich am Vormittag zieht neben mir ein junges, super gestyltes, thailändisches Pärchen ein, sie machen reichlich Fotos, ansonsten sitzen sie auf der Veranda und plappern in ihr Handy, übrigens hat hier beinahe jeder eins. Schon am nächsten Tag sind sie wieder weg. Für diese eine Nacht rollten sie mit einem riesigen Koffer an, aber vielleicht machen sie eine Rundreise.
Kurz danach stehen die beiden von der Wäscherei vor meiner Tür. Wir unterhalten uns über meine weitere Reise, ich bekomme reichlich Tipps.
Ein Schauer überrascht mich, als ich versuche, in der Sonne braun zu werden, bisher ist davon noch nicht viel zu sehen, ich bin nicht der Strandtyp und mir fehlt das Durchhaltevermögen beim Stillliegen. Schnell raffe ich alles zusammen und suche Schutz an der überdachten Bar. Drei Franzosen, zwei Männer, eine Frau, sitzen dort, Bar und Restaurant werden auch von Leuten aus den umliegenden Resorts und Hotels besucht. Sie begrüßt mich mit einem: This is usual. Und prostet mir zum Trost zu. Sie scheinen Prosecco zu trinken, ich bekomme Lust darauf und bestelle mir ebenfalls einen. Die Frau ist etwa im selben Alter wie ich, einer der Männer ist etwas älter, einer bedeutend jünger. Der Jüngere lässt mich nicht mehr aus den Augen, flirtet der gerade mit mir? Und schon fühlt er sich ermutigt, mich anzusprechen. Leider sitzen die beiden anderen zwischen uns und die Wellen rauschen laut. Aus Höflichkeit rücke ich näher und werde sofort aufgefordert, mich zu ihnen zu setzen. Sie stellen sich vor: Celine und der ältere Mann, Bernard, sind ein Paar, der jüngere, Nicola, ist ihr Sohn, und der macht mich weiterhin an, unglaublich. Ich sitze neben dem älteren Herrn, der als einziger von den dreien zu einer vernünftigen Unterhaltung fähig ist. Er hat hier ein Hotel oder vermietet zumindest, denn er erzählt, dass ihm ein Gast aus der verschlossenen Anlage abhandengekommen ist. Er bestätigt mir, dass hier wirklich hauptsächlich Thais Urlaub machen, aber das höchstens zwei Tage am Stück. Der Sohn hat eine Bar im Nachbarort und lädt mich dorthin ein, Drinks gehen auf seine Kosten. Hier bezahlt der ältere Herr und schenkt mir Prosecco nach. Celine erwähnt wie beiläufig, dass ihr Sohn eine philippinische Frau und Kinder hat. Beim Abschied macht mir der Jüngere eindeutige Avancen. Was geht hier ab? Muss er seine Abschussquote erhöhen, egal wie? Der ältere beschwichtig zum Abschied: Wir sind schlimm, aber nicht gefährlich.
Am Abend ist die Bar richtig voll. Der Engländer, der hier immer sein Feierabendbier trinkt, klärt mich auf: Die kommen alle, um das Rennen zu sehen. Verwundert antworte ich, gestern war doch schon Rennen. Das war das Qualifying, ergänzt der Resortbesitzer. Ich verabschiede mich, nachdem ich meinen Mangosmoothie getrunken habe.
Sonntag, 8. Dezember
Mein Handy macht mich auf die morgige Abreise aufmerksam. Khanom verabschiedet mich mit einer stürmischen See, Gewitter und Regen, überall hängen die roten Fahnen, die davor warnen, ins Wasser zu gehen. Ich lasse meinen Strandaufenthalt ausklingen, braun bin ich nur an Gesicht, Armen und Beinen geworden, bei meinen Strandspaziergängen in ordentlicher Kleidung, sprich Top und kurzer Hose. Der letzte Mangosmoothie, ich werde ihn vermissen.
Den extra mutig gekauften Bikini packe ich ganz unten in den Rucksack, Strand steht derzeit nicht mehr auf den Plan, vielleicht, wenn ich ganz am Schluss noch Zeit habe. Die Flasche mit dem Insektenschutzmittel hatte ich für die Reise zu kräftig zugedreht, dadurch ist sie gebrochen. Ich verteile den Rest auf die Kleidung, die ich sicherlich nicht waschen werde und auf Umhängetasche und Schuhe, in der Hoffnung, dass die Wirkung etwas anhält. Schon wieder Gepäck reduziert.
Neben mir zieht eine französisch sprechende Großfamilie ein, allerdings kommen sie rein optisch vermutlich aus Kanada. Er gewichtig mit hellrotem, lockigem Haar, sie eine rassige, dunkelhäutige Schönheit. Das ältere Paar aufgrund der Ähnlichkeit seine Eltern und dazu drei kaffeebraune Kinder, die übermütig in den Pfützen herumspringen, die der Regen inzwischen auf dem Rasen hinterlassen hat. Der Gärtner, der mir inzwischen in seiner ruhigen Art richtig ans Herz gewachsen ist, sieht großzügig darüber hinweg. Auch dass der dicke Papa über die Blüten trampelt, die er so achtsam liegen lässt. Der junge Thai mit dem offenherzigen Lachen hilft beim Gepäck und hebt den kleinsten Jungen liebevoll die Stufen zur Hütte hinauf. Bei jeder Stufe schwingt er ihn übertrieben weit in die Luft und zählt mit: One and Two and Three. Der kleine quiekt begeistert.
Auf der anderen Seite zieht ein junges Thaipärchen mit Baby ein, es wird richtig lebendig.
Nicola taucht am Nachmittag mit seiner Mutter auf, ich sehe sie an meiner Hütte vorbei zur Bar laufen. Ich liege gemütlich auf dem Bett und leere eine der Wasserflaschen, von denen ich täglich zwei vor die Tür gestellt bekomme. Offiziell bin ich nicht da. Nach einer Stunde ziehen sie wieder ab, in erregter Diskussion laufen sie an meiner Hütte vorbei.
In diesem Resort wurde zu meiner Beruhigung sehr auf Nachhaltigkeit geachtet, dass das nicht selbstverständlich ist, ist mir auch nach den wenigen Tagen bereits klar. Die Reinigungsdame stellte nicht nur jeden Tag das Wasser vor meine Tür, sondern auch frische Handtücher und Toilettenpapier, inzwischen habe ich mich daran gewöhnt, es nicht in die Toilette, sondern in den Eimer daneben zu werfen. Heute nehme ich die Wasserflaschen persönlich in Empfang und zeige ihr den Vorrat an Handtüchern und Toilettenpapier, der sich inzwischen in der Hütte ordentlich stapelt. Sie lacht und nimmt es wieder mit.
Am Abend bietet mir der Resorteigentümer an, mich morgen nach Khanom hineinzubringen, doch er versteht als Engländer meinen Plan, zu Fuß in den Ort zu laufen. Falls es regnet, würde er mich fahren.
Montag, 9. Dezember
Abreisetag. Zusammen mit den Inhabern schätze ich die Wetterlage ein, sie befürchtet Regen, er und ich, an schlechtes Wetter gewöhnt, sehen darüber hinweg. Ich bitte um einen Müllsack, um im Notfall meinen Rucksack zu schützen. Als ich die Rechnung begleiche, hinterlasse ich ein großzügiges Trinkgeld für sein Team, seinen erstaunten Blick kann ich nicht ganz deuten.
Ich lauf los, das tut gut, ich war viel zu faul die letzten Tage. Es regnet auch erst, als ich an der Bushaltestelle ankomme und ein Dach über den Kopf habe. Es ist noch reichlich Zeit, mein Bus fährt erst um zwei Uhr nachmittags.
Erst als mich Leute aus dem Haus hinter mir ansprechen, auf was ich warte, werde ich stutzig. Ich sitze gar nicht an der Bushaltestelle. Ein Vergleich mit dem Foto, das ich vor sechs Tagen machte, bestätigt das. Es hört zu regnen auf, ich laufe weiter und werde fündig. Bei dieser Gelegenheit schlendere ich die gesamte Straße einmal hinauf und hinunter.
Am Schalter zeige ich mein E-Ticket vor, er sieht es lange an, nickt und als ich mich hinsetze, kommt er noch einmal und will es sehen. Er kann eindeutig nichts damit anfangen. Das hatten wir doch schon einmal. Er spricht kaum Englisch, aber ich verstehe, ob ich jemanden habe, bei dem er nachfragen kann. Genau aus diesem Grund gab mir die Dame aus dem Reisebüro in Bangkok wohl ihre Handynummer. Ich kann nicht anrufen, aber er tut es über WhatsApp, hier telefonieren alle so. Er unterhält sich mit der Dame, ich verstehe nichts, dann reicht er mir sein Telefon weiter. Erst als sie auflegt, wird mir klar, dass sie dachte, ich wollte den Anruf und sie sagt nun bei der Busgesellschaft Bescheid, die mich ab Surat Thani mitnehmen, doch sie sollte das hier klären. Er will mir schon wieder ein Ticket verkaufen, ich sage, dass ich dafür schon bezahlt habe, er schweigt und zieht sich zurück.
Die kleinen Busse fungieren auch als Paketdienste. Ich beobachte, wie laufend etwas abgegeben wird. Eingangsbestätigung ist ein Foto von Bus und Fahrer.
Überall sehe ich Statuen von Hühnern in Gold und rot bemalt. Bernard erzählte mir, dass es ein Stück den Strand hinunter einen wichtigen Tempel des Hühnergotts gibt. Verwundert fragte ich, ob die Thais Hühnerfleisch essen, er bestätigt es, ich überlege, ob ich vielleicht sicherheitshalber Schwein bevorzugen soll, von einem Schweinegott hörte ich bisher nichts.
Kurz vor zwei spreche ich den Stationsvorsteher noch einmal darauf an, er nickt, ich darf einsteigen. Hier mischen eindeutig zu viele mit und keiner weiß Bescheid. Ich werde von nun an Tickets Vorort kaufen, das macht so keinen Sinn.
Surat Thani, von allen nur kurz Surat genannt, ist so hässlich, dass es schon wieder Charme hat. Vorsichtig laufe ich um die Bushaltestelle herum. Bei meiner Ankunft sagte man mir, dass ich reichlich Zeit habe, der Bus nach Bangkok fährt erst um sieben Uhr abends, doch ich befürchte, ich könnte mich in dieser Stadt völlig verlaufen. Andere sehe ich immer mit GPS und Google Maps herumlaufen, aber da ich keine thailändische Telefonkarte habe und auf das WLAN meiner Unterkünfte angewiesen bin, fällt das flach, es geht auch ohne.
Es gibt andere Zusteigestellen in der Stadt, an der nächsten steigt ein Trupp junger Männer, vermutlich Amerikaner zu, sie begrüßen andere, die schon im Bus sind. Einer sitzt neben mir. Bald werden irgendwelche Tabletten verteilt und kurz darauf schlafen alle. Beim üblichen Halt zu Halbzeit an einer riesigen Raststätte kommt einer nicht zurück. Der Busfahrer fragt herum, alle sind mit sich selbst oder ihrem Handy beschäftigt oder schlafen. Kurz fühle ich mich verantwortlich, will meinen Nachbarn anschubsen, auf die Frage des Fahrers zu reagieren, aber ich beherrsche mich, ich bin doch nicht die Mutter. Wir fahren ohne ihn ab, da waren es nur noch neun.
Dienstag, 10. Dezember
Um sechs Uhr morgens werden wir an einer stark befahrenen breiten Straße hinausgeworfen. Wie alle anderen kann ich nur vermuten, wo wir sind. Irgendwie in der Nähe der Khao San Road, alle Touristen werden dort abgesetzt. Die Partystimmung ist noch voll im Gang. Ich kann erst ab zwei Uhr in meine Unterkunft, doch ich suche und finde sie schon einmal, es ist nicht weit von der Partymeile. Es war das einzige, was ich auf die Schnelle bekommen konnte. Es scheint nicht mehr üblich zu sein, spontan Vorort zu buchen, alles online im Voraus, aber ich war nicht früh genug dran. Wird schon recht sein. Überraschenderweise ist am Hotel jemand da, denn es ist eine Unterkunft ohne Rezeption. Ich bekam einen Zugangscode, mit dem ich auch meinen Schlüssel erhalte. Ich bin entsprechend nervös, ob das auch klappt, auch weil das Zimmer für Bangkok überraschend billig ist. Die Dame vorort erklärt mir, wie alles funktioniert, ich bin beruhigt. Am Straßenrand ziehe ich die dicke Kleidung für die Fahrt im unterkühlten Bus aus, wohlweislich habe ich darunter schon Top und kurze Hose. Trotzdem werde ich misstrauisch beobachtet, anscheinend hat man ganz schlechte Erfahrung, was die Leute nach der Partynacht im angetrunkenen Zustand alles so machen.
Ich habe reichlich Zeit, mich schon einmal umzusehen. Durch meinen ersten Utrakurzaufenthalt bin ich vorbereitet und gehe es gelassen an. Mit dem Rucksack möchte ich nicht so weit laufen. Gleich um die Ecke gibt es einen Gemüsemarkt. Soeben läuft ein Trupp orange gekleideter Bettelmönche im Gänsemarsch an mir vorbei. Sie bleiben vor jedem Stand stehen und bekommen vorbereitete Päckchen. Das wird für die Standbetreiber aber teuer, jeden Tag, es sind etwa zehn Mönche und jeder bekommt etwas, dafür gibt es Segenswünsche, wenns hilft.
Zwei Typen, Touristen, am Rucksack zu erkennen, pennen in einem gepflasterten Minipark vor dem Tempel. Ein Thailänder, definitiv keine Ordnungskraft, weckt und vertreibt sie, nur so zum Spaß, wie mir scheint, weil er das bei einem einheimischen Obdachlosen auch macht, der daraufhin laut flucht. Die beiden Typen rappeln sich schlaftrunken auf, erstaunlich, wie man mitten im Verkehrschaos so tief schlafen kann. Einer spricht mich an und stellt sich als Türke aus Istanbul vor, er möchte unbedingt meinen Namen wissen, ich ignoriere ihn und beobachte eine junge Thailänderin, die eine alte Frau mit Rollator über die Straße führt. Einige Minuten später fängt mich eine Thailänderin ab, weil ich wieder einmal den Linksverkehr nicht berücksichtigte und mich beinahe ein Auto überfahren hätte. Nun führt sie mich am Arm über die Straße und lässt mich erst auf der sicheren, anderen Straßenseite wieder los. Es gibt erstaunlich viele E-Bus und -Autos. Allerdings würde man auch einen Benziner bei dem beständigen Lärm nicht hören. Ahnungslos laufe ich durch eine enge Straße, ohne zu merken, dass mir leise ein Auto folgt. Thais hupen nicht, das scheint unhöflich zu sein.
Die öffentlichen Verkehrsmittel wurden seit Erstellung meines Reiseführers weiter ausgebaut. An der Touristeninformation bekomme ich einen kostenlosen Plan mit allen Haltestellen. Sich mit dem umfangreichen Netz der Busse auseinanderzusetzen ist vermutlich hoffnungslos. Mir fehlt die Orientierung, ich suche den Königspalast in der falschen Richtung. Erst im Hotel studiere ich in aller Ruhe die wirklich hilfreichen Stadtpläne in meinem Reiseführer und kombiniere sie mit dem Palasts, den ich bei meiner Abfahrt so hell erleuchtet sah.
Die Dame von zuerst sitzt immer noch am Empfang. Gut so, denn der Code funktioniert nicht. Sie gibt mir das Fach mit meinem Schlüssel frei, nachdem ich ihr meine Buchung zeigte. Sie ermuntert mich mit der guten Lage meines Zimmers im fünften Stock und weit über der Straße. Es ist keine Nobelunterkunft, aber ich bin positiv überrascht. Anschließend durchstreife ich entspannter das Viertel und stelle sofort fest, dass unsere Stadtwerke bei der Gestaltung der Elektrokästen gewaltig nachlegen müssen. Allerdings ist das der Kasten, auf den der König täglich start, da fehlen bei uns die Vorraussetzungen.
An einer Ecke sehe ich eine lange Schlange von Menschen, Thais und Europäer. Da ich nahe des Palasts bin und vermute die wollen alle dort hin, frage ich entsetzt eine Frau danach. Nein, das ist die tägliche Schlange der Obdachlosen, es ist uns beiden peinlich.
Ich lande endlich vor den Königspalast. Vermeintlich hilfreiche Taxi- und TukTuk-Fahrer rufen mir nach, dass der schon geschlossen ist und hoffen dabei, dass die blöde Touristin eine Rückfahrt braucht. Das war mir schon klar, es ist auch nur ein Testlauf für morgen. Außerdem kam mir ein Strom Menschen der unterschiedlichsten Rassen entgegen, erschöpft wie nach einem langen Besichtigungstag. Erstaunt stelle ich fest, dass nur wir Europäer nach Schweiß riechen oder riecht der bei den anderen besser, blumiger, das wäre gemein.
Die Nächte in Bangkok werden zur Hölle. Trotz fünften Stock habe ich das Gefühl, mein Bett steht unten auf der Straße, mitten in der Party und die geht immer bis in die frühen Morgenstunden.
Mittwoch, 11. Dezember
Bevor ich zum Palast aufbreche, eile ich zum Gemüsemarkt, um etwas Obst zu kaufen: Bananen, Mangos, Mandarinen und etwas, bei dem ich hoffe, dass es eine Papaya ist.
Nach fünf Stunden bin ich erschöpft, meine Füße schmerzen und ich brauche dringend einen Ruheplatz, mein Zimmer im fünften Stock. Wenn Kultur nicht immer so anstrengend wäre, aber beeindruckend.
Gestern habe ich die gesamte Wäsche ausgelegt, es fühlte sich alles total feucht an. Nun ist es endlich wieder trocken, das muss nur die Luftfeuchtigkeit gewesen sein und in Khanom fiel mir das nicht auf.
Am späten Nachmittag bin ich wieder so weit hergestellt, dass ich mit dem Boot auf dem Fluss bis Chinatown fahre und dort einen Markt durchlaufe. Ich kann mich nicht entsinnen, einmal so viel Plastik auf einem Haufen gesehen zu haben.
Donnerstag, 12. Dezember
Die erste Nacht hörte ich Musik, Autos, Roller und Grölen bis zwei Uhr morgens, letzte Nacht herrschte geradezu Kirchenstille.
Nach so viel Kultur brauche ich optische Entspannung und entschließe mich entlang der Kanäle in die Stadt vorzudringen, die Anzahl ist überschaubar und verringert die Möglichkeit, sich völlig zu verlaufen. Es wurde ein ruhiger, entspannter Spaziergang durch die Mega-Metropole mit über zehn Millionen Einwohnern, naja, nur durch einen kleinen Teil davon. Kaum Verkehr, aber sonst alles: Tempel, Märkte, Cafés und die städtische Kanalreinigung.
So viel Kanäle gibt es nicht und doch brauche ich an einer Stelle lange, bis ich herausfinde, wo ich gelandet bin, dort kreuzten sich überraschend zwei Wasserstraßen. Eine Stunde irre ich herum, um Anhaltspunkte zu bekommen. Dann geht es endlich weiter Richtung Chinatown und einer Nudelsuppe. Sie schmeckt so lecker wie in den guten alten Zeiten in Taiwan. Wenn meine Arbeitskollegen dort dazu aufriefen, mittags zum Nudelsuppeessen zu gehen, war ich immer dabei. Zurück fahre ich mit dem Boot auf dem Fluss, davon war ich gestern schon begeistert.
Freitag, 13. Dezember
Die letzte Nacht war die Hölle, Party und dröhnende Motoren bis in den Morgen, ich habe kein Auge zugemacht. Es ist ein Land für Motorradfans, denn hier dürfen diese Dinger noch so richtig laut röhren. Als der Weckalarm um fünf Uhr morgens ertönt will ich liegen bleiben, aber jeder Moregen wird so sein. Also geht es weiter mit Kultur. Ziel ist die Ruine des alten Königspalasts in Ayutthaya. Dazu muss ich zum neuen Hauptbahnhof Bang Sue und dafür mit dem Schiff zur Metro-Station Bang Po, nur muss ich feststellen, dass Boote frühestens ab sechs fahren. Zurück an der Bushaltestelle entdecke ich auf den Aushängen, dass vier Linien nach Bang Po fahren, als bis sechs Uhr keiner davon vorbeikommt, laufe ich wieder zum Pier. Ein Franzose und drei Deutsche versammeln sich dort gerade. Ich bin also nicht die Einzige, die Boote am einfachsten findet und so billig. Bisher bezahlte ich immer lächerliche sechzehn Baht, also keine sechzig Cent. Es regnet leicht, hatte ich in Bangkok bisher nicht erlebt. Das erste Boot in meiner Richtung trifft kurz nach sechs ein. Leider kommt mein Zeitplan damit durcheinander. Züge nach Ayutthaya fahren laut meines Reiseführers nur alle zwei Stunden, allerdings gilt nicht mehr viel, was darin steht, er wurde vor Korona recherchiert. Nicht einmal den neuen Bahnhof in Bang Sue gab es damals schon. Er ist sehr groß und wahnsinnig ordentlich. Ich frage mich von der Metro zur Zugebene durch. Thais sind immer sehr hilfsbereit, wenn man sie anspricht. Achtung vor denen, die dich ansprechen und unbedingt helfen wollen.
Ich bekomme ein Ticket für zwanzig Baht für die etwa fünfzig Kilometer hinaus zu den Ruinen des Weltkulturerbes. Derselbe Preis wie für zwei Stationen Metro oder zehn Stationen mit dem Boot. Züge sind preiswert, sagten mir die Thais, aber so billig?
Vom Bahnhof ist es noch ein Kilometer zu den Ruinen. Es werden Fahrräder und Roller verliehen, allerdings gibt es erst noch eine Fähre über den Fluss, die nächste Brücke ist weit entfernt, also warum kein romantischer Einstieg. Einige haben schon Fahrräder gemietet, ich laufe. Die Fähre kostet pro Person zehn Baht, für das Fahrrad fünf extra. Nach der Fähre kann man auch Räder leihen und sie sind billiger. Den Eintritt, um mitten durch den Haupttempel laufen zu können, spare ich mir, er ist von außen gut einsehbar und die Anlage ist auch so noch weitläufig genug.
Ich sehe wieder eine dieser Riesenechsen am Seeufer, vielleicht gehören sie zum Tempel und dann kann man ihr Fleisch gebraten auf dem Markt kaufen. Sowie es einen Hühnergott gibt und die Hühner gegessen werden. Wenn ich es mir recht überlege, verspeisen die Christen jeden Sonntag ein Stück vom Leib Christi, ist anscheinend in jeder Religion üblich. Auch diese Frauenfigur mit dem langen Zopf begegnete mir bereits mehrfach. Es ist die Erdgöttin Phra Mae Thorani, Beschützerin Buddhas, eine faszinierende Gestalt. Im Park ist es unglaublich still. Fünf Nächte an Bangkoks Partymeile sind einfach zu viel. Gestern buchte ich das Hotel in Sukhothai, der nächsten Königspalastruine und der Geburtsort Thailands. Auf dem Rückweg bewundere ich die futuristischen TukTuks hier. Zwischendrin wird für den World Heritage Markt aufgebaut, die Elefanten dürfen schon die ersten Besucher herumtragen.
Auf dem Rückweg möchte ich mir auch ein wenig den Ort ansehen und verlaufe mich total. In einer Sackgasse winkt mich ein alter Mann heran, der gerade in seinem Openair Bad, Becken an den Baum gelehnt, Spiegel an den Stamm genagelt, die täglichen Routinen vollzieht. Wundert mich immer wieder, mit welcher Selbstverständlichkeit das in aller Öffentlichkeit geschieht. Er deutet in ein Waldstück. Von der Richtung könnte es stimmen und eine Abkürzung zurück zur Hauptstraße sein. Ich folge dem Weg, doch er endet an einer Flussschleife ohne Brücke. Erst als ich mich umdrehe, entdecke ich die winzige Buddhastatue. Die Wege im gesamten Waldstück sind ordentlich gekehrt, Bänke aufgerichtet. Der gute Mann pflegt wohl alles und er konnte sich gar nichts anderes vorstellen, dass ich absichtlich hierher komme, um es zu besichtigen. Als ich wieder zu ihm zurückkomme, deutet er die Frage an, ob ich ausreichend gebetet hätte, ich nicke und schenke ihm einen anerkennenden Blick, bevor ich alle Straßen wieder genauso bis zur Fähre zurücklaufe.
Am Abend beschließe ich, dass ich unbedingt eine ausreichende Menge Bier zum Einschlafen benötige. Dabei finde ich heraus, dass im 7/11 erst ab fünf Uhr abends Alkohol verkauft werden darf. Außerdem hätte ich dazu Bier in der Dose nehmen müssen, weil ich gar keinen Flaschenöffner habe, und Dosen gehen gar nicht. Also ab in die nächste Bar, davon gibt es reichlich. Die Khao Son Road schreckt mich weiterhin ab, aber das alte Dorf Rambuttri mit seinen engen Gassen sagt mir zu. Kaum sitze ich da und genieße es unbemerkt Leute aller Länder an mir vorbeiflanieren zu sehen, werde ich entdeckt. Es geht viel zu schnell. Erst bleibt er kurz stehen, ich erinnere mich nicht mehr, mit welchem Spruch er plötzlich neben mir sitzt, ist auch egal, denn es wurde ein Abend mit wunderbaren Gesprächen. Seinen Namen sagte er mir, aber diese Information sickerte sofort rückstandslos durch das Sieb meines Namensgedächtnisses. Aus Kalifornien stammt er, das konnte ich mir merken, denn mir ist noch nie ein derart liberal denkender Amerikaner begegnet. Er ist über den aktuellen Wahlsieg in seinem Land genauso wenig begeistert, wie ich über die Tendenzen in meinem. Wir sprechen über unsere Reisen und über unsere Berufe, über Thailand im Besonderen und über den Rest der Welt. Dann muss ich unbedingt ins Bett und er braucht dringend einen Straßenstand mit Essbarem.
Samstag, 14. Dezember
Ich laufe zu Fuß hinaus zum Hauptbahnhof, um das Ticket nach Sukhothai zu kaufen und brauche zwei Stunden. Leider ist der Zug um neun schon ausgebucht, ich muss den um halb acht nehmen, das wird sportlich so früh hier zu sein. Zurück nehme ich die Metro zum Fluss und dort ein Boot. Ich schlendere wieder am Kanal entlang. Dort finde ich einen Essensstand mit diesen knupsrig gebackenen Hähnchenschenkel. Zum ersten Mal verwende ich meine mitgebrachte faltbare Schüssel. Die Leute stutzen zuerst und sind dann begeistert, anscheinend bringen nicht viele ihr eigenes Geschirr mit. Als ich mit den Knochen zurückkomme, reicht sie mir sofort eine Serviette zum Reinigen der Schüssel. Danach entdecke ich ein ruhiges Café direkt am Kanal und bemerke, dass auch ein Hotel angeschlossen ist. Sollte ich je wieder nach Bangkok kommen, werde ich hier übernachten, es herrscht beinahe bedrohliche Stille.
Am Abend durchlaufe ich wieder Rambuttri, um einen guten Aussichtspunkt aufs Volk zu finden und komme letztendlich zur selben Bar wie gestern zurück. Kaum sitze ich dort und halte gerade mein kühles Bier in der Hand, als der Kalifornier auftaucht. Ich fühle mich genötigt zu beschwören, dass ich nicht noch von gestern da sitze. Und wieder wird es ein Abend mit anregenden Gesprächen über Gott und die Welt.
Sonntag, 15. Dezember
Den Gedanken, erneut zu Fuß zum Bahnhof zu laufen, strich ich gestern bereits. Heute Morgen laufe ich zur Bushaltestelle, um einen Bus hinaus zu finden, doch keiner der richtigen Linie, will kommen. Endlich stoppe ich ein Taxi. Er will dreihundert Baht, seinen Taxameter schaltet er nicht ein, ich weiß, dass es dann bedeutend billiger wäre, aber ich sollte jetzt endlich Richtung Bahnhof aufbrechen. Es ärgert mich total und ich fotografiere seine ausgehängte Lizenz, vielleicht wende ich mich bei der Rückkehr an meinen alten Freund bei der Touristenpolizei. Zumindest bin ich rechtzeitig dort.
In Thailand werden Straßen und Gleise in aufwendig hochgezogenen Terrassen übereinandergestapelt, auch eine Möglichkeit, vielleicht sollte ich den Betreibern von Stuttgart 21 einmal ein paar Fotos zukommen lassen.
Der Bahnhof ist verwirrend groß, die Strecke klar vorgegeben, die Züge einfach ausgestattet.
Ich will nur schnell die Einträge zu meinem nächsten Ziel im Reiseführer lesen, doch als ich aufblicke, hat sich dort draußen alles völlig verändert. In sechs Stunden zieht viel Landschaft an mir vorbei und an jeder Station wird klar, dass wir sehr viel Verspätung haben. Ich versuche mir vorzustellen, wie die Thais an den Bahnhöfen stehen und sich über die andauernden Verspätungen beschweren, es fällt mir schwer.
In Pitsanulok kaufe ich sofort das Ticket für die Weiterfahrt in drei Tagen. Die Dame am Schalter ist superfreundlich und erklärt mir genau, wie ich jetzt zum neuen Busterminal komme. Unterwegs finde ich eine Ausschilderung und folge ihr vertrauensvoll. Das ist ein Fehler, denn sie führt überall hin, nur nicht zum Terminal, für den hätte ich einfach weiter der Hauptstraße folgen müssen. Plötzlich finde ich auch niemanden mehr, der Englisch spricht. Nur einer gibt mir den entscheidenden Tipp.
Die Leute am Busbahnhof winken mich freundlich zum richtigen Schalter, die Schaffnerin im Bus könnte unfreundlicher nicht sein. Was ist der den über die Leber gelaufen? Das Ticket reißt sie mir mürrisch aus der Hand, als ich auf ihre thailändische Anrede nicht reagiere und schubst mich genervt auf den richtigen Sitz. Der Thailänder neben mir sieht freundlicher aus. Wir halten an einigen Orten, endlich frage ich meinen Nachbarn, ob das nun Sukhothai sei, er nickt und ich springe auf und hinaus. Draußen, mein Fuß hat noch nicht einmal die Straße berührt, fragt mich ein alter Thailänder: Old or new Sukhothai. Alt. Another ten minutes. Mein Nachbar staunt, ich erkläre es ihm. Daraufhin nölt er die Schaffnerin an, weil sie seiner Meinung nach nicht ihren Job macht, ich nicke innerlich. Es scheint zu wirken, denn in der alten Stadt winkt sie mir geradezu freundlich zu. Der Ort ist wirklich nicht groß und mein Hotel sicherlich nicht weit, aber ich finde es einfach nicht. Ein alter Mann in Uniform läuft mir schon das zweite Mal über den Weg, oder besser gesagt ich ihm. Ich frage um Rat. Sofort versammelt er eine ganze Horde um sich, es scheint alles seine Familie zu sein. Der Hotelname sagt keinem etwas, aber als ich die Karte zeige, auf der es eingezeichnet ist, weiß jeder wo. Ich bin noch innerhalb der Stadtmauern, ich muss wieder hinaus und dort ist die richtige Straße. Ein Junge fuchtelt wild mit den Armen, um es mir richtig zu deuten, dann hält er inne und schlägt vor, mich auf seinem Roller dort hinzubringen, falls ich ihm so weit vertraue. Tue ich.
Das Resort ist ein Traum aus Stille und Schönheit. In meinem Reiseführer steht, wer in der alten Stadt wohnen möchte, muss tief in die Tasche greifen und das tat ich, unterwegs sah ich allerdings auch billigere Hostels, doch ich bereue es nicht. Derzeit stört nur die Busladung Spanier, die kurz nach mir eintrifft, doch die Anlage ist weitläufig. Eine Dame der Rezeption begleitet mich zu meinem Bungalow, vorbei am Pool und Seerosenteichen. Ich mache mich sofort auf zum Schwimmbecken, um ein paar Runden zu drehen. Drei Spanier kommen dazu, merken aber sehr schnell, dass ihnen das Wasser zu kalt ist.
Montag, 16. Dezember
Am Morgen gibt es ein umfangreiches Frühstücksbuffet und dann geht es mit einem hoteleigenen Fahrrad zu den Ruinen.
Sie sind wirklich beeindruckend, doch alles ziemlich ähnlich, zum Schluss wäre ich beinahe die Runde noch einmal geradelt.
Auf dem Rückweg zum Hotel suche und finde ich die Bushaltestelle für morgen. Es gibt nur drei Busse am Tag, zwei davon am Morgen. Das passt. Tickets gibt es vor der Abfahrt.
Im Hotel drehe ich noch ein paar Runden im Pool, dieses Mal noch bei Sonnenlicht, dann ist auch das Wasser nicht so kühl und am Morgen labe ich mich wieder am Frühstücksbuffet.
Dienstag, 17. Dezember
Kurz nach mir erreichen zwei Männer die Bushaltestelle. Bevor sie auf die andere Straßenseite verwiesen werden, erzählen sie, dass sie auch noch Chiang Mai wollen. Der Bus von Bangkok dort hin, hält hier. Sie brauchen für die Strecke fünf Stunden, mein Zug benötigt sechs.
In Pitsanulok bleibt noch ausreichend Zeit, um mich auf dem Markt umzusehen, bei manchen Sachen bin ich mir nicht sicher, ob man die wirklich essen sollte. An einem Stand sehe ich einen großen Beutel Cashewkerne, oh, ich liebe die. Ich frage den Mann, was die kosten, zweihundert Baht für etwa ein halbes Kilo, ich nehme sie. Später fällt mir auf Märkten auf, dass die Preise ähnlich den unseren sind und ich sie damit extrem billig bekam. Und in meiner Erinnerung war da nur dieser eine Beutel. War das überhaupt sein Stand? Er wirkte überrascht. War das die Brotzeit seines Nachbarns? Womöglich die Wochenration?
Und schon fliegt wieder eine Menge Landschaft an mir vorbei. Bei jedem Ortswechsel landen die ‚abgearbeiteten‘ Kapitel meines Reiseführers im Müll, diesen Ballast kann ich beruhigt abwerfen. Es ist zu wenig Brauchbares auf den Seiten, seit und mit Korona hat sich einfach zu viel geändert.
Es dauert noch, bis mein Zug einfährt, die Bahnmitarbeiter auf den Bahnsteigen teilen die Leute allerdings bereits ein, damit jeder schon an der richtigen Stelle zum Einsteigen in den Waggon steht. Es werden auch Leute zum nächsten Gleis geschickt. Dort stehen Wagen der dritten Klasse mit Fahrziel Chiang Mai. Nun sehe ich mir mein Ticket genauer an und mir wird klar, warum es doppelt so teuer war. Heute fahre ich zweite Klasse. Die Züge trugen bisher die Bezeichnung Rapid oder Express, nun ist es ein Special Express. Ich befürchte, es wird eine Klimaanlage geben. Bei dem Gedanken fröstelt mich und ich ziehe den Reißverschluss meiner Jacke höher. Erstaunlicherweise benötigt dieser spezielle Zug doppelt so viel Zeit wie für die bedeutend längere Strecke von Bangkok hier her. Bisher gab es immer Verspätung, vielleicht liegt der Vorteil dieses Zuges darin, dass er Vorrang vor den anderen hat. Ich werde es bald wissen.
Erste Erkenntnis ist, dass Fotos zu machen heute nicht so einfach ist, da die Fenster richtige Scheiben haben und geschlossen sind. Ich klappe den Restbestand meines Reiseführers auf und lese, was dort über nachhaltige Elefantenhaltung gesagt wird. Ich würde gern eines dieser Camps besuchen, aber nicht, wenn die Tiere dort leiden. Seit die thailändische Holzindustrie den Bach runter ging, stehen unzählige Mahuts mit ihren Elefanten auf der Straße, auswildern war bei der schieren Menge nie ein Thema, sie in die Tourismusindustrie einzugliedern scheint naheliegend. Glücklicherweise ist das Reiten der Tiere für Hinz und Kunz inzwischen verpönt, es gibt Camps, in denen die Besucher einfach nur mit den Tieren zusammen sind.
Ich blicke aus dem Fenster, weil der Zug langsamer wird und die Lock beinahe ächzende Geräusche von sich gibt. Um mich herum sind Hügeln und wir quälen uns soeben hinauf, also nicht wir, der Zug tut das netterweise und nun weiß ich, warum wir so lange brauchen, ab in die Berge!
Der erste Eindruck von Chiang Mai ist enttäuschend. In meinem Reiseführer steht, dass der Tourismus die Kultur und Architektur zurückdrängt. Wann waren die das letzte Mal hier? Von der Kultur ist gar nichts mehr übrig. In meiner Vorstellung hatte ich die Szenen, Häuser und Menschen aus dem historischen chinesischen Filmen, war vielleicht etwas zu naiv. Um mich herum dröhnt der Verkehr in derselben Lautstärke wie in Bangkok und die Stille in Sukhothai verweichlichte mich. Hier sehe ich zum ersten Mal die leicht bekleideten käuflichen Mädels, diese Stadt hat zu wenig versteckte Winkel, in der Hauptstadt fand ich nie heraus, wo das Rotlichtviertel ist und ob es so etwas überhaupt gibt. Außerdem herrscht der selbe Straßenlärm wie in Bangkok. Getoppt wird das dadurch, das Thailänder Verkehrsregeln eher als Kann-Reglen, als als Muss betrachten. Trotzdem bin ich überzeugt, dass es in diesem Chaos weniger Verkehrstote gibt. Ein Deutscher beachtet die Regeln, besteht auch darauf und wird nie ausweichen, so lange er sich im Recht sieht. Hier weicht jeder jedem aus, egal wer im Recht ist.
Es ist inzwischen dunkel, aber der Weg zum Gasthaus ist einfach. Eineinhalb Kilometer der Hauptstraße folgen, über den Fluss und an der Stadtmauer rechts. Ich wimmle die nervigen Taxi- und TukTuk-Fahrer ab, auch das ist wie in der Hauptstadt, und laufe los. Unter der Brücke räkelt sich träge ein breiter Fluss, das besänftigt mich ein wenig. Der Anblick der Stadtmauer versöhnt mich und ich gebe der Stadt eine Chance.
Ich suche in den engen Gassen ewig mein Guesthouse und kann es nicht finden. Ein Schild ‚Information‘ zieht mich magisch an, wenn es Hilfe gibt, dann dort, obwohl ich sofort sehe, dass ich an einer Hotelrezeption stehe, es ist nicht meines. Auch der Typ dort, kann mit dem Namen Libra gar nichts anfangen, aber online findet er den Namen und wohl auch eine Telefonnummer. Ein kurzes Gespräch und er schiebt mich zur Tür hinaus und zwei Häuser weiter, da ist es. Er arbeitet zwei Häuser weiter und kennt den Namen des Gasthauses nicht? Eigenartig. Egal, denn in dem dunklen Hof bewegt sich ein noch dunklere Schatten auf mich zu, Licht flackert auf und eine Frau öffnet skeptisch, ob ich eine Buchung habe. Ich zeige ihr die Mail mit der Zusage, die ich von hier bekommen habe. Sie öffnet und entschuldigt sich. Es ist hier alles abgesperrt, weil die betrunkenen Gäste der umliegenden Bars andauernd im Garten herumliegen. Sie führt mich in den schluchtartigen, verschachtelten Innenhof von mindestens zehn mittelgroßen Häusern und dann zwei Stockwerke nach oben. Mein Gehirn dreht einen Film, ein angeborener Fluchtinstinkt, der mich dazu nötigt, jeden Moment zu wissen, wie ich da wieder herauskomme. Oben öffnet sie mir eine Tür und weist einladend in mein Zimmer, einen Pool gibt es auch um die Ecke, das Einchecken machen wir morgen und schon ist sie weg.
Sogar im Süden lag auf dem Betten eine leichte Steppdecke, auch wenn die bei der Hitze völlig unnötig war, doch hier im Norden, wo es nachts bis zu vier Grad kalt werden kann, gibt es nur ein dünnes Leintuch. Das Zimmer hat auch keine richtigen Fensterscheiben, sondern nur Glaslamellen. Ich friere die ganze Nacht und bitte für die nächste um eine Decke.
Mittwoch, 18. Dezember
Am Morgen führe ich ein langes Gespräch (oder war es ein Vortrag) mit der engagierten Inhaberin, die Frau von gestern. Stichpunktartig bleibt bei mir hängen: stolz auf Lannna Kultur - Krieg in Burma – Flüchtlingslager entlang der Grenze – Long necked Women leben seit fast vierzig Jahren dort, brauchen Hilfe – sie haben zwei Jungs hier aufgenommen, die in Thailand bleiben wollen, aber keine Aufenthaltsgenehmigung bekommen – Mutter bekommt so wenig Rente, in Deutschland gibts da mehr – Schulen kosten sehr viel, in Deutschland ist das frei …. Ich bin überfordert und steige mit der Überlegung aus: Ist Myanmar dasselbe wie Burma.
Das Thema der Long necked Women lässt mich nicht mehr los, da Touren zu diesen Dörfern überall angeboten werden. Erstens ist es entwürdigend, diese Frauen wie in einem Zoo zu besuchen und zweitens kann ich nicht nachvollziehen, warum das Frauen weiterhin mit sich machen, wenn sie dadurch nicht mehr in der Lage sind zu arbeiten und ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Frauen haben es auch mit einem normal langen Hals nicht leicht, warum gibt es so viele Traditionen, die uns noch hilfloser machen?
Chiang Mai gewinnt mit der Zeit. Die Menschen achten hier mehr auf die Umwelt, es gibt Versuche, Plastik zu vermeiden. Ich höre immer wieder, dass man stolz ist auf die Lanna Kultur, was immer das bedeutet. Aus meinem Reiseführer weiß ich, dass bis zum Ausbau des Bahnnetzes bis in den hohen Norden der Bezug zu den Nachbarländern Myanmar und Laos enger war als zu Bangkok. In den Bergen leben sehr unterschiedliche Volksstämme, teilweise auch sehr zurückgezogen, doch alle sind sich anscheinend einig, dass sie anders sind als die im Süden. Dieser Stolz gefällt mir.
Auf den Märkten sehe ich überall Cashewnüsse und getrocknete Mangos, aber Achtung, ich kann mich daran tot essen.
Donnerstag, 19. Dezember
Ich habe eine Tour zu einem Elefantencamp gebucht. Es gibt sehr viele Anbieter, lange las ich mir alle Prospekte durch, um eines zu finden, die die Elefanten nicht zu sehr zur Schau stellen und schon gar nicht, wenn man auf ihnen reiten kann.
Die Fahrt ist lange und ich sollte direkt unter dem Doi Inthanon, dem höchsten Berg des Landes stehen, aber ich sehe ihn nicht. Berge haben das so an sich, das man sie nicht sieht, wenn man direkt davor steht. Von der Stadt aus konnte ich ihn in der Bergkulisse nicht zuordnen, es gibt mehrere Spitzen. Aber nun geht es um Elefanten und nicht um Berge. Ich lerne sofort, dass sich ein Elefant überhaupt nicht für einen Menschen interessiert, außer der hat etwas Essbares in der Hand, aber dann wirds lustig.
Es war alles dabei, Elefanten füttern, Waschen, mit Schlamm bespritzen und mit ihnen im Wald spazieren gehen, dann sieht man sie allerdings kaum, weil sie sofort im Bambus verschwinden und fressen. Nur: Kommt ein Baum auf dich zu, steckt meistens ein Elefant dahinter. Witzig finde ich immer, dass die Thais ausländische Frauen mit Madam, deutsch ausgesprochen, anreden. Auch sonst werden englische Wörter nicht korrekt, sondern aussprachegerecht geschrieben, sieht manchmal komisch aus. Trotz Insektenschutzmittel komme ich gut zerstochen zurück. Die Thailänder nennen es Dschungel, aber es ist einfach nur Wald, licht und überschaubar wie der unsere.
Freitag, 20. Dezember
Natürlich ist Chiang Mai nicht ganz so laut wie Bangkok und dann entdecke ich meine Oase des Friedens. Eines der letzten alten Teakhäuser wurde zum Teehaus ausgebaut, ich verliebte mich sofort in diesen Ort, nicht nur, weil es dort den perfekten Tee gibt. In Bangkok saß ich im Dorf Rambuttri, um den Touris beim Flanieren zuzusehen, hier starre ich in den Garten mit meditativer Wirkung. Und die Stadt hat natürlich noch mehr Ansehnliches zu bieten, man muss nur genauer hinsehen. Die gesamte Altstadt, wie hierzulande üblich im Rechteck angelegt, wurde dereinst von einer Mauer und einem Wassergraben eingefasst, der Graben ist noch geblieben. Das eigentliche Touristenzentrum liegt zwischen Altstadt und Fluss, meine Unterkunft, ein alteingesessenes Guesthouse befindet sich in der Nordostecke innerhalb der ehemaligen Mauer. Quer gegenüber wird die Stadt ruhiger und edler, moderne Architektur wurde achtsam eingepasst. Falls ich noch einmal in diese Stadt komme, würde ich mir dort ein Hotel suchen. Und natürlich gibt es an jeder Ecke einen Tempel. Was mir hier im Besonderen auffällt, sind die Dentalkliniken an jeder Ecke. Wer holt sich hier den günstigen Zahnersatz? Die Füße schmerzen, aber nun lief ich vermutlich jede Straße der Altstadt einmal hinauf und hinunter und den besten Essensmarkt entdeckte ich dabei auch.
Durch das Laufen mit Flipflops auf den staubigen Straßen sind meine Füße inzwischen dunkel gebeizt, der Schmutz sitzt so tief in der Haut, dass Schrubben nicht mehr hilft. Ich wollte ohnehin einmal das mit den Fischen austesten. An einem Haus, in dem Thaimassage angeboten wird, stehen zwei Aquarien mit den Fischen, die eigentlich die Scheiben sauber halten. Hängt man Füße hinein, säubern sie die auch, die kennen da nix. Fühlt sich anfangs eigenartig an, aber man kann sich daran gewöhnen. Ein Mann, der gerade seine Frau bei der Massage zurückließ, empfiehlt mir, noch ein wenig nach links zu rücken, denn dort sitzt der richtig große Fisch und der putzt am meisten weg. Genau dem versuche ich auszuweichen, da ich befürchte, der würde vielleicht auch die ganze Zehe abbeißen, ich schiebe meine Füße in die entgegengesetzte Richtung. Danach sind sie wirklich sauberer. Ich hoffe, den Fischen hat es geschmeckt.
Schon mehrfach sind mir hier Männer aufgefallen, die in Gruppen auftreten, meistens mit lauten Musikinstrumenten. Sie sind in rote oder orange Trainingsanzüge gekleidet, treten den Touristen massiv in den Weg und vordern Money for Buddha. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wirklich jemand so dumm ist und sie für Mönche hält. Auch wenn die gerne in luxurösen Limosinen durch die Gegend kutschieren, so gehen sie nur morgens zum Betteln, barfuss, und sie wollen nur Lebensmittel, auch würden sie sich nie an Touristen wenden, schon gar nicht derart militant.
Samstag, 21. Dezember
Bisher versuchte ich vergeblich aus den Städten hinaus in die Natur zu kommen. Heute breche ich zum Doi Suthep auf. Dort soll es einen Tempel geben, welch Überraschung, und sogar die Inhaberin des Guesthouse sprach von einem Wanderweg. Sie empfahl von der Stadt aus einen dieser Kleinlaster, die als Busse fungieren, zu nehmen, ich laufe einfach los, so weit kann es nicht sein. Unterwegs halte ich an einem kleinen Café und bekomme endlich einen schmackhaften Kaffee, dazu noch einen leckeren Schokomuffin. Die junge Bäckerin fragt nach meinem Urteil, doch ich kann sie völlig beruhigen, die sind ihr wirklich ausgezeichnet gelungen. Das Weihnachten vor Korona verbrachte ich in London und aß vermutlich am selben Tag in irgendeinem Starbucks, meistens der an der Towerbridge, einen ähnlich leckeren Muffin und einen ausgezeichneten Kaffee. Irgendwo dort draußen, in einem anderen Teil der Welt ist bald Weihnachten, ich spüre davon nichts. Für die Touristen wird ein wenig dekoriert, aber das wars auch schon.
Jedes Mal, wenn ich irgendwo sitze und etwas ganz genau sehen möchte, kommen hundert andere Dinge dazwischen, die es auch wert sind, beobachtet zu werden. Soeben hält gegenüber einer dieser roten Kleinlaster, die meistens Touristen nutzen. Die Koffer sind auf dem Dach festgezurrt. Das sah ich noch nie. Wie kommt der Fahrer dort hinauf? Im selben Moment kommt der Junge vom Café mit einem wunderbar traditionell gearbeiteten schweren Sonnenschirm heraus und versucht ihn so zu positionieren, das Schatten auf der Terrasse ist. Leider steht die Sonne noch zu tief. Er rückt hin und her, wird zunehmend verzweifelter, aber der Schatten des Schirms fällt nur auf das Nachbargrundstück. Schließlich gibt er auf, stellt ihn möglichst zentral auf und überlässt der Sonne die Entscheidung.
Natürlich laufe ich eine Ewigkeit an stark befahrenen Straßen entlang, dann kommt der Zoo, danach wird die Straße schmäler und kurviger und es wird ein Wasserfall ausgeschildert. Dort bekomme ich endlich ein wenig Natur zu sehen und zu spüren. Für manch einen ist das schon zu viel. Mir kommt ein junger Mann mit Guide entgegen, oblohl es ordentlich angelegte Wege gibt und der Bereich zwischen Straße auf der einen und Schlucht auf der anderen Seite äußerst überschaubar ist. Thailands Wildnis besitzt nicht mehr viel Bedrohliches. Die letzten Tiger wurden in irgendeinem Naturschutzgebiet gesehen, wo es auch noch wilde Elefanten geben soll. Schlangen sah ich bisher nur überfahren und tot auf der Straße und eine Spinne ist mir auch noch nicht über den Weg gelaufen, worüber ich nun auch nicht erbost bin. Ich freue mich allerdings jedes Mal, wenn eine kleine Echse an mir vorbeihuscht. Auch begegnete mir bisher keiner der Geister, für die vor jedem Haus ein eigenes kleines, tempelartiges Häuschen steht. Sie werden beständig mit frischen Lebensmitteln versorgt, damit es auch ja keinen Grund für sie gibt, die Wohnstätte der Menschen zu betreten. Der Geisterglaube ist älter wie der Buddhismus und hält sich dessen unbeeindruckt. Glücklich und zufrieden kehre ich in die lärmende Stadt zurück. Da die Geräuschkulisse der Motoren derart beständig ist, gewöhnt man sich ziemlich schnell daran. Heute fällt mir auf, dass die Mahlzeiten in den Garküchen immer sehr klein sind, nach einer Wanderung könnte ich mehr vertragen.
Sonntag, 22. Dezember
Ich hätte mich früher erkundigen müssen, wenn Museen offen haben. Am Wochenende zumindest nicht. Etwas außerhalb der Stadt würde es eine Ausstellung über die Bergvölker geben. Laut meines Reiseführers ist heute geschlossen, aber bisher gab es noch nicht viele Angaben in diesem Buch, die noch stimmten. Ich laufe trotzdem hinaus. Ich finde es, obwohl es äußerst versteckt liegt, und es ist geschlossen. Schade. Es ist mein letzter Tag in dieser Stadt.
Am Sonntag werden einige Straßen im Zentrum für den Straßenverkehr gesperrt und ein Markt aufgebaut. Ich versuche hindurchzuschlendern, aber es sind Menschenmassen unterwegs. Plötzlich entdecke ich einen alten Mann, der eine Decke zwischen den anderen Ständen auf dem Boden ausgebreitet hat. Es stehen schon fünf oder sechs kleine, grob geschnitzte Elefanten an einer Ecke der Decke und beobachten den vorbeiziehenden Strom. Ich hocke mich dazu und beobachte den Alten, wie er liebevoll mit Sägemehl und Leim winzige Löcher bei anderen Elefanten verschließt. Längst habe ich mir einen ausgesucht, beobachte ihn aber weiterhin fasziniert. Dadurch werde ich zum Gesprächsthema der umliegenden Standbesitzer. Endlich reiche ich ihm das Geld und stecke den kleinen Elefanten in die Tasche.
An den Essensständen ziehe ich wieder meine faltbare Schüssel hervor, lasse sie mit Leckereien füllen und bekomme überraschend ein Kompliment von einem jungen Amerikaner: Realy smart to bring your own dish with you. This food is so delishes, but all this plastic is terrible.
Montag, 23. Dezember
Mit einem letzten Abstecher ins Teehaus und einem Frühstück verabschiede ich mich von der Stadt und laufe hinaus zum Busbahnhof.
Bisher hielt ich es für ein Gerücht, dass zur Weihnachtszeit alles überlaufen ist, aber nun wird es wahr. Stündlich fährt ein Van, also ein Bus mit etwa zwölf Sitzen, nach Pai. Der nächste Platz ist um halb sieben Uhr abends frei. Das ist eine lange Zeit. Ein Mitarbeiter der einzigen Busgesellschaft in diese Richtung würde auch einen Sonderbus chartern, für fünfhundert Baht pro Person. Ich denke den Bruchteil einer Sekunde darüber nach und lehne das unverschämt teure Angebot dann dankend ab. Das reguläre Ticket für den Abend kostet hundertfünfzig Baht.
Derart von der Realität überrumpelt laufe ich durch den Busbahnhof auf der Suche nach einer Buslinie nach Nong Khai. Mal sehen, wann ich dafür ein Ticket bekomme. Meine Befürchtungen sind berechtigt. Ich finde eine einzige Gesellschaft, die in diese Richtung fährt und sie kann mir frühestens für den 29. einen Platz bieten. Ich nehme ihn sofort. Derzeit habe ich für zwei Tage ein Hotel in Pai gebucht und wollte danach zwei Tage nach Chiang Ray, ins Goldene Dreieck, der ehemaligen Kokainhochburg zwischen Thailand, Laos und Myanmar. Nun werde ich versuchen, in Pai um einen Tag zu verlängern und auch drei Tage in Chiang Ray zu verbringen, anschließend kehre ich hierher zurück.
Zum Zeitvertreib streune ich ein wenig durch die unattraktiven Straßen des Stadtrands. Ein alter Mann spricht mich derart überraschend an, dass ich es nicht sofort als Englisch erkenne. Er ist Kanadier, mindestens achtzig und schläft meistens in Mehrbettunterkünften, damit das Geld für einen möglichst langen Aufenthalt reicht. Er klagt, dass er seit Tagen kein Auge mehr zugemacht hat, da seine Zimmergenossen unangebracht laut sind. Das ist der Grund, warum ich diese Übernachtungsmöglichkeit sofort von meiner Liste nahm. Das sind nur Unterkünfte für Partypeoaple. Entweder macht man wie alle die Nacht zum Tag oder es wird zermürbend. Derzeit ist er auf der Suche nach der Wäscherei, zu der er gestern seine Sachen brachte, aber er kann sich nicht mehr so genau erinnern, wo sie war. Wir setzen uns in den Schatten des Busbahnhofs und tauschen Reiseerfahrungen aus. Er ist schon ganz schön rumgekommen, war auch schon in Nong Khai, allerdings als Tagesausflug von Udon Thani. Er fragt mich über Pai aus, weil jeder darüber redet. Ich lausche seinen Erzählungen über Kho Chang. Auch er bewegt sich bevorzugt in Zügen durch das Land, so lässt sich am meisten sehen.
Ab Mittag sitze ich wieder an der Stelle, an der die Busse nach Pai abfahren, in der Hoffnung, dass vielleicht einer nicht kommt, weil die Party letzte Nacht zu lange dauerte und ich habe Glück. Um halb vier darf ich in einen Bus steigen und bin im Nachhinein äußerst erfreut darüber, denn so sehe ich die angeblich 762 Kurven hinauf und wieder hinunter nach Pai. Später erfahre ich, dass das dortige Krankenhaus hauptsächlich damit beschäftigt ist, Touristen, die dachten, Rollerfahren kann nicht so schwer sein, wieder zusammenzuflicken. Beinahe jeder zweite läuft mit Abschürfungen oder bandagiert herum. Die Kurven haben es in sich und die Thailänder sitzen ab dem zehnten Lebensjahr auf einem Roller, natürlich sieht das bei denen leicht aus. Der Fahrer des Vans hat es voll im Griff. Er trägt einen gezwirbelten Schnurrbart. Thais tragen überhaupt keine Bärte. Hat er vielleicht bayrische Vorfahren?
Das Knacken in meinen Ohren sagt mir, dass wir im Gebirge sind. An vielen Stellen ist die Straße weggebrochen oder von Erdrutschen überschüttet, aber für den beständigen Verkehr wird immer eine Spur freigeräumt. Erst komme ich nicht darauf, was mir fehlt, dann funkt es: die Werbetaflen, dafür gibt es Berge. Chiang Mai liegt auf 310 Meter Höhe, Pai auf 736, aber dazwischen lagen mindestens eintausend Höhenmeter.
In Pai ist es bereits dunkel, als ich ankomme, Tausende sind auf den Straßen unterwegs und ich finde mein Hotel nicht, obwohl es eigentlich gleich um die Ecke sein sollte. Fünf Mal gefragt, vier Mal in die falsche Richtung geschickt worden, aber dann stehe ich endlich davor. Die Rezeption ist dunkel. Was nun? Nebenan ist eine Autowerkstatt, in der noch gearbeitet wird. Der junge Mann dort wendet sich an die nächste Nachbarin und die ruft irgendwo an. Nur eine Minute später erscheint eine schlecht gelaunte junge Frau, knurrt etwas von ‚Reservation‘, ich nicke, sie blickt auf meinen Namen auf dem Buchungsbeleg, nimmt einen Schlüssel und schreitet voran. Als sie mich bei meinem Bungalowzimmer zurücklassen will, wage ich schnell zur fragen, ob eine Verlängerung um eine Nacht möglich ist. Empört antwortet sie: We are full.
Das Zimmer ist in Ordnung, der Empfang aber derartig unterkühlt, dass ich mich nicht wirklich wohl fühle. Ich suche online nach einer weiteren Übernachtungsmöglichkeit und buche dort gleich für vier weitere Nächte. Die Fahrt über die Berge beeindruckte mich, dann kann der Ort und die Umgebung bei Tageslicht doch nur gut sein. Nun ist noch Zeit, die Walkingstreet zu besuchen. Jeden Abend ab sechs Uhr wird die Straße für den Verkehr gesperrt und Marktstände werden aufgebaut, an den meisten davon gibt es leckeres Essen. Hier empfiehlt es sich bei Einbruch der Dunkelheit eine wärmende Jacke zu tragen. Das Gedränge ist nicht ansatzweise so groß wie in Chiang Mai. Entspannt schlendere ich durch und hole mir an dem einen oder anderen Stand etwas zu Essen.
Dienstag, 24. Dezember
In bester Laune lege ich eine Richtung fest, in der ich heute aus der kleinen Stadt aufs Land hinaus laufen werde und entdecke dabei zufällig ein kleines Café mit superleckerem Kaffee mit Bohnen aus der Region.
Und sofort fallen mir am Straßenrand die genialen Mülltonnen auf, gefertigt aus alten Autoreifen.
Ich finde, diese Kühe sehen futuristisch aus.
Ohne es zu wissen, lande ich an einem der touristischen Plätze, der bei vielen Touren angefahren wird, das chinesische Dorf, viel Kitsch auf einen Punkt gebracht. Die chinesischen Touristen lieben es, sich dort Kostüme auszuleihen, um vor der Kulisse Fotos zu machen. Wie schon so oft beobachte ich, dass Chinesen wie auch die Japaner für Fotos immer völlig unnatürliche Posen einnehmen.
Davor konnte ich viel Landschaft bestaunen und danach auf einem Hügel eine grandiose Aussicht geniesen. Seit gestern trällert eine innere Stimme in einem fort das Kufsteinlied. Ich vermute, das bedeutet, dass ich mich Zuhause fühle. „Umrahmt von Bergen …“ Das lässt das Herz eines jeden Alpenländers höherschlagen. Warum fühlen wir uns erst dann wohl, wenn wir Berge sehen? Auch in Neuseeland traf ich unten bei den Gletschern gehäuft Süddeutsche, Österreicher und Schweizer.
Damals in Taiwan sah ich die erste Ananaspflanze, bis dahin dachte ich, die wachsen auf Bäumen. Auf Cuba entdeckte ich, dass Mangos an langen Schnüren vom Baum hängen, wie wenn die Natur möchte, dass sie ja nicht weit fallen. Und seit heute weiß ich, wie ein Papaya-Baum aussieht, oder soll ich es als Palme bezeichnen?
Seit Tagen laufe ich mit dem kleinen Holzelefanten in der Tasche herum. Nach dem Kauf setzte sich schnell und unnachgiebig der Gedanke in meinen Kopf fest, dass ich diesen kleinen Kerl nicht seiner Heimat entreißend dürfte. Heute finde ich das neue Zuhause für ihn. In einer Ecke des chinesischen Dorfs steht eines dieser kleinen Geisterhäuser. Zwei Pferde stehen bereits vor dem winzigen Tempel, nun auch noch ein kleiner Elefant. Er hat eine wunderbare Landschaft um sich herum.
Auf dem Heimweg wird mir die Erkenntnis zuteil, warum in heißen Ländern in den Tempeln Räucherstäbchen statt Kerzen angezündet werden. Letztere verwandeln sich sehr schnell in einen original Picasso.
Morgens liegen die Berge noch im Dunst wie am Bodensee, gegen Mittag hebt sich schlagartig der Nebel und entblößt eine beeindruckende Landschaft. Solange es nebelig ist, ist warme Kleidung ratsam.
Dieses Mal bin ich für den abendlichen Street Walk ausreichend warm angezogen und kann es gelassen angehen. Dazu gehört ein Singha zu trinken und den Touris beim Flanieren zuzusehen, mit besonderem Augenmerk auf die vielen Verbände, Schürfwunden oder ein humpelnder Gang und das sind nur die, die die Scooterunfälle überlebt haben oder noch stehen können. Die Inhaberin der Bar ist eine thailändische Rockerlady, cool. Gegenüber springen die Kellner im Spider- oder Supermankostüm kombiniert mit aufgesetztem Elchgeweih herum. Für die Thailänder scheint Weihnachten so etwas wie Fasching zu sein.
Ich probierte mich durch alle thailändischen Biersorten, zumindest durch die drei bekannten. Singha schmeckt wie ein bayrisches Helles und ist mir das liebste. Chang ist ein Pils. Im Elefantencamp erklärte uns der Guide, dass Chang das Wort für Elefant ist und dass das Bier so heißt, weil eine ganze Menge Elefantenpipi dazugemischt wird. Dann gibt es noch Leo, geschmacklich liegtes zwischen den beiden anderen.
Mittwoch, 25. Dezember
Zuallererst ziehe ich in mein neues Domizil um, zumindest bringe ich meinen Rucksack dort hin, einchecken kann ich erst am Nachmittag. Es liegt gleich an einer der Ausfallstraßen, aber mein Zimmer ist weit hinten im Garten. Es gibt hier bedeutend weniger Straßenverkehr, Pai ist wirklich nur ein größeres Dorf.
Am Café werde ich heute schon wie eine alte Bekannte begrüßt und sie verzeiht mir, dass ich keine Sprachenbegabung habe und mir das komplizierte Sawasdeekha für Hallo einfach nicht merken kann. Sie gibt zum Kaffee immer ein Glas Tee dazu. Eine eigenartige Kombination, aber ich gewöhne mich daran. Tee wärmt besser und es ist am Morgen schon sehr frisch.
Gestern sah ich ihn schon von Weitem auf der anderen Seite des Tals, heute mache ich mich auf den Weg zum weißen Buddha, er möchte das jeder dazu erst eine steile Straße und danach 534 Stufen erklimmt. Hier im Norden findet man die Naga überall an den Tempeln, auch in Bangkok fielen mir diese Schlangen auf, aber hier sind sie viel größer. Ich liebe diese Gestalt.
Von unten erklingen chinesische Stimmen mit militärischem Drill, unterbrochen von Dauer-Jingle Bell-Beschallung. Scheint ein Urlaubscamp zu sein, die Chinesen sind schon ein eigenartiges Volk.
Hier einmal ein kurzer Exkurs in die Politik:
Thailand kann ich politisch schwer einschätzen. Derzeit scheinen Wahlen zu sein, also gibt es eine Demokratie, doch immer wieder werden gewählte Volksvertreter vom Militär entmachtet. An einer Kaserne las ich: für König, Religion und Volk. Vielleicht entmachten sie nur die, die sich zum Diktator aufschwingen wollen. Kann das Militär volksnah sein? Bisher sind mir folgende Parteien auf den Plakaten aufgefallen: die in den dunkelblauen Arbeitshemden wirken wie aus der chinesischen Volkspartei, sind also vermutlich Kommunisten; die in den weißen Poloshirts mit roter Parteiaufschrift wirken wie die Arbeiterpartei, die mit den weißen Hemden und den dunkelblauen Anzugjacken, vermutlich die Konservativen und die in den Militäruniformen.
Myanmar, auch Birma oder Burma, grenzt im Westen an Thailand und ist als Militärdiktatur bekannt. Auf der Liste des Demokratieindex liegt es vor Afghanistan auf vorletzter Stelle.
Laos liegt im Nordosten, auch hier eine autoritäre Regierung, regelmäßig höre ich über Amnesty von Menschenrechtsverletzungen.
Kambodscha im Osten, auch hier ein autoritäres System in Form einer parlamentarischen Monarchie mit dem Präsidenten als absoluten Machtinhaber, der sein System scheinbar durch Korruption am Laufen hält.
Malaysia im Süden,ebenfalls eine parlamentarische Monarchie, könnte das demokratischste Nachbarland sein.
Thailand hieß früher Siam und nun sehe ich die vermeintlich landestypischen siamesischen Katzen zum allerersten Mal. Drei davon springen vor meinem Fenster im Garten herum, sind aber sehr scheu, wenn Gäste kommen.
Ich sitze am Ufer der Pai und träume vom Mekong. Seit ich beschloss, nach Thailand zu reisen, sehe ich mich am Ufer sitzen, das schlammgelbe Wasser wälzt sich träge an mir vorbei und ich schlürfe ein Bier. Bei jedem Urlaub gibt es von Anfang an so ein Bild. An irgendeinem Restaurant sah ich Piranha auf der Speisekarte stehen, es empfiehlt sich also nicht, in den Flüssen zu baden, ist auch glücklicherweise nicht Teil meiner Fantasie. Die Unterkunft in Nong Khai ist bereits gebucht. Einen Platz im berühmten Hostel direkt am Fluss bekam ich nicht, aber ein Hotel in zweiter Reihe.
Wieder sitze ich am Abend mit einem guten Singha in meiner Lieblingsbar, links und rechts gegenüber die Pubs der Briten, lautes biergetränktes Grölen, Sportnachrichten auf mehreren Bildschirmen. Es ist richtig gemütlich in Pai, bisher mein liebster Ort.
Donnerstag, 26. Dezember
Für heute habe ich eine Tour zur Lod Cave gebucht. Die ist eindeutig zu weit entfernt, um zu Fuß hinzulaufen.
Wenn man mir sagt: zehn Minuten vorher da sein, dann bin ich zwanzig Minuten vorher da. Es ist zwanzig Minuten nach der Abfahrtszeit und wir warten immer noch auf Teilnehmer. Ich sitze mit einer anderen alleinreisenden Französin im Bus und harre der Dinge, die da vielleicht noch kommen. Eine Kleinfamilie aus chinesischer, äußerst unzufrieden wirkender Mutter, französischem Vater und Tochter gesellt sich endlich dazu. Es geht los, so der Anschein, bis wir vor einem Hostel halten und auf weitere Leute warten. Drei Inder, die noch eine weitere Person vermissen. Endlich ruft einer die Vermisste an, ich höre ihre Stimme laut aus dem Telefon. In Englisch erklärt sie, dass sie nie mitkommen wollte. Nach dieser klaren Ansage holen wir noch ein indisches Pärchen an ihrem Hotel ab und fahren anschließend eine Stunde Richtung Norden. Der Franzose bringt der Tochter die Grundlagen seiner Sprache bei. Er schein verzweifelt und fragt mich, ob ich Französisch spreche. Ich verneine, betone aber, dass ich es vielleicht am Ende dieses Tages tue. Damit entlocke ich der Mama ein Lächeln, ich bin stolz darauf. Was macht sie nur so traurig? Ihr Mann ist dagegen extrem redselig. Da ich in diesem Punkt nicht ansatzweise mit ihm mithalten kann, wendet er sich bald an das indische Pärchen. Mit Touristen zu reden kann manchmal ziemlich öde sein, weil viele Junge unterwegs sind, die scheinbar nur auf Partys wollen. Im Bus hierher lauschte ich einer Unterhaltung in der zwei Araber die Frage nach einer Unterkunft verneinten, weil sie für die wenigen Stunden kein Zimmer brauchen. Gute Gespräche sind selten, doch die genieße ich. Ich würde mich sehr gerne mit den Einheimischen unterhalten, aber die wenigsten sprechen Englisch.
An einem Aussichtspunkt wird Halt gemacht. Der Ranger am Eingang des Nationalparks versteht mich nicht, der Franzose kennt dank Google die Antwort auf meine Frage: Wir befinden und in 1394 Meter Höhe. Die Höhle liegt Richtung Mae Hong Song, kurz vor Pang Mapha, nun komme ich beinahe an die Grenze zu Myanmar.
Am Eingang wollen sie Gruppen zu je drei Leuten, die Französin und ich stehen lange da und warten auf eine Dritte. Es ist aber einfacher, auf je ein Pärchen für uns zu warten. Meines besteht aus einer jungen Berlinerin und ihrem Freund aus Vietnam. Jede Gruppe bekommt einen Guide mit Lampe.
Es war eine eindeutige Ansage des Fahrers, dass wir eineinhalb Stunden Zeit haben, so lange dauert auch eine Führung. Da ich erst viel später als die anderen los kam, habe ich echt Panik, dass alle auf mich warten müssen, so sie nicht schon längst abgefahren sind. Doch ich bin die erste im Bus. Die Inder stehen schon verstreut an den Essensständen. Endlich trödelt die Kleinfamilie ein und auch die einzelne Frau.
Der Fahrer gibt sein Bestes, um uns zur rechten Zeit zu den Two Huts zu bringen, wo sich die halbe Welt trifft, um den Sonnenuntergang zu bewundern. Es liegt eine Konzentration an Weed in der Luft, dass es schon reicht einzuatmen, um high zu werden. Es ist legal in Thailand. Überall gibt es Bars, in denen man zum Bier einen Joint bekommt. Oder es werden an Ständen die Blüten und gedrehte Zigaretten verkauft.
Freitag, 27. Dezember
Der nächste Ausflug führt mich hinaus zum Canon. Andere buchen dazu eine Tour, ich laufe einfach los. Am Morgen ist der Verkehr an der Hauptstraße nach Chiang Mai noch nicht so stark und es ist noch ausreichend kühl für die acht Kilometer lange Strecke. Zurück laufe ich am Fluss entlang. Davor der Cafébesuch bei Um, so der Name der Inhaberin. Und abends das Singha bei der Rockerlady.
Einen Mangosmoothie gönnte ich mir heute auch wieder einmal. Meistens bekommt man den nur im Plastikbecher und das möchte ich nicht. In einer Garküche versuche ich herauszufinden, welches schmackhafte Grünzeug ich manchmal herausschmecke. Es steht Basil auf der Karte, aber das ist es nicht. Ich tippe auf grünen Koriander.
Um mich herum ist eine chinesische Großfamilie eingezogen und es wird laut. Nicht wegen der vielen Kinder, sondern weil sofort alle Klimaanlagen auf Hochtouren laufen. Habe ich hier im Norden noch nie benötigt, es wird nicht wärmer als 25 °C. Bei den Chinesen ist das vermutlich eine Sache des Prestiges. Man zeigt, was man sich leisten kann, darum fahren sie auch mit dem Auto in die Innenstadt, Oma ist allerdings nicht mehr so gut zu Fuß. Sie trägt immer eine dicke Strickjacke, sonst wäre es ja viel zu kalt durch die Klimaanlage. Trotz deren Dröhnen vernehme ich die Reinigungsrituale im Bad, die so klingen, als würde jemand kotzen. Ich fühlte mich in all den Wochen in Taiwan nie wirklich Zuhause, es war eine andere, viel zu unangenehme Welt. Mit Ritualen, zu denen ich nur den Kopf schütteln konnte, mit Reaktionen, die ich nie nachvollziehen konnte, mit Traditionen, die nicht mehr in den Alltag passen wollen, aber auf urkomische Art trotzdem vorgeführt werden.
Samstag, 28. Dezember
Letzter Ausflug, es bleibt nur noch die recht unspektakuläre Ausfallstraße in den Nordosten und am Abend Abschied nehmen von den drei Straßenmusikern, an denen ich jeden Abend vorbeilief, heute bekommen sie einen kleinen Obolus. Die Thaidame mit den fantasievollen Kostümen und ihren traditionellen Tänzen, so vermute ich, es könnte auch von den nordamerikanischen Indianern abgeschaut sein. Der Folk- und Countrysänger, seine Thaisongs verstand ich nicht, aber ‚500 Miles‘ hängt mir seit dem im Ohr. Und das ältere Pärchen von kleiner Statur, mit der etwas schräg klingenden Musik plus Gesang. Es gibt optisch, wie auch mental gewaltige Unterschiede zwischen den Menschen aus dem Süden und denen im Norden. Überall sind geschäftige Chinesen vertreten, die Thaibevölkerung ähnelt im Norden mehr den Menschen der angrenzenden Länder oder solchen, die ich vielmehr in Tibet einordnen würde. Thailänder fallen durch ihre zurückhaltende Art auf, dabei sind sie immer hilfsbereit.
Bei den Touristen ist in Pai so ziemlich alles vertreten. Allen voran den Hippies aus dem letzten Jahrhundert, die sich selbst sicherlich nicht als Touristen bezeichnen. Sie sind in die Jahre gekommen und bald sind sie nur noch ein Mythos, besonders fallen die Japaner darunter auf, da die wirklich ausgestiegen sind, aus einer engen, sterilen, viel zu pflichtbewussten Gesellschaft. Diese Menschen mit den grauen langen Haaren und der saloppen Kleidung entsprechen nicht ansatzweise das, was Japan verkörpern will.
Bei den wirklichen Touristen ist alles vertreten. Insbesondere Chinesen, US-Amerikaner, Briten, Franzosen, Russen, Deutsche, Japaner und Kolumbianer, sehr selten Skandinavier und Afrikaner.
Deutsche erkennt man daran, dass sie nicht mehr mit Handys fotografieren oder filmen, sondern mit Drohnen, das helle Surren fällt sofort nervig auf. So lassen sich die meisten Erkundigungen gemütlich vom Balkon aus machen.
Sonntag, 29. Dezember
Mit einem letzten Kaffee verabschiede ich mich von Um. Sie wundert sich, warum ich nach Nong Khai fahre. Ich erzähle ihr von dem Bild in meinem Kopf und sie versteht. Das nächste Mal, wenn sie dort ist, wird sie sich auch wieder einmal länger an den Fluss setzen.
Ich habe Zeit. Mein Bus fährt erst um sieben Uhr abends in Chiang Mai ab und im Van dorthin habe ich um zehn Uhr gebucht. Natürlich bin ich überpünktlich an der Haltestelle. Und natürlich auch viel zu früh am Busbahnhof in Chiang Mai. Ein wenig wandere ich Richtung Innenstadt, doch dort kenne ich schon alles.
Ich bin die einzige Ausländerin im Bus, das wundert mich sehr. Natürlich hätte ich auch fliegen können, aber eine Busfahrt ist weniger umweltschädlich. Die Sitze sind breiter als in den Touristenbussen und es wird eine kleine Brotzeittüte und ein Getränk verteilt.
Ich hasse es, übernacht zu fahren, weil ich dann nicht sehe, wo ich durchkomme, aber es gab keine andere Möglichkeit. Es wird eine kalte und schlaflose Nacht. Wieder fällt mir auf, dass Stromkosten kein Thema sind, alles ist taghell erleuchtet. Ich habe mir sagen lassen, dass es hier viele Kraftwerke an den Flüssen gibt, ich sah nie eines.
Drei Busse fahren als Konvoi. Plötzlich überholen wir einen davon, der mitten auf der Straße anhielt. Beim Vorbeifahren sehe ich, dass die Windschutzscheibe zertrümmert ist, ein Steinschlag? Wir fahren weiter, in Udon Thani ist es schon hell, da sehe ich den Bus mit der kaputten Scheibe wieder. Natürlich fuhr er weiter, so schnell wäre kein Ersatz zu finden und man kann die Fahrgäste auch nicht mitten auf der Strecke stehen lassen.
Montag, 30. Dezember
Vergeblich suche ich die Berge, doch die sind über Nacht verschwunden. Schnief. Aber auch der Nebel bleibt aus und damit erlebe ich einen prächtigen Sonnenaufgang. Da sehe ich ein Solarfeld aufblitzen, endlich ein Hinweis auf die Stromerzeugung.
Nong Khai ist nicht das erwartete Backpacker-Zentrum. Ich sehe gar keine westlichen Touristen. Das liegt vielleicht daran, weil gerade die Thailänder hier Urlaub machen und alles ausgebucht ist. Es ist ein seltsames Gefühl, so aufzufallen. Der Ort ist nicht groß und der Weg zu meiner Unterkunft nicht weit. Ich frage einen Uniformierten am Busbahnhof, ob er weiß, wo das ist. Ich habe immer die Adresse in der Landessprache zur Hand. Er führt mich freundlich zu einem TukTuk-Fahrer, der will fünfzig Baht. Ich bestehe darauf zu Fuß zu gehen. Genervt weist der Fahrer vage in eine Richtung. Nach wiederholtem Fragen unterwegs stehe ich endlich davor.
In meinem Hotel wird kein Englisch gesprochen, sie hilft sich mit einem Übersetzungsprogramm auf ihrem Handy, wir kommen zurecht. Ich kann vorerst meinen Rucksack hier lassen.
Nun stehe ich am Mekong, mit viereinhalbtausend Kilometern der elft längste Fluss der Erde. Er entspringt in Tibet und endet im Südchinesischen Meer. Im Vergleich dazu der Nil als der längste mit sechseinhalbtausend Kilometern und die Donau an Platz siebenundzwanzig mit nicht einmal dreitausend. Ich beobachte, wie das Wasser langsam an mir vorübertreibt. Auf der anderen Seite ist Laos. Musikfetzen wehen herüber. Nicht weit von hier liegt Vientiane, die Hauptstadt von Laos. Etwa zwei Kilometer entfernt sehe ich eine Brücke.
Nach langem Suchen finde ich ein Café, was auch dafür spricht, dass selten westliche Urlauber hier sind. Thailänder trinken wenig Kaffee. Der Baustil ist ungewöhnlich, angeblich Französisch von Laos herübergeweht. Die Gebäude wirken gepflegter als in den meisten anderen Orten und es wird an allen Ecken neu gebaut. Weil ich schon in dieser Richtung unterwegs bin, laufe ich die zwei Kilometer zum Bahnhof hinaus, dabei bemerke ich, dass die Gleise über diese Brücke führen. Die Züge am zweiten Januar sind alle ausgebucht. Zurück in der Stadt begebe ich mich sofort zum Busbahnhof, auch dort wird mir gesagt, dass alles ausgebucht ist, am fünften geht wieder was. Oje, ich werde für immer hier hängen bleiben.
Endlich ist es zwei Uhr und ich kann in mein Zimmer. Dort logge ich mich sofort ins WLAN ein und versuche über 12Go eine Busfahrt zu bekommen. Ich werde fündig, gebe aber meine Mailadresse falsch an, bekomme eine SMS mit einer Mitteilung dazu, gebe die richtige an, werde darauf hingewiesen, dass es meine Buchungsnummer nicht gibt und aus Panik, wirklich für immer und ewig hier hängen zu bleiben, buche ich noch einmal. Diesmal funktioniert alles.
Am Abend ist die Promenade gähnend leer, in den Restaurants sitzen nur vereinzelt westliche Touristen, die einheimischen Urlauber scheinen daran kein Interesse zu haben. Wie können die Lokale überleben? Gibt es zu anderen Zeiten doch mehr ausländischen Tourismus? Gerade las ich in meinem Reiseführer, warum die nächsten beiden Tage Feiertage sind. Es gelten hier drei Kalender: geschäftlich der westliche und für die Einheimischen der buddhistische und der chinesische. Gefeiert werden alle drei Neujahrsfeste, wobei Feiern in diesem Land definitiv nichts mit Lärm zu tun hat. Ich bin gespannt, wie die Silvesterfeier aussieht. Ich habe die starke Vermutung, dass sich die einheimischen Urlauber mit ausreichend Essen eindecken und in ihren Hotelzimmern zusammensitzen, wenn sie nicht ohnehin Verwandtschaft hier haben.
Laufe ich abends durch die Gassen, sehe ich Einheimische in den Ladengeschäften, die meistens nahtlos in den Wohnbereich übergehen, feier. Eigentlich nur essen. Schon oft fiel mir auf, hier wird gerne gelacht und gescherzt. Wann hört man bei uns ein Lachen von Erwachsenen? Warum verlernen wir das? Ich werde Zuhause darauf achten, ob es wirklich aus unserem Alltag verschwunden ist.
Drüben in Laos ist das Ufer hell erleuchtet, die Musik wurde lauter gedreht, der Bass wummert herüber, aber ich sehe kaum Bewegung. Auch sollte ich im Dunklen die Lichter der Autos sehen, die über die Brücke fahren, aber dort sind keine.
Ich nahm mir vor, hier endlich Fisch zu essen. In dem von mir erwählten Restaurant am Ufer werden viele unterschiedliche Sorten angeboten, doch ich kenne die Unterschiede nicht. Wie üblich, wird alles mit Fotos dargestellt, ich zeige einfach auf eines, dass mir symphatisch erscheint. Auf dem Teller liegen dann ein Häufchen winziger Fische, die sich beinahe komplett essen lassen, ziehe ich den Kopf ab, bleibt der größte Teil der Hauptgräte daran hängen, Flossen sind knuspriges Beiwerk. Die Fische sind auf einer Schicht gehobelten rohen Weiskohl gelagert, von den Kohl bekomme ich auf einen Extrateller ein Stück des Kopfes und anderes rohes Gemüse. Ich wage den gehobelten Anteil unter dem Fisch zu essen, obwohl ich rohes Gemüse und bereits aufgeschnittenes Obst bisher mied. Es ist eine völlig neue Erfahrung, ohne den üblichen touristischen Rummel. Leider vergaß ich das Insektenschutzmittel, wie konnte ich nur, doch die Moskitos freuen sich. Trotzdem halte ich durch, um in den ufernahen Straßen nach menschlichem Leben zu suchen, doch alles ist für thailändische Verhältnisse geradezu unheimlich still, in den Häusern sind auch kaum Fenster erleuchtet, sehr eigenartig.
Entlang der Promenade stehen Skulpturen der unterschiedlichen Fische, die vermutlich im Fluss leben. Ich kenne keinen davon. Außerdem sind die Darstellungen sehr groß und es gibt keinen Hinweis, welche Größe das Original hat.
Dienstag, 31. Dezember
Bevor ich losziehe, plane und buche ich die letzten Tage meines Urlaubs. Die Wochen verstrichen viel zu schnell. Doch es wird noch Zeit für eine Insel bleiben. Kho Chang an der Ostküste war wegen des Kriegs in Kambodscha bis in die Neunzigerjahre militärisches Sperrgebiet, erst danach wurde sie touristisch erschlossen, sie gilt als die naturbelassenste Insel. Ich finde ein ansprechendes Resort, eine der bisher teuersten Unterkünfte und über 12Go buche ich eine Busfahrt hin und zurück. Um es entspannter anzugehen, schiebe ich davor und danach eine Nacht in Bangkok ein. Nun bekomme ich doch noch die Gelegenheit, in dem Hotel zu übernachten, dass ich auf meinen Spaziergängen an den Kanälen entdeckte, ich freue mich schon darauf.
Heute Morgen wird mir auch das zuerst gebuchte Busticket bestätigt, ich fahre nun also doppelt. Ich wollte sowieso zum Busbahnhof, um das Büro der Agentur und damit den Abfahrtsort zu erkunden. Das wird eine echte Herausforderung, da die Straßennamen und Hausnummern mehr als verwirrend sind. Endlich frage ich und werde sofort in eine Ecke des Platzes verwiesen. Die Dame im Büro versteht auch ohne Englischkenntnisse, warum ich zwei Tickets habe und versucht eines zu canceln.
Bei meinem Spaziergang entlang dem Ufer finde ich einen umgebauten VW-Bus, an dem Kaffee und Frühstück angeboten wird. Ich bestelle zwei Eier und einen Milchkaffee. Es scheint ein Familienbetrieb zu sein. Opa, er sieht wie ein Japaner aus, ist für die Zubereitung des Kaffees zuständig, ich kann nicht nachvollziehen, welche Rituale er in seinem Bus vollzieht, nur der Sohn macht mich darauf aufmerksam, dass der Kaffee ungefähr eine viertel Stunde dauert. Leider schmeckt er nicht ansatzweise nach dem beliebten Heißgetränk. Oma brutzelt an einem Tisch mit Gaskocher die Eier und die bekomme ich schon nach einer Minute. Der Sohnemann ist der Kellner und wird dabei von seinen Kindern unterstützt.
Danach schlendere ich weiter bis zu dem Tempel am Ortsende. Aus irgendeinem Grund ist ein Teil des Gebäudes im Fluss versunken. Jedes Jahr zur Trockenzeit, die ist derzeit, taucht eine Spitze davon auf und die Einheimischen fahren mit Booten hin, um Blumengirlanden dort zu befestigen.
Der Himmel ist bedeckt, am Morgen, beim verlassen des Hotels, setzte ich aber optimistisch die Sonnenbrille in die Haare, doch bald kommt mir das lächerlich vor, und ich stecke sie in die Tasche. Zurück im Hotel ist sie nicht mehr da. Vermutlich steckte ich sie neben die Tasche und hörte wegen des Straßenlärms den Aufprall nicht. Natürlich liegt sie nicht mehr dort, wo es passiert sein muss. Ich bin mir sicher, dass Thailänder ein geschultes Auge haben, zwischen dem Müll etwas wertvolles zu erkennen. Ich trauere um meine gute RayBen, die mich jahrelang begleitete und die ich mir in Rom kaufte. Was mich am meisten ärgert ist, das der Finder nicht einmal weiß, dass er ein teures Original in den Händen hält und keine billige asiatische Kopie.
Die Promenade wurde erst vor einigen Jahren gebaut und hat das Bild der Stadt gewaltig verändert, drüben in Laos gibt es noch das naturbelassene Ufer. Die Betonkonstruktion auf Stelzen soll die Stadt vor Überflutungen schützen. Es wäre ein guter Unterschlupf für Obdachlose, aber die liegen lieber in den neuen offenen Pavillons. Vielleicht steigt das Wasser zu oft an. Ich kenne den Fluss nur zur Trockenzeit, doch ich kann mir vorstellen, dass das Wasser sicherlich bis zur Straße hoch steigen kann.
Gestern sah ich eine gut besuchte Kneipe und will dort hin, um Silvester zu verbringen, doch sie ist geschlossen. Am Hafen gibt es eine Art Irisch Pub, aber auch dort herrscht gähnende Leere. Ich gönne mir trotzdem ein großes Singha. Das Lokal wäre hervorragend geeignet, um die flanierenden Massen zu beobachten, doch die gibt es nicht. Was ich sehe, ist ein älterer Herr, der zusammen mit seiner Thailady in die Jahre gekommen ist, auch das gibt es. Und gleich am Nebentisch das Gegenteil, sie jung und eindeutig in Partystimmung und er mindestens dreimal so alt und mit sehr künstlich wirkendem Toupet. Auf der Promenade schlendert eine Altherrenriege vorbei.
Im Hotel harre ich gespannt der Dinge, die da kommen. Vom vierten Stock habe ich einen guten Blick auf die Stadt. Ich wollte schon immer einmal den Fernseher anschalten. Heute scheint eine ausgezeichnete Gelegenheit. Vielleicht habe ich den Zeitpunkt für Nachrichtensendungen erwischt, denn nüchterner könnte ein Programm nicht sein: Auf dem ersten Kanal der König, wie er im Tempel den Mönchen die Kleidung des Jade-Buddhas überreicht, scheinbar ist gerade ein Jahreszeitwechsel, denn dazu gibt es diese Zeremonie. Ich zippe weiter und ein viel zu gut angezogener Thai doziert vor landwirtschaftlichem Backround über Reis, Hühner und Barcodes. Auf dem nächsten Sender: Daueransprache eines sehr seriösen Herren. Sender mit Dauerwerbung. Nächster Kanal: der König und die Königin. Weiter: seriöse Ansprache vom Militär, Parade. Nächster: wichtige Ansprache. Nächster: König verteilt Geschenke an Veteranen und so weiter, immer wieder goldene Buddhas. Keine einzige Daily Soap. Oder wenigstens diese peinlichen Gameshows, bei denen sich alle unmöglich benehmen.
Natürlich schlafe ich ein und werde rechtzeitig vor Mitternacht von Böllern geweckt, die zu früh abgeschossen werden, wie daheim. Geböllert wird viel, aber nicht ansatzweise so viel wie bei uns. Ich zähle etwa fünf Raketen, das Faszinierendste sind die fünf brennenden Ballons, die in den Himmel steigen, langsam und geräuschlos über die Stadt gleiten, bis sie verbrannt sind.
Mittwoch, 1. Januar
Jeden Morgen lauf ich durch den überdachten Markt zum Fluss und muss dabei durch die Tische eines Cafés, wo ich immer wieder freudig begrüßt werde. Heute beschließe ich, hier zu frühstücken. Es sitzen überwiegend westliche Ausländer hier. Darum sprechen die Inhaberinnen, es scheinen mindestens drei Generationen zu sein, auch Englisch. Die Dauerbeschallung aus Laos mit nervigem Bassbeat könnte man als Angriff werten.
Danach laufe ich in die andere Richtung und komme dabei an dem alteingesessenen Hostel Mut Mee vorbei, dass in meinem Reiseführer so angepriesen wird. Eine junge Frau sitzt im offenen Foyer, der Typ an der Bar ist ein junger, cooler Rastaman, doch sonst wirkt es mehr wie ein Altersheim. Sofort versuche ich mir vorzustellen, was geschieht, wenn sich einer der englischen Rentner die Unterkunft mit junger Thailady nicht mehr leisten kann. Mir scheint, dass die dann in diesem Etablissement eine Bleibe finden, es wird von einem Engländer betrieben. Thailand war einst das Land der Hippis, allerdings sind die nun in die Jahre gekommen, wenn nicht bereits ausgestorben. Langsam schlendere ich an dem offenen Restaurantbetrieb vorbei und bin froh, dass es ausgebucht war. Das Café vom ersten Tag hat leider über die Feiertage geschlossen, aber auch hier gibt es ein Amazon-Café, so etwas wie der thailändische Starbucks und immer eine Anlaufstelle für einen guten Kaffee.
Ich nehme mir vor, heute den Sonnenuntergang auf einem der Aussichtstürme an der Promenade abzuwarten. Mir kam die Idee, als ich heute Nachmittag bereits von hier das Umland beobachtete. Dabei versuchte ich die in Unordnung geratenen Kunstrasenmatten auf dem Rost zurechtzuziehen, sie waren aber zu schwer. Einige Stunden später liegen alle korrekt ausgebreitet. Hat mich jemand beobachtet? Kurz nach mir steigen drei einheimische Jungs zur Plattform hinauf. Einer davon hebt erst die Kunstrasenmatte an, um zu sehen, ob es einen tragfesten Untergrund gibt. Auch dann bewegt er sich äußerst vorsichtig darüber, seine Kumpels lachen ihn aus. Ich stampfe mit den Füßen kräftig auf, um ihm zu zeigen, dass es sicher ist. Überzeugt ist er immer noch nicht, wagt sich aber mit den anderen bis zum Geländer am anderen Ende. Einen Moment später kommt er zu mir und zeigt mir auf seinem Handy einen englischen Text aus einem Übersetzungsprogramm. Er stellt mir die Frage, ob es mir recht ist, wenn sie hier rauchen. Das ist aber höflich. Die Plattform ist groß und damit habe ich kein Problem, meine Zustimmung zu geben. Nach einer kurzen Zigarette steigen sie wieder ab.
Gleich an der Promenade gibt es ein riesiges vietnamesisches Restaurant, das meist besuchte Lokal der Stadt. Auf mich wirkt es wie eine Großkantine. Anscheinen leben einige Subunternehmer davon. Daneben werden Essstäbchen ausgekocht, das Wasser ausgeschlagen und an der Sonne getrocknet. Nutznießer sind die Tauben, die vorher die Reste abpicken. Mein Plan war, einen Nachtessensmarkt zu besuchen, aber auch der ist geschlossen. Für mich sieht es beinahe so aus, als wäre er das schon länger.
Danach schlender ich über die Hauptstraße, weg vom Fluss. Ein Hinweisschild von Frank, der Currywurst anbietet, fällt mir sofort auf und schon stehe ich im vermeintlichen Rotlichtviertel der kleinen Stadt. Hier ist die Konzentration an Ausländern, natürlich Männern, höher. Angewidert drehe ich um, von alten Herren mit jungen Damen habe ich genug und finde kurz vor meinem Hotel ein Restaurant. Es wird Fisch angeboten, sie warnt mich davor, dass es eine große Portion ist, aber ich wage es trotzdem, da die Mahlzeiten hierzulande eher winzig sind. Es ist der leckerste Fisch, den ich je aß und wieder weiß ich nicht, welche Art es ist. Auf den ersten Blick sah das auf meinem Teller wie ein kompletter Fisch aus, aber es waren mundgerechte, grätenlose Happen, die wieder liebevoll zusammengesetzt wurden. Schade, das ich das Lokal erst am letzten Abend wahrgenommen habe.
Nong Khai ist der einzige Ort, abgesehen vom einsamen Strand in Khanom, an dem ich kein Cannabis roch. Auch hier fällt mir die Jahreszahl 2567 / 2568 auf und ich recherchiere endlich einmal. Es ist die Jahreszahl aus dem buddhistischen Kalender, der mit der Geburt von Siddhartha Gautama 544 Jahre vor Christi beginnt.
Donnerstag, 2. Januar
Mein zweites Ticket konnte nicht mehr zurückgenommen werden. Auf der Fahrt nach Bangkok suche ich vergeblich die Landschaft ab nach all den Hühner- und Schweinefarmen, den Mango-, Papaya- und Melonenplantagen, doch nichts. Wo sind die nur? Busse sind immer kalt, aber dieser hier könnte ins Guinnessbuch der Rekorde als größte fahrende Kühltruhe eingehen. Trotz zwei übereinander angezogener Hosen und Jacke über Bluse und Shirt, Socken, Schuhe und Mütze bibbere ich tapfer vor mich hin. Alle Vorhänge sind zugezogen, weil jeder den Sonneneinfall fürchtet, ich wage es, meinen offen stehen zu lassen, da ich die Wärme der Sonne dringend benötige. Die anderen frieren ebenfalls.
Durch den dichten Feiertagsverkehr erreichen wir Bangkok fünf Stunden später als geplant. Die letzten Kilometer fahren wir durch eine etwas antiquare industrielle Landschaft, vielleicht Bergwerke, es war zu dunkel, um es genau zu erkennen. Am nördlichen Busbahnhof Mo Chit weise ich geübt die nervigen Taxifahrer ab, die mir für dreihundert Baht ihre Dienste anbieten, obwohl ich weiß, dass ich zu dieser späten Zeit gar keine andere Möglichkeit mehr habe. Auf der anderen Straßenseite stehen auch welche und das ist dann schon einmal Richtung Innenstadt. Hier fährt mich auch für zweihundert Baht der vermutlich ehrlichste Taxifahrer der Stadt zur Khao San Road. Es ist mir zuwider, diese Ortsangabe zu machen, weil es andeutet, dass ich zu den dortigen Partypeople gehöre, doch es ist ein Ort, an dem ich mich inzwischen sehr gut orientieren kann und mein Hotel liegt zwar ruhig am Kanal, aber trotzdem noch in der Nähe. Die Altstadt ist meiner Meinung nach immer noch der attraktivste Teil der Stadt.
Zuerst suche ich die Stelle, wo morgen der Bus abfährt. Inzwischen ist mir das Viertel so vertraut, dass es nicht lange dauert. Mit einem unguten Gefühl eile ich zu dem Hotel, ich bin mir nicht sicher, wie lange die Rezeption offen hat. Für vier Gyoza, kleine Teigtaschen mit Fleisch oder Fisch gefüllt, reicht es im Vorbeigehen, doch ich werde äußerst freundlich empfangen, in einer westlich offenen Art, die hier selten ist. Die meisten Thailänder verhalten sich freundlich, aber sehr zurückhaltend bis distanziert. Das Zimmer hat etwas von einer Schiffskoje, aber sie ist pragmatisch und modern eingerichtet.
Es ist nach Mitternacht, als ich mich im WLAN einlogge und erfahre, dass meine Fahrt nach Kho Chang wegen mangelnder Sitze gecancelt wurde. Damit rechnete ich nun überhaupt nicht. Panikartig suche ich bei 12Go nach einer Alternative, werde fündig und bekomme aufgrund der Kurzfristigkeit sofort eine Zusage. Die neue Verbindung startet erst um halb acht an der Khao San Road, anstatt um halb sechs, trotzdem wird die Nacht kurz werden. Zufrieden dusche ich, falle ins Bett und kann nicht schlafen.
Freitag, 3. Januar
Die Nacht war extrem kurz. Leider nahm ich mein neues Lieblingshotel nur ansatzweise wahr. Wie üblich stehe ich überpünktlich am Abfahrtsort. Es halten immer wieder Busse dort, um Passagiere aufzunehmen, eine Reisebegleiterin bestätigt mir, dass ich aufgrund der Kennzeichnung im Stadtplan, die ich bekam, am richtigen Platz stehe. Da ich früh da bin, laufe ich sicherheitshalber die angrenzenden Straßen ab, um doch vielleicht ein Büro der Agentur zu finden. Überall Betrunkene um mich herum. Um halb acht ist immer noch kein Bus zu sehen. Ich habe eine Telefonnummer der Agentur, aber auf meinem Telefon würde der Anruf ein Vermögen kosten. Es stehen hier auch einige TukTuk-Fahrer, die auf Kunden warten. Ich spreche einen an und bitte ihn, die Nummer für mich anzurufen. Alle telefonieren hier kostenfrei über WhatsApp. Er macht es und einen Augenblick später spreche ich mit einem, der mir erzählt, dass die Tour längst gecancelt sei, da von hier sonst keiner abfahren wollte. Ich empöre mich, da ich beim Verlassen des Hotels noch einmal den Status prüfte und da war nichts abgesagt. Er fordert mich auf, zum Eastern Terminal zu fahren, dort würde in einer Stunde der Bus abfahren.
Natürlich bin ich dabei auf den TukTuk-Fahrer angewiesen, natürlich will er die üblichen dreihundert Baht haben, es kostet immer so viel, auch wenn das Ziel nur drei Straßen weiter ist. Ich hasse das. Der Typ am Telefon bestätigt mir, dass es sehr weit ist, dass ich sofort losfahren muss und das die dreihundert in Ordnung sind. Das sagt einer, der auch nicht zu seiner Zusage steht. Doch mir bleibt nichts anderes übrig, als mich darauf einzulassen. Ich bat dem am Telefon, den Fahrer genau zu instruieren, an welchem Bussteig er mich absetzen soll, denn Zeit zum Suchen wird nicht bleiben. Der Fahrer will natürlich auch noch den Telefonanruf bezahlt haben, der ihm nichts kostete.
Wir rasen los und es ist wirklich weit. Ich komme in einen Teil der Stadt, den ich bisher nur so halb während der Fahrt vom Flughafen in die Innenstadt wahrnahm, um mich herum nur Wolkenkratzer. Natürlich weiß der Fahrer nicht, wo ich hinmuss und wirft mich am Eingang heraus. Glücklicherweise ist dort ein Infostand. Ich zeige der Dame dort mein Ticket und deute auf die Telefonnummer. Sie zögert kurz, ruft dann aber an und bekommt bestätigt, dass sie mir ein Ticket ausstellen kann. Das dauert keine halbe Minute und sie deutet auf den Bus hinter mir. Das dort angeschriebene Reiseziel sagt mir gar nichts, aber der Fahrer fragt: Kho Chang, ich bejahe und kann einsteigen. Nun überrascht es mich, wieder zwischen Touristen zu sitzen, es ist irgendwie beruhigend, denn es besagt, dass ich im richtigen Bus bin, alle Touristen wollen auf eine Insel. Die Klimaanlage läuft nicht im Modus Gefrierschrank, sondern frische Brise und schon geht es los. Der Fahrbegleiter verteilt Kekse, die kommen mir recht, an Frühstück zu denken fehlte mir die Gelegenheit. Das Wasser lehne ich ab, im Hotel gab es Glasflaschen, die ich in die Wasserblase meines Rucksacks füllte. Neben mir sitzen junge Chinesen, die scheinbar das Ideal erfüllen, nach dem niemand nachts länger als vier Stunden schlafen darf, um ausreichend produktiv zu sein. Sobald der Bus lostuckert, verfallen sie in Tiefschlaf, wie Hunde, die auch schlafen, wenn nichts los ist. Die Kekse schmecken ein wenig wie schottische Shortbread und alles ist gut. Sogar die hohe Konzentration an Schweizern im Bus kann mich nicht mehr erschüttern.
Von da an läuft alles wie am Schnürchen. In fünf Stunden sind wir am Pier bei Trat. Dort bekomme ich eine Nummer auf den Träger meines Rucksacks geklebt, für den weiteren Transfer zum Hotel, sagt sie mir, das hatte ich bei der Buchung angegeben, bei der ersten gebuchten Tour wäre ich in White Sand Beach hinausgeworfen worden, von wo es laut Booking.com acht Kilometer zu Fuß gewesen wären, an TukTuks will ich gar nicht mehr denken. Wir müssen etwa eine viertel Stunde auf die Fähre warten. Dann bekomme ich ein Ticket in die Hand gedrückt, dass ich drei Meter weiter an einen Mitarbeiter der Fähre übergebe. Schon sitze ich auf dem Schiff, es scheint fest in Schweizer Hand, in einer Ecke Deutsche, die Bier mit dem Strohhalm trinken – Ballermann!!! Die Skandinavier wirken cooler. Die Überfahrt dauert nur eine halbe Stunde. Am dortigen Hafen stehen Vans und aufgrund der Nummer werde ich dem richtigen Fahrer zugewiesen. Kurvenreich und steil geht es die Westküste hinunter, an der alle Hotels sind. Die Ostküste bleibt vermutlich davon verschont, weil dort nur steinige Strände sind, doch ich buchte am Ende von White Beach. Direkt vor der Tür meiner Unterkunft werde ich abgesetzt. Perfekt.
Ich liebe die Figuren, die immer aus den Handtüchern geformt werden. Das Resort hat Bungalows am Strand und Zimmer im Haupthaus. Da ich mich für die günstigeren Zimmer entschlossen habe, befürchte ich, dass ich eines zur Hauptstraße hinbekomme, aber ich habe einen Balkon mit Meerblick, auf dem ich jeden Tag den Sonnenuntergang genießen kann. Mir scheint es um Welten besser als einer der Bungalows, an denen andauernd die Leute zum Strand vorbei laufen. Hier werde ich nun meinen sechswöchigen Urlaub ausklingen lassen. Die Zeit ging viel zu schnell vorbei.
Der Ort heißt Chai Chet, dessen Häuser sich etwa fünfhundert Meter die Straße entlang strecken. Drei Resorts weiter gibt es einen 7/11-Supermarkt mit ein paar Streetfoodständen. In Pai weigerte ich mich noch doch heute esse ich einen Döner und er ist total lecker. Bisher dachte ich, dies sei eine türkisch-deutsche Erfindung, falsch, der hier wird im Fladen gerollt, aber sonst ist alles gleich.
Zurück im Hotel springt eine Dame der Rezeption hinter mir her. Es gäbe noch keine Bezahlung von mir. Hier wird vorher bezahlt, eine Unsitte, wie ich finde. Es wundert mich, da Booking.com sonst pünktlich von meinem Konto bucht. Ich komme aber leider nicht ins Internet und kann die Buchung so nicht überprüfen. Sie gibt mir einen völlig anderen Zugang, vermutlich ihren privaten und ich sehe, dass noch nichts abgebucht wurde. Ich brauche lange, um in der Buchungsmail den Satz zu entdecken: „Sie zahlen direkt in der Unterkunft.“ Das einzige Mal, dass ich meine Visakarte in diesem Land benutze, abgesehen von einer Barabhebung in der Bank. Fünf Tage später sendet mir meine Bank viermal die Nachricht, ihre Visakarte funktioniert nicht, versuchen Sie es später noch einmal. Für mich war das ein falscher und glücklicherweise gescheiterter Abbuchungsversuch.
Im Zimmer bemühe ich mich weiterhin vergeblich, ins Internet zu kommen. Nebenan höre ich einen Engländer, der anscheinend mit einem Freund telefonierte und sich über die Abgeschiedenheit des Resorts beschwerte.
Samstag, 4. Januar
Am Morgen frage ich in der Lobby nach den WLAN-Möglichkeiten. Als ich nicht locker lasse, läuft die Dame genervt mit meinem Handy zu dem Aushang mit den Passwörtern. Ganz klein, in der letzten Zeile steht etwas vom Bedauern des Hotels, das WLAN in den Zimmern nicht funktioniert. Demonstrativ für Dummies tippt sie das oberste ein, kein Internet, sie stutzt, tippt das nächste ein, kein Internet. „I wonder“, kommt es kleinlaut, „No Internet.“ Damit lässt sie mich stehen. Neben mir versucht es ein Mann ebenfalls erfolglos. Beide laufen wir die einzelnen Bereiche im Hotel ab, an denen unterschiedliche Passwörter gelten. Als ich wieder in die Lobby komme, sagt ihm gerade einer vom Hotel: „You are the sixth.“ Ich winke, damit er mich mit auf die Liste setzt. Er läuft davon. Ich bleibe hilflos zurück. Es geht mir nicht darum, meine dreizehntausend Follower zu befriedigen, sondern um die Tour zurück nach Bangkok im Auge zu behalten, vielleicht ist sie längst storniert. Bei der kurzen Verbindung gestern kam eine Nachricht von der Agentur der Herfahrt an, dass 12Go die Tour nicht bezahlt, weil er gecancelt hat.
Doch nichtsdestotrotz geht das Urlaubsleben weiter. Um sieben Uhr ist das mitgebuchte Frühstück angesagt. Am raumfüllenden Buffet hole ich mir an jeder Ecke einen Happen, um dann beim einheimischen Bereich richtig zuzugreifen: Reis, Spiegelei, Gemüse- oder Fleischragout und Früchte, leider keine Mangos.
Danach schaffe ich es tatsächlich fünf Stunden untätig am Strand zu liegen, denn Bauch und Rücken sind im Vergleich zum restlichen Körper äußerst blas, das sollte ich ändern. Bei Tagesanbruch kam heftiger Wind auf, dadurch ist es in der Sonne erträglich. Ich befürchte nur, dass mich die Strebe eines umgewehten Sonnenschirms im Bauch trifft. Umgeben bin ich hauptsächlich von Russen und Finnen mit kleinen, exotisch wirkenden Inseln aus Österreichern und Schweizern. Danach fühle ich einen leichten Sonnenbrand, der wochenlang vor der Abreise getrunkene Karottensaft scheint nicht mehr zu wirken.
Ich laufe die höchstens zwei Kilometer in den nächsten Ort Klong Prao und finde ein Café. Der am Morgen war grauenhaft.
Sonntag, 5. Dezember
Da ich meine leicht verbrannte Haut heute nicht der Sonne aussetzen möchte, laufe ich nach White Beach, um die Haltestelle für die Rückfahrt zu finden. Laut Booking.com sollten es acht Kilometer sein, ich stoppte den Rückweg, ich brauchte keine halbe Stunde. Ich befürchtete, am Sonntag vor verschlossener Tür zu stehen, aber auch heute fahren Busse. Sie trägt mich in ihre wichtige Liste mit den Fahrteilnehmern ein und das ist wie in Stein gemeißelt. Der Bus wird nicht ohne mich fahren.
Auf dem Rückweg schreite ich flott voran und trotzdem sorgt der anhaltende Sturm dafür, dass ich vom Müll überholt werde. Auf einem Schild wird auf das örtliche Krankenhaus hingewiesen, zuerst in Thai, dann in Englisch, Deutsch und Russisch. Was soll mir das sagen?
Für den restlichen Tag nehme ich mir zwei deutschsprachige Bücher aus der die Bibliothek für die Gäste, leider gibt es nur Krimis.
Am Abend funktioniert in der Lobby das Internet wieder. Ich sage der Agentur für die Herfahrt zu, er soll mir bitte die Adresse des Büros in Bangkok angeben und wie viel ich ihm schulde.
Jeden Abend gibt es eine thailändische Tanzshow und eine von Feuerakrobaten, dazu finde ich mich heute in der Bar ein. Neben mir wird einer Dame ein Cocktail in einem Weißbierglas serviert, ich trinke nur Bier aus der Flasche. Ich frage mich, ob die Tänze wirklich Tradition haben, weder die Kostüme noch die Musik hörte ich in den letzten Wochen, aber auch bei uns laufen die Leute nicht andauernd in Lederhosen und Dirndl herum und wird morgens bis abends Landler getanzt. Bei der Feuershow bin ich froh, dass die Jungs das Petroleum nicht mehr in den Mund nehmen, sie fanden andere Möglichkeiten zu beeindrucken. Danach unterhalte ich mich mit einem Wiener, der in Thailand beinahe schon Zuhause ist. Sein Zimmer im Haupthaus fand er für den Preis zu schäbig und eng, nun hat er einen Bungalow. Er vermisst Bars am Ort, mein Hinweis, dass es doch die ganze Straße entlang welche gibt, beantwortet er mit: doch nicht solche. Ich will gar nicht wissen, was er meint. Männer allein in Thailand sind immer fragwürdig. Eine Stunde später kenne ich seine ganze Lebensgeschichte, die wollte ich gar nicht hören.
Montag, 6. Dezember
Für heute buchte ich eine Bootstour durch den Archipel. Der Sturm hat sich gelegt, was für die Tour sicherlich von Vorteil ist. Der Hafen befindet sich aber an der südlichsten Spitze der Insel und dort fährt uns ein Bus hin, so lerne ich die gesamte Südküste kennen. Zwischen riesigen Resorts, ärmliche Wellblechhütten.
Es werden Taucherbrille und Schnorchel angeboten, doch ich sehe mir das lieber von außen an. Wenn fünfzig paddelnde Touris auf ein Riff losgelassen werden, ist dort sicherlich kein einziger Fisch mehr, was mir von den Rückkehrern bestätigt wird. Danach geht es noch zu drei weitere Inseln inclusive Schnorchelausflug, von denen ich einige nur als Felsen bezeichnet hätte. Ich bin nie mit hineingegangen, aber das Schippern auf den Wellen war so unglaublich beruhigend und der Blick in die Ferne meditativ. Auf der Fahrt zurück sehe ich Affen auf den Stromleitungen sitzen, sollten dort nicht Vögel sein? Tiere sah ich bisher so gut wie keine, ist alles schon gejagt und aufgegessen?
Der Typ von der Agentur schrieb. Er will mehr Geld von mir als 12Go bei mir abgebucht hätte, obwohl ich den Taxifahrer noch bezahlen musste, außerdem soll ich es ihm überweisen, da es kein Büro gibt. Diese internationale Überweisung würde zusätzlich Kosten erzeugen. Ich schlage ihm vor, dass ich die Fahrt zum Busbahnhof abziehe und ich es ihm nur persönlich in Bangkok übergebe, er soll sich überlegen, wie er das hinbekommt. Danach meldet er sich noch einmal mit dem Hinweis, dass er natürlich auch Steuern bezahlen muss, bla bla bla, das ist das letzte, was ich von ihm höre. Erledigt.
Entspannt genieße ich den Sonnenuntergang auf meinem Balkon. Danach mache ich mich auf die Suche nach einer Bar, in der ich ein Singha bekomme. Von einem Tisch werde ich aufgefordert, mit ihnen ein Bier zu trinken. Ich lasse mich darauf ein. Es ist ein Stuttgarter, umringt von Mädchen. Er erzählt mir, dass er wegen seiner gelähmten Füße hier ist und deutet auf die Krücken. Durch das warme Wetter und die Massage kann er die Beine wenigstens wieder ansatzweise bewegen. In seinen Erzählungen erscheint er als sozialer Held, der die Mädchen gerne unterstützt. Zwei davon nimmt er danach mit, denn Roller fahren geht noch und das andere wohl auch. Ich bleibe noch etwas zwischen den zurückgebliebenen Mädels sitzen, bemerke aber, dass meine Anwesenheit ihre potenziellen Kunden abschreckt, womit ihnen nicht geholfen ist. Ich kann sie nicht alle retten.
Zurück im Hotel sehe ich, dass 12Go inzwischen alle Beträge von stornierten Fahrten zurückbezahlt hat. Die sind also voll korrekt. Vielleicht war es auch hilfreich, dass ich sie immer darauf aufmerksam machte.
Dienstag, 7. Januar
Letzter Tag. Ich wage es, mich noch einmal ausgiebig in die Sonne zu legen, dabei riskiere ich auch einen leichten Sonnenbrand, aber danach ist Schluss mit Sonne. Mein weißer Bauch und Rücken sieht einfach zu lächerlich aus, das muss ich ändern. Dabei fallen mir die griesgrämigen Blicke der Urlauber im Resort auf, frohes Lachen hörte ich nur bei meinen Spaziergängen aus den Wellblechhütten. Sind wir zu dekadent geworden, um uns des Lebens zu freuen? Überall fiel mir auf, dass Thailänder gerne lachen und Scherze machen.
Abschließend kann ich sagen, dass ich all das, was in meinem Reiseführer als romantisch bezeichnet wurde, ganz und gar nicht so empfunden habe, Armut und Missstände sind nicht romantisch. Das Zenario ist auch kein Theaterstück, das nur für die Urlauber gespielt wird. In den letzten Wochen kam ich zu der Überzeugung, dass ich eine weitere Organisation unterstützen möchte, die sich weltweit um Bildung bei Mädchen kümmert, das ist die Basis für alles. Derzeit bin ich bereits UNICEF-Pate, nun werde ich auch noch PLAN unterstützen, die sich auf das spezialisiert haben.
Am Nachmittag laufe ich einmal den gesamten Strand ab. Es gibt sogar stellenweise noch natürlichen Waldbestand am Strand, doch das nächste Resort ist dort sicherlich schon in Planung. Und ich freue mich, wie jeden Tag, über die kreative Gestaltung der frischen Handtücher, das ist immer so süß.
Mittwoch, 8. Januar
Abfahrt nach Bangkok. Trotz Rucksack, er ist ja auch nur mini und mit sechs Kilo superleicht, schaffe ich es in einer halben Stunde zum Abfahrtsort am White Beach. Zum allerersten Mal gebe ich mein Gepäck ab, zum Verstauen im Kofferraum. Da ich zu früh dran bin, kann ich noch einen Kaffee trinken gehen. Als ich zurückkomme, werde ich zu einem Bus gewinkt, es stehen drei dort, die alle ziemlich gleich aussehen. Ist es auch der, in dem mein Rucksack verschwunden ist? Ich vertraue darauf und schlucke meinen Kontrollwahn hinunter. Wieder sehe ich Affen auf den Telefonleitungen, das kratzt an meinem Weltbild. Da dieses Mal der gesamte Bus auf die Fähre kommt, warten wir ewig, bis genug Platz ist, daher die doppelte Zeit, als bei der Herfahrt.
Der Bus hält auch am Flughafen, ich hatte, weil es mir über die App so angeboten wurde, bis zum Busterminal Mo Chit gebucht, von dort würde ich aber wieder ein Taxi brauchen. Ich steige am Flughafen aus, mein Rucksack taucht zu meiner Überraschung im Kofferraum auf. Ich sage dem Fahrer, dass er mich von seiner Liste nehmen kann, er nickt, vielleicht wäre ich die einzige gewesen, die bis in den Norden der Stadt mitgefahren wäre.
Der Airport Rail Link ist mir vertraut und ich bin damit sicherlich schneller in der Stadt als ein Bus, der sich durch den dichten Verkehr zwängen muss. Von dort verkehrt die Buslinie 4-69 zur Khao San Road, auch im Dunklen werde ich die Bushaltestelle wieder erkennen. Zudem nickt mir die Schaffnerin im rechten Augenblick zu, sie hatte mich im Blick. Women in the world united. Nicht viele Touristen wagen sich in das Wirrwarr der städtischen Busse. Ich absolviere das dieses Mal wie ein alter Hase, wenn ich an meinen ersten Tag in Thailand und Bangkok denke, grauenvoll.
Dieses Mal bin ich früher im Hotel und er erkennt mich wieder. Ich bin noch fit genug, um ein letztes Mal im Dorf Rambuttri, bei einem Singha die Touris zu beobachten. Insgeheim warte ich auf den Kalifornier, aber der ist längst wieder Zuhause. Abseits der Khao San Road kaufe ich zwei Hühnerschenkel, andere Touristen schauen nur kurz auf die Auswahl und laufen weiter. Ich und die Standinhaberin sind uns einig, dass sie in der Partymeile für dasselbe Angebot den doppelten Preis bezahlen.
Donnerstag, 9. Januar
Letzter Tag meines Urlaubs. Ich kann den Rucksack im Hotel deponieren und ziehe unbeschwert los. Ich habe noch viel zu viel Baht übrig, aber ich wollte ohnehin Seide kaufen. Gestern recherchierte ich, es wurde auf mehreren Websites derselbe Laden angegeben, dort will ich nun hin. Er liegt im modernen Teil der Stadt, dort, wo mich der TukTuk-Fahrer hinbrachte, wo der östliche Busbahnhof liegt. Dieses Mal fahre ich mit der U- und S-Bahn und blicke dort staunend zu den Wolkenkratzern auf.
Als geübter Bangkoker finde ich den Laden sehr schnell. Es gibt einige Hauptstraßen und alle abführenden Nebenstraßen werden als Soi plus den Namen der Hauptstraße mit fortlaufender Nummerierung benannt, ganz einfach, wenn man es begriffen hat. In dem Geschäft stapeln sich die Stoffballen bis zur Decke. Auf den ersten Blick finde ich meinen Stoff in wunderbaren Herbstfarben. Es ist kein Problem, einen Teil in bar zu bezahlen und den Rest mit VISA, denn Seide hat auch hier seinen Preis, darum ist es wichtig, sich darauf verlassen zu können, dass es auch wirklich Seide ist. Ich traue mir zu, den Unterschied zwischen Kunst- und Naturfasern zu fühlen, aber ob es nun reine Seide oder eine Mischung aus Baumwolle und Viskose ist, da müsste ich passen. Das Geschäft ist klein, aber vertrauenswürdig. Ich bitte sie vor dem Abschneiden, meine VISA-Karte zu prüfen, also erst bezahlen und dann schneiden, da mir die Nachrichten meiner Bank bezüglich des nicht möglichen Kartengebrauchs noch im Kopf hängen, nicht dass die wegen undurchsichtiger Vorgänge die Karte komplett gesperrt haben. Doch es ist alles in Ordnung. Auf dem Rückweg esse ich in Chinatown endlich einmal Ente. Die Portionen in diesem Land sind sogar für meine Begriffe mini, aber so eine winzige Mahlzeit hatte ich noch nie. Ein letztes Mal mit dem Boot auf dem Fluss fahren, dann hole ich den Rucksack von Hotel, obwohl noch reichlich Zeit bleibt, mein Flug geht kurz vor Mitternacht. Aber ich würde gern ein Nickerchen machen und das ist am ungestörtesten am Flughafen, direkt am Gate möglich.
Das gesamte Flughafengebäude ist ausgesprochen gut gekühlt. Mein Plan ist, alle Kleidungstücke übereinander anzuziehen, um in Flugzeug und auf der anschließenden Zugfahrt nicht ganz zu erfrieren. Das kann ich dann auch sofort machen. Mit einem lapprigen kleinen Rucksack checke ich am Automaten ein, weil zu viel am Schalter anstehen und wieder ist es supereinfach.
Fotoextras:
Käfer- und Bullisspecial
Ich wollte auch noch ein Blumen-Special machen, aber ich fotogragpierte nahezu jede Blume, an der ich vorbeikam, das sind unzählige. Das Tier-Special scheiterte daran, dass ich kaum welche sah.
Eintrag vom 10.06.2023
Die Ostseetour
- Früher oder später musste es sein.
.
Das Wichtigste gleich zuerst: Fischbrötchen.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.ich hatte sie alle!
.
Dafür könnte ich sterben ... oder töten (darüber muss ich noch nachdenken). Überall steht der Spruch: Alle zehn Sekunden verliebt sich eine Möwe in ein Fischbrötchen, aber da kenne ich keinen Spaß, von mir haben die nix bekommen. Vielleicht hatten die Möwen auch ein Einsehen, wenn ein Bayer schon einmal so hoch in den Norden kommt, dann darf man ihm/ihr das nicht wegnehmen. Ich mag Möwen!
.
Kiel, erster Eindruck: Verdammt viele Möwen, die Autos sind ziemlich verschießen, also öfters nach oben schauen, vielleicht hilft es. Es windet. Meine Unterkunft liegt am Stadtrand, gar nicht so leicht zu finden. Es ist kein richtiges Hotel, es sind Zimmer bei einer Bildungseinrichtung, schlicht gehalten, das wusste ich aber.
.
Tag 1
Diesen Urlaub lasse ich ganz entspannt angehen, dazu muss ich mich immer zwingen. Erste Voraussetzung: kein Wecker. Ich habe hervorragend geschlafen, besser als zu Hause. Sonderbar.
Mit dem Deutschlandticket kann ich es dem Zufall überlassen, wo ich den Tag verbringe. Busse von meiner Unterkunft fahren regelmäßig zum Bahnhof und dort habe ich zwei Möglichkeiten: Schienenersatzverkehr nach Flensburg oder mit der Bahn nach Lübeck. Ich entscheide mich für Letzteres.
Ich lies es ganz locker angehen, alles scheint möglich zu sein. In den Zug steigen, in Lübeck sofort Neptun von seiner besten Seite gesehen, Stadtführung mitgemacht, Fischbrötchen gegessen.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
Zurück am Bahnhof, gibt es eine Verbindung nach Puttgarden/Fehmarn. Ich muss mich erst schlaumachen, wo und was das ist, ich bin nordisch unqualifiziert. Als ich es wusste, will ich unbedingt hin. Nur den Bus zu finden, ist nicht leicht. Zum Schluss sind wir zu viert auf der Suche, es war also nicht ich zu blöd dafür. Den Fahrer frage ich sofort, ob für so einen edlen Bus mein Deutschlandticket gilt und war enttäuscht als er NEIN sagt. Ich nehme es ernst, hake aber nach, dann rückt er endlich heraus, dass das ein Scherz war und ich natürlich mitfahren darf. Wusste gar nicht, dass diese Nordlichter so einen schwarzen Humor haben.
Über viel flaches Land geht es bis ganz hinauf an die äußerste Spitze der Insel, wo nur noch die Fähren nach Dänemark ablegen. Dort setze ich mich auf einen Felsen am Strand und sehe den Wellen zu, immer wieder gut zum Seele-baumeln-Lassen.
.
.
.
.
Tag 2
Dank der Bahn und des nicht funktionierendem Schienenersatzverkehrs lande ich statt in Flensburg in St. Peter Ording. Ich weiß, das ist schon Nordsee, aber weil es so nah ist und der Zug dort hinfährt, nehme ich es mit. An den Strand darf ich nur gegen Eintritt und das will ich nicht. Das Fischbrötchen esse ich auf der Promenade, habe ich schon erwähnt, dass ich Fischbrötchen liebe?
.
.
.
.
Dann finde ich doch noch einen passenden Zug und über viel sehr flachem Land (schon wieder, tritt hier gehäuft auf) und dem coolsten Bahnhof in Schleswig geht es hinauf nach Flensburg. Eigentlich wollte ich überprüfen, ob die auch gut auf meine Punkte aufpassen, aber da war heute niemand. Ein Bier ist Pflicht. Ich hätte auch noch ein zweites kostenlos bekommen, weil ich eines in der Flasche haben wollte und die Wirtin mir dringend das vom Fass empfohlen hat, und zum Testen hätte sie mir anschließend noch eines in der Flasche gegeben, aber ich muss den Weg zurück nach Kiel finden.
.
.
.
.
.
.
.
.
In Eckernförde darf ich unentgeltlich an den Strand.
.
.
.
.
Tag 3
In Rostock frage ich in der Touristeninfo nach, was man gesehen haben muss, wenn man nur drei Stunden zur Verfügung hat. Ich bekomme eine kleine Liste. Als ich wieder auf den Marktplatz hinaustrete und mich umsehe, wird mir klar, dass ich sie gar nicht brauche. Der Baustil fasziniert mich völlig: der neue, der alte und auch die Plattenbauten, die können auch gut aussehen. Ich bin noch einmal zurück in die Info zu den beiden jungen Leuten, vermutlich Studenten und lasse mir versichern, dass das wirklich Plattenbauten sind.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
Natürlich gibt es ein Fischbrötchen und im ersten Moment ärgere ich mich in Warnemünde, dass ich es schon in Rostock gegessen habe, denn am Kanal reiht sich Bude an Bude mit einer unglaublichen Auswahl. Beim näheren Hinsehen bemerke ich die Preise, es gibt sogar welche für über vierzehn Euro, das liegt dann vermutlich auf einem Teller - üblicherweise bekommt man es auf einer Serviette auf die Hand - mit zwei Salatblättern extra. Es ist der volle Touristenort und den Japanern kommt es vermutlich billig vor.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
Tag 4a
Die Ostsee und die Lechtaleralpen haben eine große Gemeinsamkeit. Das eine flach und wässrig, das andere steil und steinig. Ihr findet, das ist keine Gemeinsamkeit? Dann könnt ihr jetzt etwas lernen: Sie sind beide nicht leicht zu nehmen.
.
Der Plan war mit einer ausgefeilten Bahnverbindung in fünf Stunden auf Rügen anzukommen. Dafür bin ich um vier Uhr morgens aufgestanden, mit Wecker. Ich wollte einmal in meinem Leben die Kreidefelsen sehen. Ich weiß nicht, ob ich das jemals schaffen werde.
.
Startpunkt ist wie jeden Tag Kiel. Der Zug fährt mit zwanzig Minuten Verspätung ab und nach nur einem Kilometer steigert er sich auf vierzig. Da kann selbst die cleverste Verbindung nicht mehr mithalten. Als ich endlich in Lübeck ankomme, ist mein Anschluss natürlich weg, aber es steht ein Zug nach Hamburg am Gleis gegenüber. Dort wollte ich eigentlich überhaupt nicht hin, aber .... mit einem Deutschlandticket ist es möglich.
.
Hamburg bei Kälte und dicken Wolken macht gar keinen Spaß. Also schnell zum Jungfernstieg und Rathaus, weiter über die Jan-Fedder-Promenade – ja, die gibt es jetzt - zu den Landungsstegen und dem Fischmarkt. Markt ist nicht, aber Fischbrötchen gibt es. Ein Großstadtrevier-Fan weiß, dass man/frau in dieser Stadt ein Krabbenbrötchen isst.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
Schnell wieder zurück nach Kiel und schlafen, damit ich morgen wieder um vier Uhr aufstehen kann, für den zweiten Versuch.
.
Tag 4b
Ratet einmal, wo ich heute gelandet bin. Ihr dürft auch zwei Mal raten. Richtig! Nicht bei den Kreidefelsen auf Rügen. Aber heute habe ich den Anschlusszug in Lübeck lediglich um zwei Minuten verpasst, gestern waren es dreißig. Das Ergebnis war dasselbe: Zweiter Versuch misslungen. Ziel nicht erreicht. Gehe zurück auf Los, ziehe nicht viertausend Euro ein.
.
Aber, da steht ein Zug nach Schwerin und Schande über mich, wenn ich diese Stadt verpasst hätte. Das Schloss ist fantastisch und es ist kaum zu glauben: Es ist Markttag und dort gibt es Fischbrötchen, obwohl hier nicht mehr Ostsee ist.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
Danach geht es weiter nach Wismar auf den Spuren der gleichnamigen Soko. Schau ich immer und ein paar Schauplätze erkenne ich wieder. Dann komme ich zum Meer und es war weg!!! Eine schrecklich nette Einheimische klärt mich auf, es ist abwindig, sprich: Der Wind hat es vertrieben. Geschieht hier selten, sagt sie, darum musste sie auch ein Foto machen. Wir sitzen beide auf einer Bank, betrachten das nicht vorhandene Wasser und unterhalten uns vorzüglich. Sie durfte noch im Schloss Schwerin studieren. Anschließend bringt sie mich noch zum Bahnhof. Sind nett die Wismeraner.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
Tag 5
Lasse es heute etwas ruhiger angehen: Kein Wecker um vier Uhr morgens, keine lange Zugfahrt. Dafür chillen in Laboe und Kiel, aber nicht ohne Fischbrötchen.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
Das Highlight des Tages ist die Slam-Lesung, die ich zusammen mit fusseln.im.kopf (= Nicole Schöning, Autorin, zu finden auf Instagram) besucht habe. Danke, war echt toll, dass wir uns einmal in echt getroffen haben.
.
Tag 6
Ich könnte ihn auch Tag 4c nennen, weil es der dritte Versuch ist, aber ich will positiv denken.
Die Bahn tat das Übliche, ich habe alles gegeben. Vier Uhr morgens aufgestanden, trotz verpassten Anschlusszugs in eisiger (ja, morgens war es kalt) Kälte ausgeharrt und auf den nächsten Zug gewartet. Damit rechnete die Bahn nicht! Völlig aus dem Konzept gebracht, kommen die restlichen Züge pünktlich, aber es ist eben nicht mehr die geniale Verbindung. Nach sieben Stunden und mittels grandiosem Durchhaltevermögens erreiche ich Stralsund und hisse die weiße Flagge, ich habe genug - die Bahn setzt sich mit überheblichem Siegergehabe zurück in den Sessel.
.
Ich gebe mir wirklich Mühe, nun meine Aufmerksamkeit ungeteilt Stralsund zu widmen, doch selbst das Fischbrötchen reißt mich nicht mehr aus der Erschöpfungslethargie. Der Gedanke, dass ich auch wieder sieben Stunden zurück brauche, treibt mich durch die Straßen. Diese Stadt hätte mehr verdient.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
Auf dem Rückweg gönne ich mir noch einen Schlenker nach Barth, einem kleinen Badeort. An maxsy_multerer (Schriftstellerin, auf Instagram zu finden): Weiter konnte ich den Spuren deiner Protagonistin Anina nicht folgen, aber ich habe es versucht. Wäre ich nicht so geschwächt gewesen, wäre ich zu Fuß nach Darß hinaus gelaufen.
.
.
.
.
.
Da die Bahn nicht mit meinem Durchhaltevermögen gerechnet hat, kann sie keine Verspätungen mehr bieten. In nur viereinhalb Stunden bin ich wieder in Kiel.
.
Dies war der dritte und letzte Versuch, die Kreidefelsen zu sehen. Keiner kann behaupten, ich hätte es nicht versucht. Caspar David Friedrich ist sicherlich nicht mit der Bahn dort hin, sonst würde es sein beeindruckendes Werk nicht geben. Da ich am Sonntag für die Rückreise neun Stunden in vollen Zügen genießen darf, werde ich morgen nicht mehr ganz so voller Elan losziehen. Schau ma mal.
.
Tag 6
.
this is the end
my only friend
the end
.
Nach der gestrigen Langstrecke ist es ein Katzensprung nach Sylt. Von den angeblich massenhaften Punks habe ich nichts gesehen, vermutlich hat sich die versnobte Gemeinschaft hier, über eine Dreiergruppe aufgeregt, mich nerven die Unmengen von röhrenden ruhestörenden Harleyfahrer.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
Ich zwinge mich, eine halbe Stunde lang die Wellen zu beobachten, damit ich wieder von dem Trip herunterkomme, noch mehr und noch mehr sehen zu müssen. Es funktioniert und so kann ich morgen völlig gechillt nach Hause fahren. Thank you for travelling with Deutsche Bahn.
Eintrag vom 14.04.2023
Wandern in der Sächsische Schweiz
5 Tage: 1 Tag bewölkt, 3 Tage Sonne, 1 Tag Regen - war voll in Ordnung
Standort in Königstein und von da sternförmig auf dem Malerweg gelaufen
.
.
.

.
.
.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.
.
.
.
.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

Eintrag vom 23.08.2022
Min Weag 30 Etappen durch Vorarlberg

.
Angefangen hat alles am 26. Mai, ein langes Wochenende.
Ich habe 4 Tage, das Wetter ist genial und es sind 30 Etappen auf meiner Wanderapp abgespeichert. Den ersten Zug habe ich genommen, früh aufstehen ist nicht mein Problem, aber ein Zug, der nicht fährt, ist es schon. Die Bahn hat einen anderen Zug, nur der Zugführer kennt sich damit nicht aus, bringt ihn nicht zum Fahren. Mit einer Stunde Verspätung und einem anderen Kollegen, schafft er es. Aber noch bin ich frohgemut, auch mit der Aussicht auf zehn Kilometer breit planiertem Weg um Bregenz herum. Ich wusst es, kannte die Strecke, wollte später einsteigen, wenn die Wege schmaler und grüner werden, aber der Wunsch nach Vollständigkeit siegte und so fange ich ordnungsgemäß am Bregenzer Bahnhof zum Wandern an, die leichten Etappen nach Feldkirch sollen es vorerst sein.
.

.
Das Wetter immer noch schön, die Beine schon müde durch die langen harten Wege, da beschließe ich nach eineinhhalb gelaufenen Etappen, eine Unterkunft zu suchen. Ich laufe Alberschwende ab, alles voll, ich laufe ins nächste Dorf, alles voll, ich nehme den Bus nach Dornbirn, alles voll, gut für 250€ ohne Frühstück gibt es etwas, will ich aber nicht. Ich setze mich in den Zug zurück nach Hause und gehe die restlichen Tage jeden Morgen zum Schwimmen und lege mich auf dem Balkon in die Sonne, hat aus was.
Der nächste Versuch kommt am 10. Juni, nur ein ganz normales, kurzes Wochenende.
Ich lasse es gaaanz anderes angehen, viel lässiger, ja, manchmal kann ich das. Ich reiße mich früh von der Arbeit los und nehme das Schiff von Konstanz nach Bregenz, gaaanz easy, gaaanz cool, vier Stunden lang.
.

.
In Bregenz übernachten und dann gaaanz lässig mit der Bahn zum Pfänder (1062m) hinauf, nur der Fahrradtrupp, der auch mitfährt ist nervig, aber ich bleibe fast gelassen. Dieses Mal nehme ich von Bregenz aus die andere Richtung, schließlich ist der Min Weag ein Rundwanderweg. Zwei Tage habe ich, ich will bis zum Hochgrat kommen. Und wieder ist das Wetter genial.
.

.

.
Ich hätte in Sulzberg (1013m) übernachten können, aber dort war mir das Gewühl aus Wanderern, Motorradfahrern und schicken Ausflüglern zu groß. Ich entfliehe - wieder hinunter und wieder hinauf - nach Riefensberg (781m). Kennt jemand Riefensberg? Ich kannte es nicht, ich vermute, dass nicht viele es kennen. Es gibt einen Gasthof, aber der ist zu. Ich rufe die Nummer an der Tür an, nur Mobilbox. Ich laufe weiter, ein Café. Ich frage dort, ob sie etwas zum Übernachten kennen. Dort ist gerade eine Geburtstagsfeier, das halbe Dorf ist dort. Ein älterer Herr meldet sich sofort, die Damen in der Runde starren ihn irritiert an: 'Seit wann hast du eine Übernachtungsmöglichkeit?' Er sinkt sofort zurück auf die Bank, schrumpft dort geradezu zusammen. Die Damen überlegen und beratschlagen, die Kellnerin ruft auch noch beim Gasthof an, aber da meldet sich wirklich niemand. Die Chefin kommt dazu. Sie hat eine Freundin in Hittisau, die hat einen Gasthof, schon ruft sie an, ja, da wäre noch ein Zimmer für mich, es gibt einen Bus dorthin, in einer Stunde. Nun trinke ich erst einmal einen Kaffee und einen Apfelstrudel gibt es auch noch. Bus gibt es dann doch keinen mehr, nicht am Wochenende. Ich sage noch schnell im Cafè bescheid, dass ich per Anhalter fahre. Die Chefin protestiert: 'Hier fährt doch kaum ein Auto, diese Ecke ist fast ausgestorben.' Sie besteht darauf, mich zu fahren, sie will Hallo zu ihrer Freundin sagen. Der Gasthof ist schön, neue Zimmer, gutes Frühstück und das zu einem günstigen Preis, was will man/frau mehr.
Am Morgen beratschlage ich mit der Wirtin und ihrer Mutter, wie ich von hier am besten zur Nadelfluhkette hoch komme. Es ist schon verdammt heiß am Morgen beim Aufsteigen, ich bekomme kaum Luft, ich komme nur sehr langsam hinauf. Oben am Grat gibt es einen genialen Ausblick, die Nadelfluhkette ist immer wieder schön.
.

.

.

.
Um zwei Uhr nachmittags wird mir klar, ich bin kurz vor dem Hochgrat (1834m), dass ich jetzt runter ins Tal und zum Bahnhof muss, sonst komme ich heute nicht mehr nach Hause. An einer Alm fährt mir der Bus gerade vor der Nase weg, also weiter zur nächsten Bergbahn, unten sind es noch vier Kilometer nach Oberstaufen und es wird später und später. Ich versuche per Anhalter zum Bahnhof zu kommen, aber hier ist ein Golfplatz und da kann man sich vorstellen, wer hier vorbeifährt, die nehmen keinen Anhalter mit. Eine junge Frau hält an, sie war auch Wandern. Sie muss eine andere Strecke weiter, aber will mich schnell zum Bahnhof bringen, wo ich denn heute noch hin muss? Ich sage es, sie lacht: 'Ich fahr nach Überlingen, wenn du Lust hast, kannst du mitfahren.' Und so sitze ich zwei Stunden später frisch geduscht auf meinem Balkon. Das Beste ist, dass es am Bahnhof jetzt Augustiner zu kaufen gibt, dass gibt es sonst selten außerhalb von Bayern und ich habe es die letzten zehn Jahre hier vergeblich gesucht. Prost.
.
Weiter geht es am 16. Juni, wieder ein langes Wochenende.
.

.
Dieses Mal ist das Wetter nicht ganz so genial. Es soll heute regnen, aber die nächsten Tage besser werden. Am Abend zuvor fahre ich schon nach Oberstaufen und am Morgen mit dem Bus zur Hochgratbahn und damit hinauf (1834m). Oben regnent es, ich warte den ärgsten Schauer ab, aber dann Regenpocho überziehen und los. Offiziel würde die Tour gleich auf der anderen Seite wieder hinunterführen und dann im Tal entlang, bin ich schon mal gelaufen, ist langweilig. Ich bleibe oben, der Bogen, den ich dazu schlagen muss ist lang, aber lohnenswert.
.

ich war schneller 
.
Unten im Tal erwischt mich noch einmal ein heftiger Regenschauer. Ich laufe nach Balderschwang hinein, aber es sieht mir gleich ziemlich versnoppt aus, die wollen keine schmuddeligen Wanderer. Ich finde nichts, aber mir kommt ein Bus Richtung Hittisau entgegen und mir fällt sofort der Gasthof von letztens ein, aber ich habe keine Telefonnummer und schon gar keinen Empfang. Am letzten Hotel, an dem ich nachfrage, ich glaube ihr, dass nichts mehr frei ist, sucht sie mir die Nummer heraus und lässt mich telefoniern. Ja, sie haben noch was für mich, sie erinnert sich an mich, wir klären sofort, ob ich vielleicht zwei Nächte bleiben kann, aber die morgige Tour bringt mich in ein anderes Tal, schade.
Am Morgen fahre ich mit den Bus nach Sibratsgfäll (929m), dann muss ich nicht mehr in diesen versnoppten Ort zurück und die Tour wird auch so lange genug.
.
.
.
Es fängt lässig eben an, dann steil hinauf zu einem Grat mit Blick auf den eigentlichen Anstieg des Tages, den Hohen Ifen (2230m). Oben sitzen zwei Mädels, an den Rucksäcken erkenne ich, dass sie die ganze Zeit schon vor mir herlaufen, aber die beiden wollen nicht auf den Ifen, sondern ins nächste Dorf, weil es dort die leckersten Kässpatzen von Welt geben soll. Wir wünschen uns gegenseitig Spaß und ich laufe hinunter und auf den Ifen zu. Die 1200 Höhenmeter merke ich kaum, es geht langsam, aber beständig nach oben.
.
..
und noch ein Stück weiter hoch

und noch ein Stück
.
und noch ein Stück

.

.
Ich war noch nie im kleinen Walsertal, aber genau da komme ich nun runter, auf einem megabreiten Weg, der im Winter als Skipiste genutzt wird. Unten am Parkplatz bin ich genervt und will nun nicht auch noch die Teerstraße nach Hirschegg hinunterlaufen, ich versuche es per Anhalter und es klappt. Die wollen nicht nur nach Hirschegg, sondern bis Mittelberg (1215m) und das ist auch mein Endziel für den heutigen Tag. Wieder beginnt die Suche nach einer Unterkunft, es steht Hotel an Hotel, aber alle sind voll. In der alten Krone werde ich fündig und es ist eine schöne Unterkunft. Das Zimmer ist sehr klein, aber groß Auslauf brauche ich nach so einem Tag nicht mehr.
Letzter Tag und wieder zwei Etappen zusammengefasst. Über den Hochalppass (1938m) hinunter nach Hochtannbergpass (1676m).
.

.

.

.
dann am Körbersee (1656m) vorbei, über den Auenfeldsattel (1710m) hinunter nach Lech (1450m).
.

.
und von dort mit Bus und Bahn wieder nach Hause. Für die Etappen ab Lech brauche ich einmal länger Zeit, weil es nun hochalpin wird und da kommt man nicht so schnell wieder heraus.
.
Am 6. August geht es weiter.
Schon am Abend zuvor, gleich nach der Arbeit fahre ich nach Lech. Beim Frühstück überfliege ich virtuell die Tagestour und stelle fest, dass ich nur einen großen Kreisbogen laufe und dort herauskomme, wo am Abend auch der Bus gehalten hat, also buche ich eine zweite Nacht, die Pension Schrofenstein gefällt mir.
Ich gönne mir die Bergbahnfahrt hinauf auf den Rüfikopf (2362m). Von dort geht es zur Stuttgarter Hütte (2310m), über den Robert-Bosch-Weg, ja, dieser Herr war Alpenvereinsmitglied und hat den Bau dieses Wegs finanziert, hinauf auf den Valuga (2811m), über einen von viel Geröll überschütteten Weg hinunter zur Ulmer Hütte (2285m) und dann nach St. Christoph (1765m) und mit dem Bus zurück nach Lech.
.

.

.
..
man beachte den Proviant, denn jemand großzügig unter dem Wegweiser zurückgelassen hat (ein gelbes Gummibärchen) und - die Wege sind schmal dort oben
.

.
Es war Regen angesagt, aber ich habe nur drei Tropfen abbekommen und ob das oben auf dem Valuga nicht Nebel ist, ist nicht so sicher. Blöd für die, die viel Geld für die Bahn hinauf bezahlt haben, die sehen nichts. Ich hatte wenigstens eine tolle Wanderung.
Am nächsten Tag geht es mit dem Bus und dieses mal mit vollem Gepäck hinauf nach Stuben (1407m). Die 600 Höhenmeter zur Kaltenberghütte (2089m) habe ich mir leichter vorgestellt und schon zieht eine Frau mit großen Rucksack frisch an mir vorbei, da wäre auch eine Bahn hochgefahren. Ich gönne mir erst einmal eine Johannisbeerschorle, bevor ich mich an den nächsten Anstieg mache.
.

.

.

.

.
Oben auf der Krachelspitze (2686m) gibt es einen fantastischen Ausblick auf eine Eiswand am Berg gegenüber und zwei türkisfarbene Schmelzseen.
.

.

.

.
Fröhlich pfeiffend an einem See entlang, bis mich die Erkenntnis trifft, dass es jetzt nicht einfach so ins Tal hinunter geht, sondern dass noch das Gstansjöchli (2573m) mit 200 steilen Höhenmetern zwischen mir und der Konstanzer Hütte (1688m) steht und die liegt wieder verdammt weit unten, viele Höhenmeter auf verdammt kurzer Strecke. Aber der Ausblick lohnt, bevor ich in die Nebeldecke eintauche.
.

.
Die Konstanzer Hütte ist voll, da sie so weit unten liegt und auf breiten Straßen erreichbar ist, ist sie die ideale Unterkunft für Fahrradfahrer. Für mich gibt es noch einen Platz in einem Dreibettzimmer, das Pärchen dachte schon es wäre ihr Reich.
Am nächsten Tag geht es durch ein grünes, sanft ansteigendes Tal und an wildgewordenen jungen Highlandcattles hinauf zur Heilbronner Hütte (2320m) und nach einer Johannisbeerschorle wieder etwas hinunter zum Zeinisjoch und dem Kops-Stausee (1809m). Unterwegs treffe ich die Mädels, die zum Spätzleessen wollten wieder.
.

.

.

.

.

.

.
Im Berggasthof Zeinisjoch gibt es noch ein Zimmer für mich, ein sehr schönes Zimmer, fast schade, dass ich dort sofort eingeschlafen bin.
.
Am nächsten Tag geht es, nach einem ausgezeichneten Frühstück, erst um den Stausee herum und dann hinauf, sehr lange hinauf zum Vallüla (2813m, ich muss nur auf den kleinen Vallüla mit 2643m Höhe). Um die Stimmung aufzuhellen singe ich ein Lied zum Vallülala, aber auch die vielen kleinen Tümpeln mit den vielen Fröschen, man beachte, Frösche auf 2500 Metern Höhe, heben die Stimmung. Bei einer Rast befreie ich die Bergwelt von hunderten dieser gefährlichen Blaubären, die Frösche sollten mir dankbar sein. Als dann zwei Mädels zu mir hochkommen, wische ich schnell die verräterischen blauen Spuren ab, aber die sind hartnäckig. Ich weise darauf hin, dass ich ein paar Bären übrig gelassen habe, aber die beiden sind viel zu geschafft, um darauf zu reagieren.
.

.

.

.

.

.
..
hier lerne ich sie zum ersten Mal kennen, große Felsen mit tiefen Spalten dazwischen und der Weg führt darüber hinweg
.

.

.
Auf der Bielerhöhe (2037m) am Silvretta-Stausee finde ich kein Zimmer, dafür gibt es einen Bus, der die über 30 Serpentinen hinunter nach Partenen (1051m) fährt, ich liebe es, mit großen Bussen über enge, kurvenreichen Passstraßen zu fahren und bewundere die Fahrer.
Am nächsten Morgen fahre ich wieder hoch und es geht weiter über den Hochmaderer (2823m) zur Tübinger Hütte (2191m). Eigentlich wollte ich weiter nach Gargellen, aber ich bin schon vier Stunden gelaufen und das wären noch einmal fünf Stunden. Außerdem ist die Tübinger Hütte einer der schönsten Hütten auf der ich je war, wunderbar abgelegen am Ende eines Hochtals, ein nettes Team und neu renoviert. Leider habe ich den ganzen Tag kein einziges Foto gemacht, sonderbar.
Heute ist es eine ziemlich einfache Tour, kurz über das Mittelbergjoch (2415m) und das Vergaldner Joch (2515m) und dann ein langes Tal hinunter nach Gargellen (1423m), aber gestern war es ja auch schon kurz und bündig, tut auch einmal gut. Gleich am Morgen treffe ich drei Schäfer, denen 15 Schafe ausgebüchst sind, sie sind dafür wirklich auf jedes Joch und haben in alle Täler geschaut.
.

.

natürlich wieder über viele Felsen und Spalten
.

.

.

sie wollten sich verstecken, ich hab sie aber entdeckt
.

.
Gestern auf der Hütte hat einer erzählt, dass er bei seinem letzten Netzkontakt über booking.com eine Unterkunft in Gargellen bekommen hat, es gab nur noch teuere und das billigste war für über 80€. Mit einem mulmigen Gefühl gehe ich auf die erste Pension zu. Dort jongliert eine Dame zwischen Bar, überfüllten Tischen und Küche hin und her. Ich versuche sie in einem günstigen Moment mit meinem Anliegen zu stoppen. Sie hält inne: 'Lassen Sie mich erst kurz die Dateien in meinem Gehirn neuordnen.' Kurze Pause: 'Ja, das sieht gut aus, gehen wir rein." Und ich habe ein Zimmer, das Zimmer hat im Bad eine Wanne, da kann ich nicht wiederstehen. Nebenbei erwähnt, ich habe seit zwei Jahren kein heißes Wasser mehr in meiner Wohnung, ich geniese jede heiße Dusche in vollen Zügen, aber ein heißes Bad, das ist besser als jedes Wellnesshotel.
Ein neuer Tag. Hinauf zum Sarotajoch (2389m), hinüber zum Plasseggenpass (2354m) und zur Tilisunahütte (2211m) vorbei an einen weißen Kieselstein in monstergröße, völlig deplaziert zwischen diesem ganzen grauen Schiefer und Granit. Es geht auch etwa 500 Meter durch die Schweiz. Nun wäre Etappenende, aber ich trinke nur kurz etwas und laufe weiter zur Lindauer Hütte (1744m), dazu geht es noch ein Stück hoch und dann 600 Höhenmeter über kurze Strecke steil nach unten.
.

.

der Finger ist Absicht, der soll beweise, dass ich auch wirklich dabei war und nicht nur eine Drohne geschickt habe
.

heißt Weißplatte, dieser monströse Kieselstein
.

.

.

.
Wieder eine Hütte tief unten, aber es ist eine wirklich schöne Hütte und einen Platz haben sie auch noch für mich. Nach dem dritten Glas gespritzten Most bin ich bereit für die Spinatknödel, schmecken genial, dafür gibt es morgen kein Frühstück, dann kann ich wenigstens früh los.
.
.
.
Und früh bin ich los, musste früh los, nicht wegen der Spinatknödeln, sondern wegen dem Typen neben mir, der die ganze Nacht geschnarcht hat und um 5:40 Uhr einen Handyalarm losgelassen hat, in einem Mehrbettzimmer!!!! Ich bin wütend aus dem Bett gesprungen, draußen auf dem Flur habe ich ihm gesagt, dass er kurz davor steht, gelyncht zu werden, schnarchen plus Alarm ist zu viel. 'Habe ich geschnarcht?' hat er gefragt. Nein, ich habe ihn nicht umgebracht, ich nicht.
Nun bin ich schon unterwegs und beruhige mich beim Anblick der Morgensonne auf den Bergen. Ich muss mich jetzt auch auf den Anstieg konzentrieren, es wird anstrengend zum Öfakopf (2374m) hinauf. Dann hinunter zum Schweizer Tor (2137m), der Blick dadurch wurde mir als sagenhaft beschrieben, aber ich finde, dass der Blick in die andere Richtung auch nicht schlecht ist.
.

Schweiz
.

Österreich
.
.
.
.
.
Am Lünersee (1970m) bekomme ich endlich einmal eine Buttermilch und noch dazu frisch gezapft, also sozusagen frisch von der Kuh, auf einer Hochalm. Und unten in Brand (1037m) bekomme ich mein Wellnesshotel, nicht mit der Wimper gezuckt hat der junge Mann an der Rezeption, man bedenke, ich bin den achten Tag unterwegs und sehe alles andere als frisch aus. Na dann, ab in die Sauna, hat er extra für mich aufgedreht.
Ich laufe die Serpentinen den Berg (1524m) hinauf, obwohl alle anderen mit der Bergbahn heraufkommen, ist doch ein Klacks für mich. Dann geht es das Lorenzitäli (schon klar, dass die Schweiz nicht weit ist) weiter hinauf zum Amatschonjoch (2028m) (muss eine Mischung aus Apatschen und Schoschonen sein, ich wusste, die kommen aus den Alpen) und dann hinunter zum Nenziger Himmel (1370m).
.
.
.

.

.
Das der Tag kommen wird, an dem ich keine Unterkunft finde und meinen Schlafsack unter einem Baum ausrolle, war mir klar, aber die überzeugte Aussage des Wirts im einzigen Gasthof im Nenzinger Himmel, hat meiner Wandertour ein plötzliches Ende bereitet, nur wenige Meter vor der Lichtensteiner Grenze, das ist schon gemein. 'Ich hab leider nix mehr für dich frei, aber im Tal findest du was. Um 15:30 Uhr geht ein Bus hinunter.' Frohgemut trinke ich noch ein Radler. Der Bus gehört zu einer privaten Busgesellschaft und ist etwa halb so groß wie ein normaler Bus, dafür kommen drei Stück davon. Es werden Namen aufgerufen, schnell wird mir klar, hier hätte man buchen müssen. Als sie mit ihrer Liste durch ist, frage ich, was ist, wenn man nicht gebucht hat. Sie sieht mich von oben bis unten an: 'Dann bist du die Frau in Orange, dann bekommst du den Notsitz im dritten Bus.' Der Wirt hat also für mich gebucht. Muss ich jetzt sagen, dass ich eine gelborange Hose und eine orange Bluse anhabe. Der Fahrer vom dritten Bus weiß bescheid: 'Die Frau in Orange'. Der Notsitz ist ein Kunststoffhocker mit einem Kissen drauf. Es geht 17 Kilometer über Serpetinen auf einer schmalen, nicht öffentlichen Straße ins Tal hinunter, nach Nenzingen (530m). Dort wird mir gesagt, dass es in dem Ort, der auf meiner Karte der größte seit acht Tagen ist, einen einzigen kleinen Gasthof gibt und der hat Sonntag Nachmittag zu. Bei der Nummer, die ich anrufe, geht die Mailbox ran, am Büro der Busgesellschaft ist keiner mehr, ich kann also auch nicht wieder hinauf zu einem Baum unter dem ich schlafen könnte. Was nun? Der Bahnhof ist nicht weit .... und zwei Stunden später bin ich Zuhause. So schnell kanns gehen. Am Bahnhof kaufe ich noch Augustiner.
Eintrag vom 05.03.2022
... endlich mal wieder wandern
ich habe die schönen Tage genutzt, den Schluchtensteig entlangzulaufen, einer der schönsten Wanderwege, die ich kenne. Am Ende der Wutachschlucht wollte ich eigentlich noch einen Tag länger laufen, aber nach dreieinhalb Tagen schmale Steige, durch schmale Schluchten, wurden mir die breiten Wege nach der letzten Schlucht einfach zu langweilig.
Kältebedingt wollte meine Muskulatur von Anfang an nicht so richtig mitmachen. Schon am ersten Tag hat sie sich völlig verspannt und jeder Schritt brachte mehr Schmerzen. Am zweiten Tag hat sie wohl eingsehen, dass sie aus der Nummer nicht mehr raus kommt und hat nachgegeben. Am dritten Tag bin ich, trotz größter Vorsicht, beim Abstieg durch die Lottenbachklamm auf den eisigen Wegen ausgerutscht. Der Rucksack hat den Aufprall auf den Rücken glücklicherweise abgefangen, der Ellenbogen hat etwas abbekommen, aber den braucht man ja nicht beim Wandern.
.

9:37
.
.
.

13:28
.

.
.
Dom von St. Blasien, immer wieder ein genialer Anblick
.
.
Schluchsee, noch mit Eisdecke
.
.
im Sommer kann man hier toll duschen, derzeit nicht zu empfehlen
.
Eintrag vom 28.08.2020
Der Adlerweg - die Königsetappen
Offiziel habe ich den Adlerweg ja schon als beendet erklärt, obwohl mir die Königsetappen durch die Lechtaler Alpen noch gefehlt haben, aber inzwischen habe ich die nun schon so oft versucht, dass es klar ist, dass die eine extra Herausforderung sind. Doch nun habe ich endlich auch die Lechtaler Alpen bezwungen. Seit drei Monaten verfolge ich den Wetterbericht, um ein schön-Wetter-Fenster von fünf Tagen zu haben. Letzten Sonntag war es endlich so weit und nun ist es vollbracht.
Am Sonntag bin ich los nach St. Anton und da die Auffahrt zum Valuga im Hotelpreis inclusive war und ich zum Valugasattel schon einmal aufgestiegen bin, geniese ich die Fahrt hinauf am Montag Morgen. Und das Wetter scheint zu halten, was der Wetterbericht versprochen hat, eine Woche Sonnenschein. Diese Mal will ich nix falsch machen und am Kaiserjochhaus aufhören. Da ich keine Reservierungen auf den Hütten habe, habe ich für den Notfall einen Biwaksack dabei, obwohl es dazu derzeit eigentlich schon zu kalt ist. Ich werde auf den Hütten auf jeden Fall immer fragen.
.

am Valuga natürlich auch im August noch Schnee, schon klar

und der Weg steinig und steil, die Lechtaler halt

.

.
.
und da waren sie wieder, meine kleinen Freunde, der Grund, warum ich immer wieder in die Lechtaler Alpen kommen werde, egal, wie anstrengend die Berge dort sind.
.

Im Kaiserjochhaus gibt es noch einen Schlafplatz für mich, aber da derzeit keine Decken zur Verfügung gestellt werden, friert mich auch hier.
.

.

.

Vor dieser kleinen Hütte dort unten habe ich das letzte Mal unfreiwillig übernachtet, weil mir die Kräfte ausgegangen sind, heute ziehe ich locker dran vorbei und winke nur den Murmeltieren zu, die sich auch hier tummeln.
.

.

.

.
Auch auf der Ansbacher Hütte gibt es noch einen Schlafplatz für mich und der Wirt kann sich noch an mich erinnern. Wow. Heute hat der Junior die Hüttenleitung, damals war er auch da, aber das Zepter hatten noch seine Eltern in der Hand. Vor der Hütte hatte sich damals im Juni noch ein kleines Schneefeld gehalten. Ich habe mir die Schuhe wirklich abgestriffen, aber als ich an der Theke darauf gewartet habe, bis der Senior Zeit für mich hat, ist wohl noch ein Rest Schnee aus dem Profil geschmolzen. Seine Begrüßung war also: Geh sofort wieder naus und ziag deine Schuah aus, du trogst mir den ganzen Dreck da nei. Und als ich mich beim Frühstück, dass ich noch bekommen habe mit einer Bergsteigerin über meine unfreiwillige Nacht draußen unterhalten habe und dass ich den Weg hier her schon für anspruchsvoll halte, hat sich die Seniorchefin eingemischt und mir erklärt, dass das doch ein total einfacher Weg ist, da gehn ja auch Kinder. Genau das, was man hören will, nach einer durchfrorenen Nacht. Der Junior hat mir dann erklärt, wie ich am einfachsten wieder ins Tal komme, da mein Bedarf an Abendteuer damals gedeckt war. Das Verhalten seiner Eltern war ihm wohl doch etwas peinlich, wenn er sich jetzt noch an mich erinnert.
Ich komme ins Gespräch mit zwei Typen, die von der Memminger Hütte her gelaufen sind und mir Horrorgeschichten von der völlig überlaufenen Hütte erzählen, weil es ein Etappenziel für die organisierte Tour auf dem E5, 'in acht Tagen über die Alpen', ist. Dann werde ich dort wohl draußen übernachten müssen.
.

.

.

unglaublich, aber über diese Spitzen bin ich gerade runter gekommen, dort wo links die Schatten beginnen, dort gibt es eine doch sehr imposante, seilverspannte Kletterpartie.
.

am Ende einer Etappe noch einmal siebenhundert Höhenmeter, das liebe ich

auf der grünen Kante die Memminger Hütte, ein sehr willkommener Anblick

.
Klar, die Hütte ist voll, sie darf niemanden mehr in den Lagern dazupacken. Ich sage ihr, dass meine Alternative mit dem Biwaksack draußen ist und dass ich über jedes Dach froh bin, dass sie mir bieten kann. Sie öffnet das Winterlager für mich, eine kleine Hütte neben dem Haupthaus und dass ist meine Chance, dem Trubel zu entkommen. Vor dem Winterlager stehen ein paar Bänke und das ist die Gelegenheit für einen besonderen ruhigen Moment, dafür schleppe ich das doch die ganze Zeit mit mir herum.
.

was hier im Glas schimmert ist ein wunderbar rauchiger, dreizehnjähriger Gordon&Macphail, eine kleine Destillerie, abgefüllt von Caol Ila. So kann man den Abend stilvoll abrunden.
.
In der früh ist Trubbel beim Frühstück, schon um sechs Uhr und ich starte mit dem ersten Trupp der E5ler. Alle Leute, die mir da gestern in der Hütte über den Weg liefen, kamen, gefühlt, fünfzig Kilometer nördlich von Hamburg. Es ist scheinbar so festgelegt, dass jeder Trupp mit ihren zugehörigen Guide, ja, die haben so was, im Abstand von einer halben Stude starten, damit es sich auf dem ersten Anstieg zum Sattel nicht staut. Oben am Sattel wird jeder fotographiert, wie er gerade hinaufklettert. Dann dürfen alle ein Foto von den Steinböcken machen, bevor sie wieder ins Tal nach Zams absteigen. Ich darf kurz nach dem Sattel die E5-Route verlassen und mich Richtung Würtemberger Haus abseilen. Nein ich seile mich nicht ab, nach einem gemütlichen Stück über ein Geröllfeld geht es über einen kräftezerrenden felsigen Grat, da sollte man unbedingt schwindelfrei sein, denn es geht auf beiden Seiten verdammt steil nach unten. Dort warten dann auch zwei Steinböcke extra für mich in fotogener Pose.
.

.
Kurz davor wirft ein Steinbock einen ziemlich großen Stein nach mir, also er steht am Hang über mir und hat halt einen losgetreten. Ich konnte aber ausweichen und ich bin der Meinung er hat schuldbewusst geschaut. Es scheint so, als ob hier auch eine ganze Menge Steinböcke aus Zoos ausgesetzt wurden, denn natürlich gibt es die nicht mehr. Macht sich aber gut. Erinnern mich sofort an die Werbespots für Graubünden mit den beiden Steinböcken, die sich immer lustig machen über diese kletteruntalentierten Menschen.
.

.
.
diesen unwegsamen Grat bin ich gerade herüber gelaufen, war schon anstrengend
.
.
.
Vier Stunden hat es von der Memminger Hütte zum Würtemberger Haus gedauert, aber da ich um sieben Uhr los bin, bin ich schon um elf Uhr da. Viel zu früh. Dreieinhalb Stunden soll der Abstieg ins Tal dauern, den ich morgen erst machen wollte. Aber das versuche ich dann heute noch, es geht ja nur bergab.
.

.

.
... und in Zams bekomme ich auch noch eine erträgliche Zugverbindung nach Hause, was will man mehr. War eine geniale Tour. Die Lechtaler Alpen sehen mich wieder.
Eintrag vom 01.08.2020
Der Lechweg
Endlich einmal wieder ein richtiger Langstreckenwanderweg, das hat gut getan. Nur bei Langstrecken kann man sich so richtig aus dem Alltag beamen. Angesetzt ist der Weg inzwischen mit 15 Etappen. Leicht übertrieben, aber klar sollen die Wanderer so lange wie möglich im Tal bleiben und Geld ausgeben. Das Lechtal ist auch eine Skiregion, mit Skifahreren kann man natürlich bedeutend mehr Geld machen. Aber ich merke, dass viele ohne Gepäck unterwegs sind, da sie alles zusammen mit Gepäcktransport gebucht haben. Habe ich dieses Mal auch fast so gemacht. Ich wollte nicht jeden Abend eine Unterkunft suchen. Erstens bin ich in der Hochsaison unterwegs und die Auswirkung von Corona kann ich auch nicht so abschätzen. Am Samstag habe ich mich spontan entschieden, mich Sonntag auf den Weg zu machen, weil das Wetter, trotz angekündigter Gewitter passend erschien. Es schien mir auch passend, die ersten drei Nächte in Füssen zu verbringen und jeden Tag mit dem Wanderbus hin und zurück zu fahren. Im Nachhinein die falsche Entscheidung, da es, entgegen der Angaben zur Lechweg-Info, die Activ Card, mit der man den Bus kostnlos nutzen kann, in Füssen nicht als Gästekarte gibt. Und spontan eine Unterkunft in Füssen zu finden ist auch mit Corona nicht leicht. Das einzige vernünftig erschienene Hotel war das Luitpoldpark für 170 Euro die Nacht, es wäre vielleicht 50 Euro wert gewesen, aber so war es halt.
Füssen ist ein nettes Städtchen, aber Fotos habe ich nur bei meinem ersten Lechweg-Versuch vor zwei Jahren zu Ostern gemacht, als ich auf halbem Wege im Schnee stecken geblieben bin.
.

.

.
Doch dieses Mal ist Sommer und das merkt man am Vergleich der Fotos.

und 2018:

.
.
gut, dass der helle Fleck am Berg im Hintergrund Neuschwanstein ist, muss man wissen, aber königsblauer Himmel an den königlichen Seen.
.
Auf dem Panoramaweg bei Elmen habe ich 2018 dann in einer der so typischen Schotterrinnen der Lechtaler Alpen eine kleine Lawine abgegen sehen, auf der anderen Talseite aber ich musste auch über und durch diese Altschnee gefüllte Rinnen. Klein, aber groß genug, um einem Wanderer in gewaltige Schwierigkeiten zu bringen. Da habe ich damals aufgehört. Dieses Mal geht es weiter.
Am ersten Tag fünfunddreißig Kilometer nach Weißenbach.
Am zweiten Tag zwanzig Kilometer nach Elmen. Da hätte ich noch weiter laufen können, aber um sechs Uhr abends fährt der letzte Bus von Reutte zurück nach Füssen und den sollte man nicht verpassen. Von Elmen dauert es aber schon eine ziemliche Zeit, mit dem Bus bis Reutte zu kommen. Ich habe viel Zeit in Bussen und an Bushaltestellen verbracht.
.
.
.
Am dritten Tag fünfundzwanzig Kilometer nach Holzgau und da habe ich mir eine neue Unterkunft gesucht, um am nächsten Tag von oben, also vom Formarinsee, dem Quellsee des Lechs zu beginnen. Ich war sehr froh, dass ich da nur bergab musste, denn so ohne Bäume und ohne Schatten ist es schon brutal heiß geworden.
.

.

.

.
Am vierten Tag geht es fünfundzwanzig Kilometer nach Warth und dort sehe ich den letzten Bus im Tal nur noch von hinten. Da habe ich nun endlich diese Activ Card, mit der ich Busse kostenlos nutzen kann und dann das. In einem Gasthof frage ich nach, ob es da noch irgendeine Möglichkeit gibt, hier weg zu kommen. Der Wirt meint, dass ihm das vor fünfzehn Jahren auch so gegangen sei, plötzlich war der letzte Bus weg und seit dem ist er hier. Aber er sagt mir auch, dass die Leute hier im Tal schon sehr freundlich sind und ich mich einfach mal mit dem Daumen gegen den Wind an die Straße stellen soll. Aber jetzt habe ich erst mal Zeit, um bei ihm noch gemütlich ein Radler zu trinken. Danach komme ich wirklich sehr zügig nach Holzgau, sind halt freundlich, die Leute im Lechtal.
Fünfter und letzter Tag, ja, man schafft die fünfzehn Etappen auch in fünf Tagen. Mir werden heute am Schluss noch fünf Kilometer fehlen, weil ich heute noch aus dem Tal und zurück nach Hause kommen möchte, das dauert. Und dann sind für heute Nachmittag auch Temperaturen von vierzig Grad angesagt worden, da sollte man sich nicht mehr draußen aufhalten und schon gar nicht zu aktiv sein. Am Morgen zogen ganz zügig dunkle Wolken auf, besser gesagt eine dunkle Wolke und mich haben zwei Regentropfen berührt.
.

.
Eintrag vom 28.09.2018
der Adlerweg final

.

.
ich bin älter geworden und scheinbar auch etwas reifer, was heißt cleverer, wie ich meine. Ich lasse es ruhiger angehen, altersgemäß. Als aller Erstes ist eines einmal klar, die vier ersten Etappen des Adlerwegs gelten schon, auch wenn ich die nun schon vor, ich glaube es nicht, zwei Jahren gelaufen bin. Man, wie die Zeit vergeht. Damals ging es durch das Kaisergebirge, entlang des Wilden Kaisers, dem Bergmassiv, dass es mir schon in meiner Kindheit angetan hat, diese Form, dieser mächtige Klotz, der da in der Landschaft steht, hat sich irgendwann im meiner Hirnfestplatte eingebrannt. Darum hier erst mal rückblickend der Bericht von damals:
Klappe die Erste
Der Adlerweg – Fortsetzung folgt
Tag 00
Sechs Stunden arbeiten, sechs Stunden fahren in völlig unterkühlten Zügen. Als ich mich zum Schluss auf eine wohltemperierte Regionalbahn freute, ist das die Unterkühlteste, gefühlte Minusgrade. Ab Rosenheim kommen die Berge auf mich zu. Bei Kufstein bin ich mittendrin und überzeugt, dass man so schroffe Berge gar nicht erklimmen kann. Ich bin halt eher an die sanften Hügel des Schwarzwalds gewöhnt. Kurz vor St. Johann fahre ich am mächtigen Wilden Kaiser vorüber und bin sehr froh, dass ich morgen nur über den zahmeren Teil muss. An der Rezeption der Pension ist keiner mehr, aber ich hatte doch geschrieben, dass ich so spät komme. Ich spreche andere Gäste an und eine fragt nach meinem Namen. Ja da liegt ein Brief für mich im Postkasten, alles drinnen, alles Bestens. Kurz habe ich den Gedanken noch einmal kurz durchs Zentrum zu bummeln, aber ich bin ja gerade auf dem Herweg etwas abgeschweift und gebummelt, viel war da ja nicht. Ich war heute schon um vier Uhr wach, das war ein langer Tag. Also: Frühstück um halb acht.
Tag 01
.

.
Gleich nach St. Johann hat mich der super Schauer erwischt, da hat der Poncho nicht mehr gereicht, da brauchte ich sogar die Regenhose, aber es war halt noch warm und dann hab ich auch gleich ziemlich zu schwitzen angefangen. Der Schauer dauerte nur fünfzehn Minuten, aber es sah so bewölkt aus, das ich noch den halben Tag mit hochgeklapptem Poncho und Hose weitergelaufen bin, dann habe ich es gewagt, sie halbfeucht weg zu packen, ganz nach dem Motto: bei starkem Nebel regnet es nicht, aber der Wilde Kaiser lugt immer wieder mal durch.
.

.
Auf der Gaudeamushütte habe ich auf eine Johannisbeerschorle Halt gemacht und den nächsten Regenschauer ausgesessen, bin ganz nett mit einem gemischten fränkisch-tirolerischen Trupp ins Quatschen gekommen. Hab mir die ganze Zeit die Wand hinter der Hütte angesehen und überlegt, wo nun das Klammerl ist, dass ich nun hoch muss. Da ist so ein überdimensioniertes, verdammt steiles, leeres Bachbett, das den Kaiser hinunter läuft. Das kann‘s ja wohl nicht sein. Das ist es dann doch, also nicht im Bachbett, weil näher betrachtet die Kiesel fast alle zwei Meter dick sind, aber daneben ist ein Pfad. Steil war’s ja heute schon mal vor der Regalm, dann wieder hinunter und dann gleich wieder hoch, immer so vierhundert Höhenmeter. Und nun wieder, mit Kletterpassagen, dort wo auch die ganzen richtigen Klettersteige sind.
.

.

.

.
Der Wilde Kaiser ist berühmt bei Kletteren, habe auch zusammen mit fünf italienischen Profikletteren zu Abend gegessen, ja heute habe ich auch mal zu Abend gegessen. Dann rückten die achtunddreißig Leute aus Waging an, über die Hälfte Kinder, aber die haben sich geradezu anständig benommen. Die Gruttenhütte war eigentlich voll und es ist keine Schutzhütte, ich habe noch nicht herausgefunden, wie man DAV Schutzhütten erkennt, also die, die Bergsteiger zu jeder Zeit aufnehmen müssen. Die Wirtin hat erst gesagt, dass sie total voll ist, aber dann, dass eine Person schon noch gehen wird, ich soll mir in der Hütte zwei, die Lager sind in separaten Blockhütten, einen freien Platz suchen. Dort waren auch die achtunddreißig Waginger untergebracht. Um zehn Uhr haben sie im Haupthaus nichts mehr zu trinken bekommen. Neben mir sollten nur Kinder schlafen, aber plötzlich hat sich da der Daddy hingelegt. Dem Kleinen war das wohl nicht ganz geheuer, neben einer fremden Frau zu schlafen. Das die Waginger nicht viel Hüttenerfahrung hatten, ist auch klar, denn nichts von wegen Hüttenruhe um zehn. Da geht die Party erst ab. Links neben mir der Daddy, der in fünfzig Zentimeter Entfernung wie ein Sägewerk in mein Ohr schnarcht, rechts von mir das kleine Mädchen, dass mir im Schlaf andauernd ihre dürren Arme und Beine rüber schleudert. Draußen im Vorraum die Party und das alles übertönen die lautstarken Schreie des Buben im Schlaf, der neben seinen Daddy liegt. Um ein Uhr schau ich mal auf die Uhr und denke mir, dass es in drei Stunden hell wird und ich weg bin. Das ist Hüttenzauber. Daddy hat dann etwas rumgeräumt, schnarchte dann weniger, der Kleine schreit nicht mehr, sondern übernimmt das Schnarchen von Daddy und dieser hat sich mehr zu seinem Sohn rüber gelegt. Dann bin ich doch noch mal eingeschlafen und um fünf Uhr wach geworden. Frühstück würde es um sieben geben, aber nachdem ich gehört habe, wie der Kellner es gestern den Italiener beschrieben hat, habe ich daran kein Interesse.
Tag 02
Rücksichtsvoll raffe ich, wie gewohnt in Sekundenschnelle meine abends schon bereitgelegten Sachen und packe im Vorraum weiter. Die ersten sind schon oder vermutlich noch wach. Eine Wagingerin fragt mich: Wir waren hoffentlich gestern nicht zu laut. Falsche Frage. Meine Antwort ist: Doch. Für höfliche Floskeln hatte ich zu wenig Schlaf. Sie verzieht sich schnell. Und ich bin schnell weg.
.

.

.
Die Sonne kommt noch lange nicht über den Berg, heute soll es heiß werden, aber die drückend Schwüle spürt man jetzt schon. Zwischen den wenigen Bäumen steht die Luft, wie dicke Brühe. Den Hintersteiner See sehe ich bald, aber es geht noch oft rauf und runter, bis er näher rückt. Ich bin noch weit über dem See, als da an einer Alm ein Schild mit der Ortsangabe Kufstein steht und ich könnte schwören, da war auch das Adlerzeichen daneben. Aber nur einige hundert Meter weiter, wird mir klar, dass ich doch irgendwie zum See runter müsste, aber mein Weg bleibt oben. Zum ersten Mal schalte ich das GPS an und stelle fest, dass ich mich auf dem Jägersteig befinde, der oben herum zur Walleralm führt. Der original Adlerweg sollte zum See hinunter, den umrunden und auf der anderen Seite wieder hoch zur Walleralm. Kurz setzte ich mich hin und überlege. Es ist Sonntag und am See tausende Sonnenhungrige, frisch geduscht, sauber gekleidet. Ich laufe seit Stunden durch tropenähnliche Schwüle und das auf fast zweitausend Meter Höhe. Frisch und sauber bin ich schon lange nicht mehr. Also weiter, es reicht der kühle Blick zwischen den Bäumen hindurch auf den grünen Bergsee.
.

.
Natürlich hat auch mein Pfad genügend Ups und Downs. Nach einer Stunde habe ich das Gefühl, stundenlang gelaufen zu sein. Immer wieder mache ich Hitzepausen, um den Puls wieder nach unten zu bringen. Ich fühle mich wie ein Dampfkessel, der gleich platzt. Endlich das Schild: fünfzehn Minuten zur Walleralm und dort gibt es erst einmal ein Johannisbeerschorle. Hinter der Hütte geht es steil weiter hinauf zum Hochegg. Ich sehe die Kante schon und muss trotzdem alle hundert Schritte Halt machen. Ich bekomme keine Luft mehr. Andere Wanderer ziehen locker an mir vorbei, die wirken noch frisch geduscht, wo kommen die denn her? Das ist ja peinlich, was mach ich falsch.
.

.
Auf der anderen Seite von Hochegg liegt die Kaindlhütte. Sie haben keine Buttermilch, aber Milch frisch heute Morgen von den Kühen nebenan gemolken und dazu ein Stück Pflaumenkuchen, sie nennt es Pflaumenkuchen und der Typ am Nachbartisch wird nicht müde ihr immer und immer wieder zu erklären, dass die Pflaumen dicht und aufgerichtet stehen müssen, da hätten sie ja ganz schön gespart, wenn die so spärlich auf dem Teig verteilt sind. Der Kuchen ist total lecker und der Typ hat keine Ahnung, dass der Teig dazwischen bedeutend teurer ist, als die Pflaumen. Münchner, wie auch sonst hier fast nur Oberbayern sind. Ich bin froh als sie abziehen. Noch fünfundvierzig Minuten bis zum Kaiserlift und der Gedanke, zu Fuß nach Kufstein runter zu gehen, ist längst vergessen. Auf dem Lift nicke ich ein paar Mal ein, die schlaflose Nacht macht sich bemerkbar und die Fahrt ist lang, aufgeteilt auf zwei Sessellifte. Unten in der Stadt geht’s erst mal zum Bahnhof und der liegt glücklicherweise gleich bei der Altstadt. Ich versuche es am Automaten, aber der kennt mein morgiges Ziel nicht. Es soll mit dem Zug nach Langkampfen hinaus gehen und dort geht es wieder hinauf. Ich stelle mich am Schalter an, doch vor mir ist ein älterer Herr, der nach Wien möchte und das scheint kompliziert zu sein. Ein junger Mann von der Security, der in der Halle wacht, spricht mich an, ob er mir vielleicht am Automaten weiterhelfen kann. Wir versuchen es noch einmal und ich bemerke, dass ich Langenkampfen eingegeben habe. Schon macht man‘s richtig, funktioniert es. Alle halbe Stunde fährt da morgen die S-Bahn hin, es sind nur zwei Stationen. Nun kann ich mich beruhigt auf Hotelsuche begeben. Klar werde ich erst von dem nostalgisch wirkenden Hotel am Innufer angezogen. Der Inn hat übrigens eine faszinierende hell blaugraue Farbe, die zeigt, dass in den Bergen noch viel Schnee liegt. Ich laufe einige Meter in die Gasse auf das Hotel zu und weiche erschrocken von den ganzen Souvenirläden zurück. Nein, dann doch nicht. Also wieder zurück in die kleine Altstadt, eigentlich nur eine kurze Straße. Am anderen Ende sind einige Hotels, darunter ein total neues ArtHotel. Sieht teuer aus, aber meine Instinkte lenken mich dort hin. Nicht ganz billig, aber voll korrekt. Die Klimaanlage drehe ich gleich mal auf fünfundzwanzig Grad noch oben, das ist auch noch kühl genug im Vergleich zu draußen. Geduscht geht es noch mal hinaus ins Städtchen auf ein Bier bei unfreundlicher Bedienung und einem Eis beim Italiener. Dann drängt es mich, den Schlaf von letzter Nacht nachzuholen. Den Whisky habe ich mir auf den Nachttisch gestellt, aber zum Trinken bin ich nicht mehr gekommen.
Tag 03
Um sieben Uhr gibt’s Frühstück und die Dame die mir den Kaffee bringt ist äußerst mitteilsam. Nun weiß ich, dass in Innsbruck irgendein wichtiges Einkaufszentrum überflutet wurde, obwohl der Inn weit weg ist. Dass für die nächsten drei Tage Gewitter angesagt sind, habe ich gestern schon in den Nachrichten gehört, aber heute soll es erst am späten Nachmittag kommen und die Wanderung sollte heute nur fünfeinhalb Stunden dauern. In der vergangenen Nacht hat es aber schon irgendwo Unwetter und Murrenabgänge gegeben und der Inn ist heute Morgen nicht mehr Taubengrau sondern Schlammbraun. Um viertel vor Acht fährt mein Zug los. Ich frage noch die anderen Fahrgäste, ob der in Langkampfen hält. Jaja, tut er. In Wörgl fange ich an zu überlegen, wie der Zug nun die Kurve nach Langkampfen bekommt. Es kommt mir auch schon viel zu weit vor. Wörgl ist auf meiner Etappenkarte gar nicht mehr oben. Ich stecke noch in meinen Überlegungen, als der Zug schon weiterfährt. Die nächste Station wird angesagt: Brixlegg. Also das kann ja jetzt nicht mehr sein. Ich laufe zur Grafik vor, die die Bahnverbindungen der Region aufzeigt. Mit Wörgl bin ich schon übers Ziel hinausgeschossen und Brixlegg ist noch weiter weg. Dieser Zug hält nur an den wichtigsten Stationen. Der Typ, der mir gerade noch im Brustton tiefster Überzeugung erzählte, dass ich mit diesem Zug nach Langkampfen komme, nuschelt nun so was wie: hab ich auch dann gemerkt. Aber gesagt hat er nichts, der hätte mich bis nach Italien fahren lassen. Also in Brixlegg raus und gleich wieder in den Zug gegenüber nach Kufstein gesprungen. Wieder frage ich eine Frau, ob der Zug auch wirklich überall, auch in Langkampfen hält, ich sei nämlich gerade an meinem Ziel vorbei geschossen. Sie nickt und sagt, dass sei sicher, der Zug hält. Ein gültiges Ticket habe ich schon lange nicht mehr. Endlich Langkampfen und der Berg liegt vor mir, gut ich muss noch ins Dorf hinein laufen und auf der anderen Seite wieder hinaus. Dann geht es aber hinauf und das ziemlich heftig. Ich habe mich irgendwie auf eine lockere Wanderung eingestellt, warum auch immer. Mit vielen Hitzepausen erreiche ich nach zwei, gefühlten zehn Stunden und achthundert Höhenmetern die Höhlensteinalm. Puh, bin ich fertig. Darum hier erst mal eine Johannisbeerschorle. Der Wirt meint, ja, von Langkampfen geht’s steil hoch. Aber das war‘s noch nicht. Vierhundert Höhenmeter sind es noch einmal zur Köglspitze. Es hätte auch einen sanfteren Weg außen herum gegeben, aber als ich das lese, habe ich mich schon längst geistig auf den Anstieg eingestellt. Ich folge dem Schild: Adlerweg anspruchsvoll. Die Aussicht von dort oben ist allerdings dann auch gigantisch.
.

.

.

.

.
.

.
Es ist wahnsinnig schweißtreibend und ich brauche peinlich viele Hitzepausen. Von der Köglspitze geht es erst einmal wieder steil runter, um auch ja wieder viele Höhenmeter für das Hundsalmjoch zu haben, wäre ja sonst witzlos, könnte ja sonst jeder laufen. Plötzlich ist der Weg weg. Vor mir eine steil abfallende Felskante. Felsrutsch? Überflutung? Hat wer den Berg geklaut? Gerade wenn ich da rüber laufen möchte. Dann sehe ich vor meiner Fußspitze das kurze Stück Drahtseil und den kleinen Haken im Fels. Vorsichtig schau ich über die Kante und da verläuft das Drahtseil nach unten. Das ist der Weg. DAS IST DER WEG. Drei Sekunden Schock und ich schiebe mich über die Kante. Da sind vor mir schließlich schon andere runtergekommen. Bei solchen akrobatischen Akten stört mich das ungewohnte Gewicht meines Rucksacks am meisten. Keine sieben Kilo, aber schon so weit außerhalb des Körpers, dass er eine gewisse, ungewohnte Hebelwirkung hat. Aber dieses Mal sind mein Beine und Arme nicht zu kurz um immer die nächste Kante zu erreichen und bald ist es geschafft, und ich bin mit den Kräften am Ende. Viele Hitzepausen bringen mich aber doch noch zum nächsten Gipfel und dort fängt es an zu donnern. Das Gewitter steht aber hinter mir über den Bayrischen Bergen.
.

.
Also mache ich am Gipfelkreuz noch eine kurze Pause bevor mich mein GPS an den verwirrenden Markierungen entlang ins Tal führt. Ich erreiche die Almhütten am Buchacker. Es sind mehr als ich erwartet habe, aber überall herrscht Totenstille. Nur mit Hilfe des GPS finde ich den Gasthof, auf dem man angeblich übernachten könnte, laut Webseite des Adlerwegs. Dort ist auch niemand zu sehen. Sofort fällt mir ein, dass es auf der Seite des Tirolerischen Tourismusverbandes eine Umleitung ins Tal gegeben hat mit Übernachtung dort und eine Zugfahrt zum neuen Einstieg. Nun weiß ich warum. Na, dann hinunter ins Tal. Es hatte schon die ganze Zeit leicht getröpfelt, nun wird der Regen heftiger und ich ziehe den Poncho über. Noch im Dunklen des Ponchos höre ich ein Auto neben mir halten. Als es wieder hell wird, kurbelt der Fahrer schon die Scheibe runter und sagt: Oh, jetzt habe ich sie verwechselt, ich dachte Sie sind die Sennerin von der Hundsalm. Nein, tut mir leid, ich bin nur eine Wanderin. Wollte hier im Gasthof übernachten, aber da ist ja keiner mehr. Nein, der kann Ihnen höchstens noch ein Bier hinstellen. – Fünf Sekunden Pause. – Aber Sie können trotzdem mit ins Tal fahren, wenn sie wollen. Na klar will ich, der Regen wird gerade heftiger und ich springe ins Auto. Der ältere Herr hatte heute die Führungen in der Eishöhle oben am Berg gemacht und jetzt ist Feierabend. Ich erzähle, dass ich gerade für diesen Wanderweg, der mit fünfeinhalb Stunden angegeben ist, acht Stunden gebraucht habe und er meint, dass für den Weg über den Grad fünfeinhalb Stunden schon extrem sportlich angesetzt sind. Da haben die sich also vertan, denn bis jetzt war ich immer schneller als die Angaben. Er fährt jede Serpentine sehr, sehr vorsichtig hinunter. Den Weg hat es vorgestern ziemlich ausgeschwemmt, erklärt er. Serpentine reiht sich an Serpentine. Man bin ich froh, dass ich die ganze Strecke nicht zu Fuß gehen muss. Sieben Kilometer sind es, meint er. Als wir unten sind regnet es sintflutartig. Er ruft beim Tourismusamt an, wo es eine Möglichkeit für mich gibt, zu übernachten. Ich sage ihm, dass ich in Anbetracht der Gewitter mit dem Zug nach Jenbach fahren werde, wo ich nun schon wieder unten im Tal bin und dann dort wieder in den Adlerweg einsteige. Der Gedanke hat sich im Augenblick des Aussprechens in mir gefestigt. Der nächste Bahnhof ist in Wörgl, er ruft seine Frau an, nach dem das Tourismusamt passen muss, um in einem Gasthof am Ortsrand anzufragen, von wo es nur zwanzig Minuten zu Fuß zum Bahnhof nach Wörgl sind. Dort ist dann auch noch was frei. Alle kennen sich hier und darum trinkt mein Fahrer hier erst mal ein Bierchen. Eine gute Gelegenheit mich anzuschließen und ihn zum Dank einzuladen. Ausgiebig berichtet er mir von seinen Fernreisen und dem Trend, jetzt im Alter, er ist dreiundsiebzig, lieber in der Heimat zu bleiben.
Tag 04
Trocken komme ich zum Bahnhof nach Wörgl und Jenbach ist eine der Haupthaltestellen nach Innsbruck. Schon alleine bei dem Namen werden Kindheitserinnerungen wach. In meiner frühsten Kindheit sind wir jahrelang jeden Sommer ins Zillertal gefahren und oft haben wir versucht am Achensee wandern zu gehen, aber immer sind wir von Gewitter oder mindestens heftigen Regenfällen davon abgehalten worden. Den Achensee scheint es nur bei Gewitter und Regen zu geben. Aber die mächtigsten Gewitter gibt es definitiv am Achensee. Zumindest sieht das so in meinen Kindheitserinnerungen aus. In Jenbach regnet es schon wieder. Es gibt hier die Zillertalbahn, eine Dampflock, die von hier bis nach Mayrhofen hinter fährt. Das wäre es jetzt, quer durchs Zillertal, aber der an der Info sagt mir, dass sie Montag und Dienstag nur mit einer normalen Lock fahren. Gerade will ich mich daran machen, die fünf Kilometer zum See hinter zu laufen, als ich das Schild der Achenseebahn sehe. Damit sind wir doch sicherlich auch einmal gefahren. Da muss ich jetzt unbedingt mit fahren. Eigentlich würde es auch einfacher durch ein Tal zum See gehen, aber da wollte man wohl technisch in den Himmel greifen, vor gut hundert Jahren, und verlegte die Schienen gewagt den Berg hinauf.
.

.
Die Bahn quält sich über mehr Berge als nötig wären und ist wahnsinnig laut und hinterlässt völlig umweltunfreundliche Rußwolken. Nichts von wegen sauberer weißer Dampf. Die beiden Buben mir gegenüber waren am Bahnhof noch voll begeistert, als sie die Bahn im Modell betrachteten. Jetzt sehen sie gar nicht mehr so begeistert aus. Vermutlich habe ich die Fahrt deswegen aus meinen Erinnerungen gestrichen. Der See liegt unter tiefen Wolken, die Berggipfel sind kaum zu sehen. So kenne ich den Achensee, dann möchte ich heute Abend auch ein kräftiges Gewitter haben. Von einem gemütlichen Hotelzimmer aus, ist das sicherlich ein prächtiges Schauspiel. Ich laufe hinter nach Pertisau, der beste Ausgang für morgen in das Karwendelgebirge und finde dort das vermutlich einzige Drei-Sterne-Hotel. Ja, klar, irgendwo weiter hinten gibt es auch Pensionen, aber ansonsten nur Vier-Sterne-Bunker, einer nach dem anderen. Dafür ist es aber verdächtig ruhig im Ort, vermutlich sitzen die jetzt alle in der Sauna. Da wird’s eng sein. Meine Wirtin bietet mir auch den Besuch der Sauna an, aber da genieße ich doch noch schnell die Ruhe am See, bevor der nächste Regenguss kommt.
.

.

.
Und der kommt, gerade als ich wieder im Hotel bin und ziemlich heftig. Aber davor kam auch einmal kurz die Sonne raus und färbte den schwarzen See sofort Türkis. Ich döse, denke nach, schau Fernsehen, auch das Fernsehsignal fällt unwetterbedingt einmal aus, döse, denke nach. Ein richtiges Gewitter gibt es keins.
Tag 05
Laut Wetterbericht von gestern, wird es am Wochenende vorübergehend sonnig. Gleichzeitig sagen sie, dass die Schneefallgrenze auf zweitausend Meter absinkt. Die Nachrichten waren voller Berichte über Murrenabgänge. Beim Aufwachen ist mir eines klar. Es hat nicht sollen sein. Es wäre idiotisch, einfach weiter zu laufen. Ich breche ab und komme wieder, wenn das Wetter vielleicht mal etwas beständiger ist. Gut, am Achensee scheint es immer zu regnen. Wenn im Schrank des Hotelzimmers schon ein Regenschirm hängt, sagt das doch alles. Aber auf den Etappen davor und danach sollte das Wetter schon etwas berechenbarer sein. Im Zug nach Innsbruck treffe ich eine Frau, die durch das Karwendel her gewandert ist und berichtet, das die Birkkarspitze, der höchste Berg im Karwendel, über die ich drüber hätte müssen, wegen zu viel Altschnee immer noch nicht begehbar ist. In Innsbruck habe ich noch Zeit für einen kurzen Stadtrundgang und natürlich war ich beim Dachl. Kurz vor dem Bahnhof sehe ich ein Büro des Alpenvereins und frage dort einfach mal dumm, wie man Alpenvereinshütten erkennt, die jemanden aufnehmen müssen, auch wenn sie voll sind. Seine Antwort: bei keiner Alpenvereinshütte wird jemand weggeschickt, a Platzl findet sich immer. Aber die Gruttenhütte ist doch eine Alpenvereinshütte, erwidere ich. Die Antwort: De Gruttenhütte is a Schand. - Na, bei dieser Antwort kann ich beruhigt wiederkommen. Auf der Zugfahrt von Innsbruck nach Bregenz sehe ich unzählige Schlammlawinen. Auch die, die nie ein Dorf erreicht haben, sondern höchsten ein paar Kaninchen überrollt haben. Von denen redet gar keiner. Ich fahre zumindest mit dem Zug durch St. Anton am Arlberg und sehe zum Arlberg hinauf. Ich krieg dich schon noch.
war ein netter Versuch, aber hat nicht sollen sein.
Im Herbst desselben Jahres versuche ich, für ein verlängertes Wochenende den Adlerweg von hinten aufzurollen. Es ist nur ein Versuch, aber das Wetter ist zu schön. Allerdings habe ich mir vor sechs Wochen bei einer Bergtour alles Verstaucht und gezerrt, was man sich zwischen Knie und großem Zeh verstauchen und zerren kann. Im Alltag geht es wieder, nach dem ich vier Wochen nur gehumpelt bin, aber in den Bergen?
Ich fahre nach St Anton und niste mich im Valuga Hotel ein, ein schönes modernes Hotel, hier kann man sich wohlfühlen. Am nächsten Morgen laufe ich Richtung St. Christoph los, natürlich geht man alles zu Fuß, aber die Straße hinauf ist öde. Auf halben Weg warte ich auf den Bus nach St. Christoph. Es geht auch so.
.

.
Tolles Wetter, toller Weg, bis auf die Schotterstraße auf dem letzten Stück zur Ulmer Hütte. Ist ja eigentlich ein Schigebiet, da braucht man Bahnen von einer Hütte zur anderen. Zum Valuga Pass geht es über eine Schotterfeld und oben auf dem Arlberg überfällt mich ein Anblick, von dem ich noch immer nicht weiß, ob er schön oder hässlich ist, auf jeden Fall faszinierend. Schotter so weit das Auge reicht, wie eine Mondlandschaft.
.

.

.
Weiter geht es unterhalb des Klettersteigs, ein schmaler Pfad über Schotter und durch Felsrinnen. An einer kurzen Kletterpassage sagt mein Bein ‚ohne mich‘. Ist natürlich nicht so einfach mit nur einem Bein und irgendwie gehören wir einfach zusammen. Ich überprüfe die Karte nach der nächsten Abstiegsmöglichkeit ins Tal. Ich und mein Bein hatten es zumindest über tausend Höhenmeter hinauf geschafft. Beim nächsten Pfad nach unten gibt es auch eine Seilbahn. Gut. Aber als ich hinkomme steht die Seilbahn still, dass riesige Gebäude daneben, mit langen Theken und unendlichen kahlen Tischreihen wirkt futuristisch ausgestorben. Wartet alles auf den nächsten Winter. Also weiter zu Fuß hinunter. Mein Bein erkennt den guten Willen und hält durch. Wieder in St. Anton nehme ich den nächsten Zug nach Hause.
Klappe die Zweite (irgendwann im Juni 2017)
Der Adlerweg – Fortsetzung folgt
Ein Jahr später versuche ich es noch einmal. Ich buche auf der Buchacker Alm für die erste Nacht. Die Alm, die ein Jahr zuvor noch geschlossen war, ist jetzt wieder geöffnet. Bin bei brütender Hitze vom Bahnhof Wörgl los, durch das ganze Tal und über eine Hügelkette hinüber nach Angerberg, von wo der Anstieg beginnt. Der Weg durch das Tal ist langweilig, aber da ist ja noch der Ehrgeiz, alles, aber auch alles zu Fuß zu schaffen. Bei den achthundert Höhenmetern hinauf zur Buchackeralm schnaufe ich ganz schön. Ein Vorgeschmack auf das was noch kommen sollte und was schon lange in mir anschwoll. Nach ungewöhnlich vielen Pausen komme ich endlich oben an. Dort sitzt noch ein Wanderer, der am nächsten Tag in meine Richtung, aber dann Richtung Bayern weiter will. Für Morgen ist etwas Regen angesagt, aber dann soll es wieder bessere werden und vielleicht regnet es ja gar nicht.
Am nächsten Tag ist es bewölkt aber noch trocken. Als ich zum ersten Anstieg komme, dem Plessenberg, der mir bei den Regenwolken ziemlich schroff vor kommt, fängt es zu nieseln an und bevor ich den Fuß auf die ersten Felsen setzen kann, fängt es leicht zu Regnen an. Ich entscheide mich, dass ich bei Regen nichts auf schroffen Felsen zu suchen habe. Zurück auf dem Forstweg, regnet es schon heftig und ich komme unten um den Berg herum nach nicht mal drei Stunden in Pinegg an. Es wäre noch genügend Zeit für die nächste Etappe, die sowieso nur eben verläuft, aber ich fühle mich trotz Regenponcho durchnässt und durchgefroren. Beim Gwercherwirt gibt es noch ein Zimmer und ich verbringe den restlichen Tag im warmen und trockenen Bett. Meine Sachen werden hier auch erst mal wieder trocken.
Am nächsten Tag regnet es schon als ich los laufe. Es geht langweilig über Forstwege und Teerstraßen. Déjà-vu, hier war ich schon mal, aber das kann nicht sein. Es sind nur die langweiligen Straßen, auf denen ich mich schon so oft genervt dahingeschleppt habe. Die Straße durch Steinberg im Rofan zieht sich gefühlte Jahrhunderte dahin. Das angeblich schönste Ende der Welt. Vielleicht stimmt es, denn als ich vor dem Waldhäusl stehe, kommt die Sonne raus und die haben auch noch ein Zimmer. Ein Doppelzimmer, nicht billig für eine Person, aber schön und stilvoll eingerichtet. Auf der Terrasse trinke ich in der Abendsonne noch ein Bier. Da kommt Hoffnung auf.
Der Typ auf der Buchackeralm ist diesen Teil des Adlerwegs schon einmal gelaufen und hat mich vor dem kommenden Teilstück gewarnt. Langweilige Teerstraße, die hatte ich doch gestern schon zu genüge. Ich finde am Abend noch einen Höhenweg auf der anderen Talseite, der wieder auf den Adlerweg trifft, bevor es zur Rofanspitze hinaufgeht. Die Sonne scheint auch noch am Morgen und der entdeckte Höhenweg ist genial, ein schmaler Pfad hoch über der Steinberger Ach. Das wilde Rauschen dringt noch zu mir hinauf. Ich bin bester Dinge. Ich finde wieder den Übergang zum Adlerweg und beginne den Anstieg zur Rofanspitze. Es wird sofort steil. Ich schnaufe. Ich pfeife geradezu aus dem letzten Loch. Der Himmel hat zugezogen und es fängt zu regnen an, noch nicht fest, aber ich treffe die Entscheidung wieder zurück zum Forstweg zu laufen und unten herum zum Achensee zu laufen. Der Regen wird heftiger, heftiger als die letzten beiden Tage. Dankbar kehre ich in einer kleinen Alm ein, die haben eigentlich bei diesem Wetter keinen Wanderer erwartet. Sie entschuldigt sich, dass sie nicht wirklich was zu essen bieten kann, aber von dem was sie selbst gerade essen, ist noch reichlich da. Aber ich habe gar keinen Hunger, nur was trinken und etwas trocken werden. Mein Regenponcho ist dicht, aber irgendwann ist man darunter fast genauso nass wie darüber. Auf Dauer ist das einfach nicht mehr angenehm. Ich laufe weiter und bin trotz heftigem Regen beeindruckt, als sich unter mir der Achensee ausbreitet, ein langes helles Band zwischen den dunklen Bergen und Wäldern. Ich komme im Ort Achensee, am hinteren Ende heraus. Jetzt gibt es nur noch eines: die nächste Bushaltestelle, der nächste Bahnhof und nach Hause, das hat so keinen Sinn mehr. Mir ist es so peinlich, so tropfnass in den Bus zu steigen. Hier sitzen Leute, mit erstklassiger Wanderausrüstung, die aber definitiv nie einen Regentropfen oder Dreckspritzer abbekommen hat. Aber die Ausrüstung sieht teuer aus, sehr teuer und modisch, Bogner oder so was, so was man halt nie zum wirklichen Wandern anzieht. Das Achensee Publikum halt. Unter der Kapuze meines Regenponchos gestehe ich mir ein Lächeln zu und die Pfütze unter mir kommt mir gar nicht mehr so schlimm vor.
Auf der Heimfahrt muss ich mir eingestehen, dass es nicht nur der Regen war, der mich von dieser Wanderung abgehalten hat. Ich hätte es auf keinen einzigen Berg geschafft. Ist das das Alter?
Drei Wochen später kippe ich in der Arbeit geradezu vom Stuhl. Meine Hausärztin sagt es ist alles ok, aber sie kann mich gern zu einem Psychiater vermitteln. Wenn ich die Kraft gehabt hätte, hätte ich ihr eine geknallt. Das hat sie wohl gemerkt und gesteht mir zwei Termine bei Fachärzten zu. Den Termin beim Kardiologen als Nottermin in drei Wochen, den Termin beim Lungenarzt in drei Monaten. Der Kardiologe hat das voll ernst genommen. Hat gut getan. So diffus sind bei Frauen Herzinfarkte, aber auch bei einer Herzkathederuntersuchung kann er nichts feststellen. Mit meinem Herz kann ich weiter Gipfel stürmen. Drei Monate später entdeckt der Lungenarzt eine schwere Entzündung in den Bronchen, ich bekomme einfach nicht mehr genügend Sauerstoff in den Körper, da geht nicht mehr viel. Das habe ich gemerkt. Drei Wochen Kortison und ich kann wieder atmen, drei Monate später ist auch die Dauererschöpfung wieder weg. Also auf ein Neues.
Ein Jahr danach habe ich an einem verlängerten Wochenende wieder den Versuch von hinten gestartet. Ich wollte gleich in St. Christoph übernachten, aber dort sind die Hotels, es gibt viele, nur im Winter geöffnet. Also wieder in St. Anton und dieses Mal weiß ich ja, dass ich gleich den Bus nehme. Aber am Abend im Hotel sagt sie mir, dass ich für den nächsten Tag eine Gästekarte bekomme, mit der ich jeden fahrenden Lift benützen kann. Natürlich fahren nicht viel Bahnen, eigentlich nur eine, die nach Kapall. Lustig, dort bin ich das letzte Mal abgestiegen und da fuhr keine Bahn. Als ich am Abend noch durch das Dorf laufe, um mir schon mal den Einstieg zu suchen, wächst der Gedanke in mir, dass diese Gästekarte ein Wink des Schicksals ist und dazu noch die Bahn nach Kapall.
Am Morgen fahre ich mit der Bahn hinauf nach Kapall. Die Anschlussbahn hat technische Probleme und ich muss warten. Erst bin ich alleine, dann kommen immer mehr Leute dazu. Ich komme mit einem Einheimischen ins Gespräch, der am Wochenende auch mal Wandern geht. Er gehört zu denen, die die Bergbahnen bauen, hängt also immer in den Bergen rum, läuft aber trotzdem auch in seiner Freizeit hinauf. Der Berg ruft halt! Warum ich denn hier alleine bin, wo denn mein Mann ist. Ich bin überzeugter Single, antworte ich. Er: Ja, ich auch. PAUSE. Wir laufen zusammen den Höhenweg zur Leutkircher Hütte entlang. Er: Aber ich bin ja noch jung, da kann das ja mit dem Partner noch was werden. Und ich denke, Sabine, jetzt solltest du Abstand gewinnen. Er bleibt auf der Leutkirchner Hütte ich bin noch guter Dinge und will gleich weiter zum Kaiserjochhaus. Geschafft, entkommen. Nun wird’s echt lustig. Die ganze Zeit wuseln Murmeltiere vor mir auf dem Weg entlang. Sie lugen hinter Felsvorsprüngen hervor und verfolgen mich mit Blicken. Wer beobachtet da nun wen? Gleich fallen mir die Werbespots für Graubünden mit den zwei Steinböcken ein, die sich immer lustig über die lahmen Bergsteiger und besonders über die imposanten Stürze der Biker machen. Ich glaube die Murmeltiere finden Bergsteiger auch ganz witzig. Sagt einer noch mal Erdmännchen sind cool. Murmeltiere sind viel cooler.
.

.
Am Kaiserjochhaus angekommen ist es gerade mal ein Uhr. Dass sollte meine erste Etappe sein und was mach ich mit dem restlichen Tag. Ich frage, ob sie noch was frei haben, nein sagt sie. Nebenan steht ein Holzhaus mit der Aufschrift Selbstversorger/Notlager. Da wäre bestimmt noch was freigewesen, aber die nächste Etappe zur Ansbacher Hütte ist nur vier Stunden lang. Das schaffe ich doch heute noch locker. Ich trinke meine obligatorische Johannesbeerschorle (kurz JBS) für neue Energie und esse ein Stück Zwetschgendatschi und dann geht’s munter weiter. Über eine grüne Wiese geht’s hinauf zum nächsten Sattel und schon auf den nächsten hundert Metern danach wird mir klar, warum die Etappe nur vier Stunden lang ist. Schotterfelder, seilverspannte Kletterpassagen, Felsrinnen zum rein und raus klettern.
.

.
Zwei Stunden halte ich mich ganz gut, bin voll in der Zeit. Dann sehe ich die ersten Altschneefelder, ich bin jetzt im Schatten der Nordseite angekommen. Ein professionell wirkender sportlicher Typ stampft langsam das Feld ab. Jeden Schritt drei Mal nachstampfend. Der tritt einen Pfad. Für mich!?! Am Rand des Schneefelds treffen wir aufeinander. Wie ist der Schnee, frage ich. Ich habe höllischen Respekt vor Altschnee. Noch gut stabil, sagt er, habe ihn eh grad für dich festgetreten. Danke. Ich laufe weiter, jetzt merke ich schon, dass die Beinmuskulatur schwächelt. Nach dem Schneefeld kommt ein Schotterfeld, und dann viele kleine Serpentinen hinauf zum nächsten Sattel. Am Ende jeder Serpentine, das sind immer nur zehn Meter oder so, halte ich an, verschnaufe auf die Stöcke gestützt, warte, bis die Knie zu zittern aufhören. An Ende der vorletzten Serpentine schau ich nach oben. Dort sehe ich mein Spiegelbild, auf die Stöcke aufgestützt, dass zu mir runter schaut. Ich muss voll loslachen. Mein Spiegelbild grinst. Also nicht ganz ein Spiegelbild, Typus Schilehrer. Braun gebrannt, lange, zum Zopf gebundene, leicht ergraute, blonde Haare. Sportlich gekleidet, locker drauf, als ob er hier oben seinen Sonntagsspaziergang macht. Ziemlich anstrengend hier hoch, grinst er. Ich laufe das Stück zu ihm hoch. Ja, anstrengend. Ich habe mich glaube ich übernommen, sage ich. Mir geht gerade die Kraft aus. Er erklärt mir, dass es die nächsten beiden Stunden zur Ansbacher Hütte genauso anstrengend weiter geht, aber dass es natürlich schon gut wäre, wenn ich hier oben in einer Hütte übernachten würde. Dort unten am See steht eine Hütte, aber die ist privat und vermutlich verschlossen, das wäre eine Möglichkeit zu Übernachten. Nach dem wir uns verabschiedet haben und ich von dem Sattel wieder absteige, rutsche ich auf dem Schotter aus, schlage mir im Sturz den Stock aufs Auge. Sch… jetzt komme ich auch noch mit einem blauen Auge nach Hause. Die Knie sind einfach zu weich. Als ich oberhalb der Hütte am See stehe, schaue ich auf die Wand, die ich die nächsten zwei Stunden noch entlang müsste. Die Knie zittern noch mehr bei dem Anblick.
.

.
Nein, keine Chance. Aber was ist die Alternative. Eine Übernachtung im Freien und ich habe nur einen Seidenschlafsack dabei. Ich stehe mindestens noch eine halbe Stunde unschlüssig da, dann steige ich zu der Hütte ab. Natürlich ist sie verschlossen. Davor eine kleine Terrasse. Zumindest trocken von unten. Kaum setze ich mich hin, kühle ich aus. Ich ziehe die Jacke an, dann den Regenponcho darüber, der hält warm. Dann ziehe ich das schwarze Lederetui mit dem Single Malt heraus. Wenn nicht jetzt, wann dann. Ich habe den Rest aus der letzten Flasche dabei, die mir Ecki, mein mit nur vierzig Jahren verstorbener Whiskyhändler aus Jena noch persönlich in die Hand gedrückt hat. Seit zwei Jahren nehme ich mir vor, dass ich den auf irgendeinem bemerkenswerten Gipfel mal auf ihn trinke. Wenn nicht jetzt, wann dann. Stay same Ecki. Richte dort oben einen Whiskyladen ein und wenn ich dann auch dort bin, trinken wir einen zusammen. Der Anturasmor ist weg, mir wird kälter und kälter. Der Mond geht auf, die Sternlein funkeln. Ich krieche in meinen Seidenschlafsack, ziehe den Regenponcho bis zu den Knien. Versuche mich unter den Poncho zu falten. Die Kälte kriecht die Beine nach oben, ich zittere und zittere. Ich war mein ganzes Leben lang eine lebende Frostbeule, aber heute bekommt Frieren eine neue Dimension. Schlafen kann ich sowieso nicht. Ich überlege mir andauernd was passiert, wenn ich doch einschlafen sollte, wache ich wieder auf oder bin ich dann tot. Ich hoffe du hast den Whiskyladen inzwischen schon, Ecki. Zum Morgen hin schlafe ich kurz ein. Als ich wieder aufwache graut der Morgen, jetzt könnte ich los, aber irgendwie bin ich nicht fähig mich zu bewegen. Eine Stunde brauche ich, um in Bewegung zu kommen. Für die zweistündige Strecke zur Ansbacher Hütte brauche ich vier Stunden, die Knie zittern nicht mehr, aber die Kälte hat jegliche Energie aus mir gesaugt und das ohne Abendessen und ohne Frühstück.
.

.
Leute, die frisch von der Ansbacher Hütte kommen, schauen mich sonderbar an. Wie kann man am frühen Morgen schon so fertig sein. Kurz vor der Hütte treffe ich wieder auf eine Gruppe, eine Frau daraus kehrt gerade wieder zur Hütte um. Sie hat Höhenangst und das ist ihr hier schon zu steil, erfahre ich. Wir treffen auf der Hütte ein. Als ich dort frage, ob ich noch ein Frühstück bekommen kann, bejaht der Wirt und fängt gleichzeitig zu wettern an, was ich denn den ganzen Schnee in die saubere Hütte trage, vor der Hütte sind extra Bürsten. Ich gehe zurück in den Gang und ziehe mir die Schuhe aus, ich fange voll zum Grinsen an, ich lebe noch.
Beim Frühstück komme ich mit der Höhenängstigen ins Gespräch, erzähle meine jüngsten Erlebnisse. Die Wirtin hört zu. Was schwere Etappe, sagt sie, da laufen doch auch Kinder. Genau das wollte ich jetzt hören. Egal. Beim Wirtssohn erkundige ich mich nach einem einfachen Abstieg ins Tal. Ich habe genug Abenteuer für ein Wochenende. Kurz nach der Hütte steht ein Schild, dass es noch fünftausend Meter ins Tal sind. Wegstrecke. Dass dazu auch elfhundert Höhenmeter gehören, schreiben sie nicht. Der Abstieg ist verdammt steil. Unten am Gasthof trinke ich ein Radler bis der Bus nach St. Anton kommt und dann zurück nach Hause. Die nächsten beiden Tage kann ich mich vor Muskelkater kaum bewegen.
Aber die Versuche von Hinten zähle ich jetzt nicht mit. Die gelten nicht. Denn alle guten Dinge sind drei, hätte ja noch keiner was davon gehört, dass das fünf wären.
Klappe die Dritte
Der Adlerweg – final
Und wieder fange ich an der Buchackeralm an. Aber wie eingangs schon erwähnt, bin ich älter und gemäßigter geworden. Ich komme am Freitag nicht schon mit gepacktem Rucksack in die Arbeit, um von dort gleich weiter zu fahren. Ich mache aber trotzdem mittags schon Feierabend.
Samstag, der 8. September 2018
Am Morgen gehe ich noch zum Markt und kaufe mir meinen geliebten Samstagsmohnstreusel, aber diesem Mal nicht noch den gesamten Gemüsevorrat für die kommende Woche. Zu Hause esse ich dazu alles, was der Kühlschrank noch zu bieten hat, ist natürlich nicht mehr viel. Die Karotten schneide ich zu Sticks und packe sie ein.
Um halb zehn geht mein Zug. Ich hasse diesen blöden Umweg, aber die Zugverbindung ist tatsächlich schneller. Nach Zürich und dann mit einem Zug der österreichischen Bundesbahn, der bis nach Budapest fährt. Ich habe den Schaffner gefragt, um halb zehn Uhr abends wäre man in Budapest. Habe ich mir mal vorgemerkt, da wollte ich auch mal hin. Aber heute will ich ja nur nach Wörgl. Da bin ich schon um zwei, eine dreiviertel Stunde später fährt ein Bus nach Angerberg. In Wörgl ist gerade Stadtfest, am Bahnhof sitze ich nur am Rande davon und hier sind es mir schon zu viele Leute. Ich habe mich schon auf Bergeinsamkeit eingestellt, da kann ich mit geballter Stimmung überhaupt nichts anfangen. Endlich kommt der Bus. Als ich einsteigen will erklingt aus den Lautsprechern des Busses klassische Musik, ungewöhnlich, auch der Busfahrer sieht ungewöhnlich aus, eher wie ein Schauspieler auf Urlaub. Coole Musik, sage ich, er grinst. Der Weg nach Angerberg zieht sich auch mit dem Bus ewig dahin, gut der Bus fährt auch über jedes Dorf. Ich erkenne einige Plätze wieder, an denen ich vor eineinhalb Jahren vorbeigelaufen bin. Ich habe mir auf der Wanderkarte, auf der auch Bushaltestellen eingezeichnet sind, eine passende ausgesucht. Mein GPS sagt mir, als wir uns der Haltestelle nähern. Auch diese Stelle erkenne ich wieder, die Teerstraße, die den Berg hinaufführt, an einem Hotel vorbei, einem kleinen Wasserrad und dann zur Schotterstraße wird. Die Schotterstraße ist steil. Es ist eine nicht öffentliche Zufahrtsstraße für die ganzen Almen, die oben auf dem weitgedehnten Sattel liegen. Erst in den Neunzigern wieder neu angelegt, weil sie wie alles in dem Tal zwischen Kufstein und Bregenz gern ins Tal hinunter rutscht. Ich erkenne jede Stelle wieder, an der ich vor einem Jahr angehalten habe, um zu verschnaufen. Es ist genauso heiß wie damals, aber ich wundere mich, wie ich hier außer Atem kommen konnte. Es ist so toll, wieder richtig atmen zu können und jetzt habe ich den direkten Vergleich. Von weitem höre ich schon Stimmen einer lustigen Truppe Wanderer. Als sie näher kommen, alles Männer und gut angeheitert. Einer hält vor mir an und meint, dass ich jede Quelle nutzen sollte, die ich auf dem Weg nach oben finde. Warum, habt ihr mir alles weggetrunken? Nicht ganz, aber es könnte knapp werden.
Ich komme am Abzweig vorbei, wo es morgen für mich weiter geht und dann bin ich an der Buchacker Alm. So schnell kann das gehen. Und noch etwas ist anders als das letzte Mal. Geli heißt sie, sie ist die Juniorchefin und hat der Alm ihren ganz eigenen Stempel aufgedrückt. Ich weiß nicht ob mir dieses modern alpenländische gefällt, mit dieser abgeschleckten Rustikalität, aber hier hat es damit was zum Positiven geändert. Als ich das erste Mal hier vor verschlossener Tür stand, hat mir der Typ, der die Eishöhle betreut hat erzählt, dass der Besitzer nicht mehr weiter machen möchte, er ist zu alt. Als ich letztes Jahr hier war, hat der Juniorchef erzählt, dass die Auflagen zum Weiterführen der Alm idiotisch sind, sie bräuchten sogar eine Rampe für Rollstuhlfahrer. Klang wirklich idiotisch, da die Zufahrtsstraße steil ist und nur für Anlieger, wer kommt da schon mit einem Rollstuhl hoch. Die Rollstuhlrampe, fällt mir gleich auf, gibt es immer noch nicht, vielleicht wurden da die Auflagen korrigiert. Aber Geli hat mit kleinen Assessors aus einem nüchternen Höhengasthof, eine gemütlich Alm gemacht. Die Zimmer sind immer noch rudimentär, aber die untere Etage ist schon top saniert. Ich lass mir erst einmal ein Radler bringen, es ist heiß und ich habe den Einstieg zu feiern. Die Aussicht ist prächtig und die Wetterprognosen haben sich in den letzen Tagen von Regen auf endlose Sonnentage geändert. Was will man mehr.
.

.

.
Als ich ankomme sitzt ein älterer Herr auf der Lounge vor der Alm, ja es gibt hier jetzt eine Lounge. Auf der Terrasse sitzen ein paar Einheimische, die sich über Solaranlagen unterhalten. Als ich mein Radler trinke kommt ein frisch geduschtes älteres Pärchen auf die Terrasse. Sie grüßen mich in Englisch und als ich entsprechend antworte, sprudelt sie gleich los, dass ihr Deutsch nicht so gut ist, aber sie werden gleich von Geli und der Speisekarte abgelenkt. Als ich geduscht bin, sitzen nur noch der ältere Herr und das Pärchen da. Er kommt aus Dänemark und sie aus den USA. Sie kennen sich schon seit zwei Etappen auf dem Adlerweg. Der Däne findet es gut, dass auf Wandertouren der Alltag so unwichtig wird. Dass er nicht immer erzählen muss, wer er ist. Ich habe den Eindruck, dass er uns das gleich zu gern erzählen möchte, aber keiner fragt nach. Das amerikanische Pärchen erzählt von den Langstreckenwanderwegen in ihrem Land. Ihre Tochter hat schon sechzig Prozent des Appalachian Trail, der seit dem Film mit Robert Redford auch bei mir auf der Liste steht, wenn ich mal in Rente bin, denn dazu braucht man ein halbes Jahr. Er hat seine Tochter einige Tage begleitet, weil er die Langstreckenerfahrung hat und sie hatte keine. Ich sehe nur die protzige goldene Uhr und seine geschniegelte Erscheinung, bin ich jetzt gemein? Sie hat die Tochter nach manchen Abschnitten getroffen, um sie zu bemuttern. Und er erzählt, dass es wichtig ist, sich auf diesem Trail einen anderen Namen zu geben, denn man möchte ja aussteigen aus dem Alltag. Dort bekommt man von den scheinbar unzähligen Wanderern eine Spitznamen verpasst. Man muss also vorsichtig sein, was man gleich am Anfang tut, sagt oder zeigt. Warum müssen die Amis eigentlich aus allem eine Show machen. Vor meinem geistigen Auge streiche ich den Trail so leicht mit Bleistift von der Liste und schreibe dazu den Vermerk: Abstand halten von den Amis, die wären dabei sicherlich auch mein größtes Problem, weil ich mit der Mentalität so überhaupt nicht klar komme. Ich stelle mir vor, dass ich nach einem halben Jahr den Trail geschafft habe und nach Hause zurück komme, mich auf mein Sofa setze und stolz darauf sein will, aber dann fällt mir ein, dass ja nicht ich den Trail geschafft habe, sondern Stunky das Eichhörnchen oder so. So ein Blödsinn. Ich halte es aber den ganzen Abend am Tisch aus, beobachte, wie sich alle ein riesiges Schnitzel hinein stopfen, erfahre, was alle so vor haben. Die Amis tendieren zum einfachen Außen rum, der Däne ist noch unschlüssig und Geli, die meine Pläne schon kennt meint mit Blick auf mich: Ich kenne eine, die auf jeden Fall oben rüber möchte. Ich hatte ihr erzählt, dass ich das letzte Mal wegen des Regens immer unten herum gelaufen bin und jetzt auf jeden Fall den Adlerweg richtig laufen möchte.
Sonntag, der 9. September
Abgemacht war, dass alle sich um sieben beim Frühstück treffen. Die Vorgabe kam von der Amerikanerin und ich war erfreut zu hören, dass es so früh Frühstück gibt. Als ich in die Gaststube komme, bin ich alleine, nur die Seniorchefin, die mir vom letzen Mal noch sehr sympathisch, weil bodenständig in Erinnerung ist. Sie wirft hier noch die Küche. Sie hat für mich auf einem Tisch angerichtet und für die Amis und den Dänen zusammen auf einen anderen. Ich bin froh darüber, meine Frühstückseinsamkeit noch weitgehend genießen zu können. Ja, ich weiß ich bin komisch. Erst kommt der Däne. Er setzt sich an seinen Tisch und schaut so über das dort angerichtete Angebot. Ich fand es reichlich, sogar ein Teller mit einem Apfel und einem Müsliriegel zum mitnehmen ist dabei. Er sitzt immer noch unschlüssig da, gießt sich Kaffee ein. Er frägt mich, ob es denn keine kalte Milch gibt. Ich deute auf das kleine Kännchen neben der Kaffeekanne. Als die Wirtin hereinkommt frägt er noch heißer Milch. Ich habe schon öfter vier Sterne Hotel besucht und stand dort immer staunend vor dem meterlangen Buffet, auf dem alles steht, was man sich nur vorstellen kann, was ich mir vorstellen kann. Denn es kommt dann meistens einer, der immer noch etwas Extra haben möchte. Ich bin überzeugt, der Däne ist auch so einer, der sich immer überlegt, was er jetzt noch Extra fordern kann.
Ich bin schon fast fertig mit Frühstücken, als die Amis kommen. Sie fangen gerade an zu Essen, als ich den wie üblich schon fertig gepackten Rucksack schultere und mich verabschiede. Ihr werdet euch ja bald alle wieder sehen, meint Geli hinter der Theke laut zu allen als ich mich verabschiede. Sie will wohl alle immer zu einem Team zusammenschweißen. Ich erkläre, dass ich gestern den anderen schon gesagt habe, dass ich heute versuchen werde, zwei Etappen bis nach Steinberg zu laufen. Die Strecke von Pinegg nach Steinberg ist mir als ziemlich langweilig in Erinnerung und ich möchte von Pinegg auf der anderen Talseite weiter laufen, auf dem alten Adlerweg und die Strecke ist kürzer. Dann sag allen im Waldhäusl, sie rattert einige Namen herunter, von uns auf der Buchackeralm, sie rattert wieder Namen herunter, eine schönen Gruß. Ich nicke und weiß ganz genau, dass ich keinen der Namen widergeben kann.
.

.
Erst geht es ganz lässig auf Forstwegen hinüber zu einem weiten Sattel mit einigen Almen. Ich finde sogar sofort wieder den schmalen Pfad, der neben dem Schotterweg hinauf führt, genauso steil und matschig wie letztes Jahr, aber heute strahlt die Sonne über mir. Und als der Plessenberg endlich vor mir steht, kommt er mir überhaupt nicht mehr schroff vor. Die menschliche Psyche ist schon eine erstaunliche Sache. Meine Erinnerung an diesen Anstieg war fast schon bedrohlich. Heute: steil ja, aber mit Latschen bis oben hin, nur ein paar Felsen dazwischen lassen mich ahnen, warum die Etappe schwarz gekennzeichnet ist. Ich setze mich erst noch einmal unten auf eine Bank, die Aussicht über das Tal ist grandios.
.

.
Kurz danach schnauft ein Pärchen von unten hoch und gesellt sich zu mir. Der Anstieg aus dem Tal, den ich schon gestern locker über die Fahrstraße gemacht habe, ist hier über einen Steig bestimmt ziemlich steil. Ich bekomme Äpfel aus ihrem Proviant angeboten, aber ich bin noch gut gefüllt vom Frühstück. Wir wollen bald alle weiter, die beiden in eine andere Richtung. Ich mache mich an den Anstieg, kämpfe mich die Felsstufen hinauf, die eher für Riesen gemacht wurden. Auf halber Höhe überholt mich ein anderes Pärchen. Alle sind viel schneller wie ich. Ich muss immer wieder stehen bleiben und warten, bis sich mein Pulsschlag wieder beruhigt hat, der heftig am Hals oben anschlägt, aber meine Lunge ist es nicht, es ist wohl einfach die Kondition. Es geht langsam, aber es geht nach oben. Am Gipfelkreuz des Plessenberg sitzt das Pärchen, das mich überholt hat. Auch Schnecken kommen einmal oben an, sage ich. Es sind noch mehr Leute hier, alle haben einen südbayrischen Dialekt, alles hier in Münchner Hand, ist wohl das Naherholungsgebiet. Hinter den Latschen kommt eine lautstarke Unterhaltung einer größeren Gruppe durch. Ist hier ein Bus angekommen, fragt er vom Pärchen. Sie gehen weiter, ich versuche einem anderen bei seinen Gipfelfotos nicht im Weg zu stehen, aber es ist schon eng hier. Macht nichts, meint er, durch Leute auf dem Foto kann man die Größenverhältnisse besser einschätzen. Nun tritt der Däne aus den Latschen hervor. Ob ich ein Kletterprofi bin meint er atemlos. Er hat mich ja nicht hochschnaufen gehört. Ich mach mich wieder auf dem Weg. Schaue beim Weiterlaufen hinter die Latschen zu der größeren Gruppe. Es sind nur drei Männer, die sich da wie eine Busladung benehmen. Das Pärchen sehe ich hinter den Latschen beim nächsten Anstieg verschwinden. Es sind hier drei Gipfel aufgereiht, aber der ausgeschilderte Weg geht am zweiten außen herum. Am nächsten Steilstück kommt mir eine alte Dame entgegen, also wirklich eine alte Dame. Oh mein Gott, hier kommen wirklich alte Damen hinauf und ich brauche mehrere Pausen für den Aufstieg, was mache ich falsch. Auf dem dritten Gipfel begegne ich dem Pärchen wieder. Der mittlere Gipfel sei es nicht wert gewesen, nicht einmal ein Gipfelkreuz hätte der. Geht ja gar nicht. Wir sitzen auf dem Kienberg in der Sonne. Dann will ich weiter nach Pinegg und sie wieder nach vorne ins Tal zum Zwetschgendatschi. Man muss Ziele haben, kommentiere ich. Wir verabschieden uns lachend in unterschiedlichen Richtungen.
Der Weg nach Pinegg zieht sich eine gefühlte Ewigkeit dahin und ich merke, dass der Abstieg von tausendsechshundert Metern auf dieser Etappe alles an einem Stück kommen und zwar jetzt. Ich kann mich erinnern, dass es das letzte Mal verdammt rutschig bei Regen war, aber auch bei trockenem Boden geht das voll auf die Knie. Sie schmerzen, als ich endlich in Pinegg bin. Es ist auch schon später als ich erwartet habe, schon drei vorbei. Ich korrigiere mein Vorhaben und will hier übernachten. Beim Gwercherwirt gibt es aber dieses Mal kein Zimmer für mich, alles voll und sie sagt, dass vorhin schon eine Frau im Kaiserhaus angerufen hat und da war auch nichts mehr frei. Tja, dann werde ich wohl doch weiter müssen. Aber ich rufe im Waldhäusl in Steinberg an. Nein, kein Einzelzimmer mehr. Und wenn ich ein Doppelzimmer nehme. Sie lacht: wenn ihnen das sechzig Euro wert ist. Das hatte ich doch das letze Mal auch, und ich fand das Geld gut angelegt. Der Deal steht und ich laufe weiter nach Steinberg. Auf der alten Forststraße sind es zwölf Kilometer meint die Gwercherwirtin. Nach der Pause mit zwei JBS (man entsinne sich, Kurzform für Johannisbeerschorle) fühle ich mich auch schon wieder besser. Die Knie haben sich auch wieder beruhigt und die zwölf Kilometer werden ohne nennenswerte Auf- und Abstiege verlaufen.
.

.
Aber zwölf Kilometer sind zwölf Kilometer. Für sich alleine gesehen nicht der Rede wert, nach ein paar Gipfeln im Vorfeld doch keine Kleinigkeit. Ich habe das Zwillingszimmer vom letzten Mal. Das letzte war stilvoll modern eingerichtet, das heute nostalgisch. Ist jetzt nicht so ganz mein Ding. Ich lege erst einmal die mühevoll unordentlich gerichtete Spitzendecke auf der Kommode ordentlich hin. Man kann nicht aus seiner Haut. Mein Zimmer hat aber einen Balkon. Auf dem Weg hier her hatte ich mir überlegt, mir ein Bier aufs Zimmer zu nehmen, um es dort zu trinken, doch jetzt habe ich einen viel besseren Gedanken. Schuhe ausziehen und mit meinem schwarzen Lederetui setze ich mich auf den Balkon. Ich weiß gar nicht was ich für Whiskys dabei habe, da die von der letzten Wanderung noch abgefüllt waren. Sieh an, ein achtzehnjähriger Glenfiddich und ein sechzehnjähriger Lagavulin. Tut mir leid Clemens, das wäre eigentlich noch deiner gewesen, wo sich die bei mir überall verstecken ist unglaublich. In meinem Bestreben diese Flaschen leer zu bekommen habe ich Zuhause auch eine Kräutertinktur damit angesetzt und jedes Mal, wenn ich jetzt damit eine Entzündung bekämpfen möchte, natürlich äußerlich, finde ich es nicht gerade genial, dann nach rauchigem Whisky zu duften. Also der Lagavulin muss dringend weg, eine gute Gelegenheit. Vor mir die goldschimmernde Flüssigkeit im Glas dahinter ragt das Rofan auf. Wenn das heute schon anstrengend war, dann wird das Morgen noch besser werden. Wenn der Anstieg zum Plessenberg heute schwarz gekennzeichnet ist, dann ist das morgen dunkelschwarz. Ich trinke den massigen Felsspitzen zu und meiner neuen selbstgenähten Hose, die sich bisher ausgezeichnet gemacht hat.
.

.

.
Montag, 10. September - anstrengendste Adlerweg Etappe
Laut Wirt gibt es jemanden, der um halb acht schon Frühstücken will, ich schließe mich an. Kurz nach mir taucht ein junger Mann im Frühstücksraum auf, englischsprachig. Die Tiroler Alpen scheinen internationalen Ruf zu haben.
Klar kann ich mich noch erinnern, wie ich von hier das letzte Mal weiter gelaufen bin. Nicht auf dem Adlerweg und den langweiligen Teerstraßen, die noch dazu auf der anderen Talseite verlaufen. Ich bin einen Höhenweg gelaufen, schöner schmaler Pfad weit über der Ach, das Tosen des Flusses wie vor einem Jahr unter mir. Ich erkenne den Baum wieder, unter dem ich damals meinen Poncho übergezogen habe, wie ich froh über den stärker werdenden Regen war, um zurück auf den Forstweg zu gehen. Heute nicht, heute laufe ich daran vorbei. Ich bedauere, dass ich dann nicht zu der kleinen Alm auf dem Weg zum Achensee komme, die war wirklich nett. Der Aufstieg zur Rofanspitze hat steil begonnen und bleibt steil. Laut Karte verteilen sich tausend Höhenmeter auf gut zwei Kilometer. Gleich am Anfang überholt mich ein Pärchen, auch nicht schnell, aber bedeutend schneller wie ich. Ich rufe ihnen nach, dass auch Schnecken irgendwann ans Ziel kommen. Er meint, dass es in den Bergen nicht auf Schnelligkeit ankommt. Der Anstieg zieht sich über Stunden dahin. Immer wieder und immer öfter muss ich stehen bleiben, um den Puls wieder einzufangen, um wieder zu Kraft zu kommen. Eine Gruppe überholt mich, älterer Herr, jüngerer Herr und eine junge Frau, sieht so aus, als ob der ältere ein Bergführer wäre und das Pärchen anführt. Sie haben einen Schweizer Dialekt, der ältere Herr einen österreichischen. Ich lasse sie vorbei, der ältere Herr sieht, dass ich mich auf eine längere Pause einrichte. Zum Sattel ist es aber noch ein Stück hin, meint er. Tja, aber ich brauche diese Pause, ich weiß auch, dass langsames, beständiges Weiterlaufen bessere wäre, aber noch langsamer kann ich nicht laufen. Links und rechts neben mir rücken die Bergkanten näher, aber der Sattel will sich einfach nicht öffnen.
.

.
Mir kommt ein Typ entgegen. Er geht schrecklich verkrümmt, man sieht ihm an, dass er Schmerzen hat. Er erzählt, dass er heute von der Erfurter Hütte losgelaufen ist, mein Ziel. Zur gleichen Zeit wie ich von Steinberg. Es ist mittlerweilen Mittag. Er will heute noch nach Pinegg. Ich will die letzte Bahn hinunter zum Achensee erreichen, die vermutlich um vier Uhr abfährt. Unausgesprochen sehen wir gegenseitig ein, dass wir unser gesetztes Ziel wohl nicht erreichen. Beide gehen wir aber ermutigt aus der Unterhaltung heraus. Endlich komme ich durch einen Felsspalt auf das Plateau des Sattels. Der Zireiner See sollte jetzt nicht mehr weit sein, ist aber nicht zu sehen. Wen ich sehe ist die Dreiergruppe beim Rasten. Sind wir hier schon auf dem Sattel oder müssen wir noch höher? frage ich. Das wissen wir auch nicht, antwortet der Jüngere. Der Ältere schweigt, also doch kein Bergführer. Ich setze mich dazu, trinke was. Der jüngere fragt, ob ich einen Schokoriegel haben will, so was hätten sie noch im Angebot. Ich bin ziemlich erschöpft und Essbares habe ich nie dabei. Blöd wenn ich ablehnen würde. Ist zwar eine ziemlich blöde Anmache, meint er, aber wenn ich mich zu ihm setzen würde, könnte ich mir in der Tüte was aussuchen. Ich gestehe ihm zu, dass das in den Berg durchaus erlaubt ist und suche mir einen Schokoriegel aus. Sie wollen auch noch die letzte Bahn erreichen und die fährt um fünf Uhr. Sie haben dort unten ihr Auto stehen und sind mit dem Bus heute Morgen nach Steinberg gefahren. Aus dem Gespräch entnehme ich, dass es wohl Vorarlberger sind, dass klingt auch manchmal ziemlich schweizerisch. Ich laufe schon weiter, als er sich noch die Schuhe anzieht. Klar habe ich mich für den Schokoriegel bedankt, aber der Weg zur Erfurter Hütte ist noch weit und er hat aus einer Beschreibung zitiert, dass es dort hin noch einen steilen Anstieg gibt. Und ich dachte, den hätte ich jetzt hinter mir. Vielleicht sollte ich die Beschreibungen zu den Etappen auch einmal durchlesen, schließlich habe ich sie alle auf dem Handy abgespeichert. Aber vielleicht will ich das gar nicht wissen.
.

.
Der Zireiner See ist eigentlich nur noch eine Pfütze, klar wo soll das Wasser herkommen, nach so einem trockenen Sommer. Ich laufe dem See entlang und dann weiter auf einen Sattel zu. Ich weiß aber noch so viel aus meinen Recherchen, dass wir nicht auf die Rofanspitze müssen und dann kann es doch nicht mehr so schlimm werden. Eine kleine Steigung und mein Puls schlägt sofort wieder an. War das schon die erwähnte Steigung, dann wäre es ja nicht ganz so schlimm. Mich überholt eine junge Frau, so locker, als würde sie einen kleinen Morgenspaziergang machen und ich bin schon so fertig. Noch ein kleine Steigung und ich stehe auf dem Sattel an einer Wegkreuzung. Es geht jetzt doch hoffentlich den Weg hier im Tal entlang. Nach oben zur Rofanspitze führt auch ein Weg. Dort kommt gerade ein junger Mann herunter. Als er bei mir ist und sieht, dass ich gerade mein Handy nach dem weiteren Wegverlauf befrage, frägt er, ob es noch einen anderen Weg zur Erfurter Hütte gibt, dass hier über den Berg fand er gerade ziemlich anstrengend. Ich kann noch so lange auf die Karte starren, aber ich muss da auch hinauf. Kurze, steile Serpentinen hinauf zu einem weiteren Sattel zwischen zwei schroffen Felsmassiven. Ja, da müsste ich durch zur Erfurter Hütte, meint er. Nein, ich finde hier auch keinen anderen Weg auf der Karte, antworte ich. Er will nur kurz hinunter zum See und dann wieder zurück zur Bahn. Auch er will heute noch damit hinunter fahren. Na schön, dass noch mehr Leute dieses Ziel haben. Langsam steige ich die Serpentinen nach oben. Unten auf dem Weg durch das Tal kommt ein Wanderer zurück, der da gerade hineingelaufen ist. Die Silhouette mit dem großen Rucksack kommt mir bekannt vor. Die habe ich heute schon von Weitem beim Anstieg gesehen. Ich brauche mal wieder eine Pause, den Sattel habe ich noch nicht erreicht. Die Silhouette mit dem großen Rucksack ist nun auch den Weg hierher unterwegs und kommt gerade an mir vorbei. Eine junge Frau, der Rucksack fast so groß wie sie selbst. Wir unterhalten uns kurz, ja auch zur Erfurter Hütte, aber nicht mehr mit der Bahn hinunter. Aus psychischen Gründen hänge ich mich gleich an sie dran und ich bin froh darüber. Ihr Anblick über mir hat mich weiterlaufen lassen, denn was da auf uns zukommt, ahnten wir beide noch nicht. Der Weg führt auf den Sattel, der aber auf der anderen Seite steil und unbegehbar ins Tal abfällt. Muss ja auch nicht begehbar sein, denn der Weg führt hinauf auf die Felszähne. Das ist das steile Stück von dem in der Beschreibung die Rede ist. Die Wand kommt man natürlich nur hinauf, indem man sich an Drahtseilen nach oben zieht. Das Mädchen über mir stöhnt unter ihrem großen Rucksack, steigt aber ohne Pause weiter. Das zittern meiner Knie hat wieder aufgehört, vermutlich sind die vor Schreck erstarrt. Ich ziehe mich hinter dem Mädchen hinauf, wenn die das mit dem großen Rucksack schafft, dann schaffe ich das auch. Unten fängt die Dreiergruppe gerade mit dem Anstieg an. An einer Kante frage ich, ob schon ein Ende in Sicht ist, sie verneint, sie klingt genauso erschöpft wie ich. Endlich sehen wir oben eine Felskante mit einem Wegweiser. Wegweiser stehen meistens dort, wo das Schlimmste vorbei ist. Also noch die letzten Kräfte mobilisieren. Verdammt, dann sind wir ja doch auf der Rofanspitze. Oben am Wegweiser werde ich korrigiert. Noch etwa zweihundert Meter einen schmalen Pfad auf einer Wiese hinauf und dort wäre die Rofanspitze.
.

.
Scherzkeks, wer diese Beschreibung gemacht hat. Ich bedanke mich bei dem Mädchen und ihrem großen Rucksack, sie haben mich sozusagen mit nach oben gezogen. Wir ersparen uns natürlich die Spitze und laufen den Weg über die Wiese zum Ende des Sattels. Was interessiert mich die Spitze. Das gerade war heftig genug. Am Ende des Sattels geht es bergab, von einer Erfurter Hütte ist nichts zu sehen. Eine Stunde hat der junge Mann vorhin gesagt, braucht man nach dem Steilstück noch zur Hütte und damit zur Bahn, jetzt aber schnell, dann könnte das mit der letzten Bahn noch klappen. Aber es ist schon spät. Die Dreiergruppe hat inzwischen aufgeholt, fällt aber zurück, weil ich mich nun spute so schnell ich kann. Die junge Frau und ihr großer Rucksack haben Pause gemacht, sie will ja nicht mehr hinunter. Der Weg zieht sich ewig dahin, keine Hütte in Sicht. Plötzlich höre ich ein lautes Heulen, menschlich, das junge Mädchen aus der Dreiergruppe, wer soll es sonst sein. Sie war immer sehr, sehr still. Ich weiß wie es ist, wenn die Kräfte irgendwann total aufgebraucht sind, dann setzt man sich hin und alles ist einem egal. Weinen ist aber auch eine gute Methode, da bin ich vielleicht nicht so talentiert. Aber weiter muss sie. Das Heulen ist immer noch weithin zu hören. Ich würd ihr gerne helfen, aber sie hat zwei Begleiter. Endlich tauchen die Hütte und die Bergstation auf. Nur noch durch ein kleines Tal. Der ältere Herr aus der Dreiergruppe hat aufgeholt. Wir haben noch eine halbe Stunde bis zur letzten Abfahrt. Vermutlich will er zur Bahn, um vielleicht die letze Bahn aufzuhalten. Ja, das Mädchen hat so geheult, es war wohl zu viel für sie. Als wir zur Bergstation kommen kommt auch gerade die Kabine nach oben. Die letzte für heute, noch ist eine viertel Stunde Zeit. Der jüngere Mann mit dem Mädchen kommt auch noch. Die Uhr tickt weiter. Wo ist der junge Mann, der auch wieder hinunter wollte. Ich schaue immer auf den Durchgang zur Bahn, aber er kommt nicht mehr. Die Bahn rollt an. Obwohl sie gut voll ist, setze ich mich auf den Boden. Ich kann nicht mehr stehen. Unten im Tal winke ich der Dreiergruppe noch zu, bevor sie zu ihrem Auto verschwindet. Irgendwie hat uns die Tour zusammengeschweißt, nicht nur der Schokoriegel. Ein Stück weiter die Straße hinunter ist die Bushaltestelle, um hinüber nach Pertisau zu kommen. Ich frage nach dem richtigen Bus, ein Typ, Holländer, mit dazugehöriger Gattin; zeigt auf die Anzeigetafel, ich stehe schon richtig, die Anzeigetafel ist nur zu weit oben, zumindest für mich, zumindest für heute. Ich setze mich auch gleich auf den Bürgersteig. Auch hier kann ich noch nicht stehen. Ich komme mit dem holländischen Pärchen ins Gespräch, was von Steinberg her, ruft er erstaunt aus, da waren wir gestern mit dem Fahrrad, aber unten herum, das war weit. Oben herum ist es vielleicht nicht ganz so weit, aber dafür steiler. Sie preisen ihr Hotel an, dass eigentlich ein Bauernhof ist. Ich will in das Hotel vom letzten Mal, liegt etwas abseits und war nett. Als ich dort ankomme sagt er nein, nichts mehr frei, wir haben Hochsaison, alles was Seeblick hat ist nun ausgebucht. Also weiter den Wegweiser Karwendeltal folgen, das ist zumindest für morgen die richtige Richtung. Nach nur wenigen hundert Metern sehe ich das nächste Hotel. Ich kann jetzt nur jedes abklappern. Ja, sie haben noch etwas frei, knapp siebzig Euro. Egal, ist halt Achenseeregion und Hochsaison, wie ich nun weiß. Ich frage, ob sie auch ein Abendessen anbieten. Heute habe ich mir das verdient. Ja, sie haben auch Halbpension und bieten zwei verschiedene Gerichte. Ich wähle Hühnchen mit Gemüse und entschwinde in mein Zimmer. Duschen ja, aber jetzt nur nicht Einschlafen, die Gefahr ist groß. Ich schaffe es wach zu bleiben. Um halb sieben komme ich hinunter in den Gastraum, aber die meisten sind mit ihrem Menü schon bei der Nachspeise gelandet. Entweder haben alle sehr schnell gegessen oder ich habe mir die Zeit falsch gemerkt. Egal. Der nette junge Wirt in kurzer Lederhose, alpenländisch stilgerecht, stellt mir schnell die Griesnockerlsuppe und meine JBS hin. Ruckzuck kommt das Hühnchen und dann noch ein Stück Heidelbeerkuchen. Normalerweise habe ich nach einem anstrengenden Wandertag überhaupt keinen Appetit, aber ich habe es geschafft. Und dann bin ich nur noch müde. Im Wegdämmern fällt mir ein, dass ich bei all der Eile noch ein Zimmer zu bekommen, vergessen habe, vom Achensee bei Sonnenschein ein Foto zu machen. Blöd. Meine ganzen Ferien in der frühsten Kindheit habe ich im Zillertal verbracht und den Achensee nur immer bei Gewitter und Regen gesehen. Das wäre jetzt der Beweis gewesen, dass es auch anders sein kann. Und ich habe nun keinen Beweis.
Dienstag, 11. September
Heute Morgen geht es weiter ins Karwendelgebirge und dabei erst einmal zur Lamsenjochhütte. Beim Auschecken bezahle ich nur die angekündigten achtundsechzig Euro, obwohl er mir sagte, das Abendessen und das Getränk schreibt er aufs Zimmer. Hat er es vergessen oder war das der Preis für Halbpension. Ich bin da eigentlich immer sehr ehrlich und frage nach, aber dieser Gedankengang ist mir erst später gekommen. Denn an der Rezeption unterhalte ich mich noch angeregt über die gestrige Tour und die kommende. Sie sagt mir, wenn die Knie zittern muss man auf den Fußspitzen auftreten, dann wird die Belastung von den Oberschenkeln auf die Unterschenkel verlegt. Das hat ihr ihr Freund einmal gesagt und das könnte stimmen. Nichts anderes habe ich gemacht, als es die Wand hinauf ging. Ich werde das austesten.
.

.
Der Weg zieht sich erst einmal durch ein langes Tal auf einer Teerstraße dahin. Auf der anderen Flussseite muss hinter den Büschen auch eine Straße sein, ich höre dort für die frühe Morgenstunde schon regen Verkehr. Wohin nur, das Tal ist irgendwann zu Ende und was machen die dann dort. Es sind eindeutig zu viel Autos für Wanderer. Als ich zum Ende des Tals und zum Alpengasthof Gramai komme weiß ich wo alle sind. Das ist hier das ultimative Ausflugsziel. Man fährt mit dem Auto hin, wandert zwischen den verschiedenen touristisch gut aufgemotzten Gebäude herum, kauft im Kässtadl ein, kehrt ein, geht vielleicht noch ein bisschen spazieren und fährt wieder zurück. Ich bin geschockt im Angesicht dieser Menschenansammlung. Es ist auch fast schon elf Uhr. Ich trinke noch schnell eine Buttermilch im Kässtadl und mache mich dann an den Anstieg zur Lamsenjochhütte. Der Typ im Kässtadl hat erwähnt, das die Falkenhütte geschlossen ist. Dort wollte ich eigentlich heute anfragen, weil die Lamsenjochhütte nicht weit genug ist und das Karwendlehaus von dort auch wieder viel zu weit. Was nun, doch die Lamsenjochhütte, falls sie noch was frei haben oder zur Binsalm, die habe ich mir bei meiner Planung vor zwei Jahren herausgesucht. Nebenbeigesagt betrete ich mit der heutigen Etappe Neuland am Adlerweg.
Klar ist der Anstieg zur Lamsenjochhütte wieder mal steil, ich sehe die Serpentinen hoch über mir. Aber so weit sollte sie nicht sein, warum sehe ich sie nicht schon. Gleich am Anfang werde ich auch wieder überholt. Ein Pärchen mit eigenartig bekanntem Dialekt, ich kann ihn nur nicht ganz einordnen. Sie sind auch auf dem Adlerweg unterwegs und wollen zu den Engalmen, das seien mehrere Almen mit Unterkünften. Engalmen, das habe ich schon mal gehört. Geli von der Buchacker Alm hat die Eng als Etappenziel erwähnt. In einer meiner nächsten Pausen forsche ich auf meiner Karte nach. Die Binsalm liegt kurz vor den Engalmen. Wenn ich nicht auf der Lamsenjochhütte bleibe, muss ich überall nachfragen, wo ich vorbeikomme.
Endlich oben auf dem Sattel und keine Hütte in Sicht. Ich folge den Wegweisern und da ist sie endlich, hat sich nur hinter einem Felsen auf der anderen Seite des Sattels versteckt.
.

.
Das Pärchen von vorhin sitzt schon auf der überfüllten Terrasse. Sie bestellen aber auch erst gerade. Vielleicht bin ich doch nicht ganz so langsam. Ich brauche hier eine JBS zum Auffüllen des Energievorrats und dazu gleich noch eine Rhabarberschorle für den Durst. Gerade als ich wieder frisch gestärkt los möchte, kommt ein roter Hubschrauber vom Tal hoch und landet kurz hinter der Hütte. Was ist passiert? Jeder schaut besorgt die Spitze des Lamsenjochs hinauf, dort ist ein Klettersteig. Ist einer abgestürzt?
.

.
Als ich den steig weiter zum nächsten Tal hinüber laufe und nahe am Hubschrauber vorbei komme, stehen alle noch so herum, keine Hektik, keine Aufregung. Im Nachhinein muss ich auch sagen, da stand auch nichts auf dem Hubschrauber. So was wie Christopher ein oder zwei oder so. Im Nachhinein ging das Gerücht um, dass die da öfters mal zum Essen hochkommen. Warum nicht? Andere fahren mal kurz mit dem Auto zu McDonalds. Die Zeiten ändern sich. Ich kann mir gut vorstellen, dass es inzwischen Tourenanbieter gibt, die Leute mit dem Hubschrauber mal kurz zum Klettersteig hoch bringen. Kleine Auszeit für gestresste Banker. Ich laufe halt noch zu Fuß. Ich finde das auch ok. Und ich nehme hier die nicht ganz so steile knieschonende Schotterstraße und nicht den steilen Steig.
.

.
An der Binsalm sitzen schon eine ganze Menge frisch geduschter Mädels, da wird für mich wohl nichts mehr frei sein. Aber falsch gedacht, ich bekomme ein Lager mit fünf Betten für mich alleine und es gibt dort Steckdosen zum Aufladen meines Handys. Nur das warme Wasser ist schon aus, das haben wohl alles die Mädels gebraucht. Ich bin auch nach der Anmeldung gleich wieder raus auf die Terrasse, um das Pärchen abzufangen und Bescheid zu sagen, dass ich hier untergekommen bin, aber die sind wohl schon vorbei gelaufen. Mir fällt ein anderes Pärchen zwischen all den Mädels auf, das sich etwas abseits hält. Ich gehe früh zu Bett, schlafe auch sofort ein, um wie schon so oft, dann die halbe Nacht wach zu liegen.
Mittwoch, 12. September
Gut, es gibt um sieben schon Frühstück und ich bin da. Auch noch ein Vierertrupp Mountainbiker, die mir den ganzen Tag über immer wieder begegnen werden und ich mich immer wieder fragen werde, wo die jetzt auf den Berg gekommen sind und ein Dreiertrupp Frauen, mit nordischem Dialekt. Das Frühstück ist sogar für eine Alm eher bescheiden, aber es reicht um weiter zu laufen. Der Abstieg zu den Engalmen geht ganz schnell über eine breite Schotterstraße, es ist noch schattig auf meiner Bergseite. Die Engalmen sind touristisch gut aufgemöbelt und auch über eine öffentliche Fahrstraße zu erreichen, aber doch abseits, am Ende eines Tals gelegen. Berggefühl für jedermann, muss auch sein. Als ich durch den Almenpark laufe, startet gerade ein großer Trupp sehr junger Leute. Von hier geht es wieder steil bergauf zum nächsten Sattel, der Falkenhütte entgegen.
.

.
Die Hamburger sind fast immer um mich. Das sind die jungen Leute von den Engalmen. Eine Abiturklasse aus Hamburg. Sehr sportlich, denn sie rennen ziemlich schnell und sie haben auch noch eine gute Kondition, denn ihnen machen auch die vielen Pausen mit Schuhe ausziehen nichts aus. Nur als sie an einem Bach ihre Wasserflaschen auffüllen, muss ich sie doch mal warnen. Hier sieht alles nach praller Natur aus, aber alle Almen haben Filteranlagen, um die Keime durch die Viehwirtschaft aus dem Wasser zu bekommen. Solange ich noch Vieh oder Weidezäune um mich herum sehe, trinke ich aus keinem Bach. Das sage ich ihnen auch so, ohne dabei zu schulmeisterhaft zu wirken, denn dann würden sie das nicht ernst nehmen. Wir treffen uns noch oft und begrüßen uns schon wie alte Bekannte. Und wieder schafft mich der Anstieg. Kurz vor dem Sattel überholt mich das Pärchen von der Binsalm. Sie wollen auch zum Karwedelhaus und beruhigen mich bezüglich eines freien Platzes. Sie haben gestern noch dort angerufen und gesagt bekommen, dass es Plätze gibt und dass sie gar nicht reservieren müssen. Ein anderer, der zu uns stößt meint, dass es auf dem Karwendelhaus zweihundert Plätze gibt, muss also eine größere Hütte sein. Von hier können wir auf dem nächsten Sattel die Baustelle der Falkenhütte sehen, ein Kran auf dem Berg sieht schon komisch aus und daneben das Skelett von dem, was einmal wieder die Hütte werden wird, zwei Jahre soll der Neubau dauern.
.

.
In der letzten Alpenvereinszeitschrift stand, dass es keine Genehmigungen zum Neubau von Hütten gibt, aber die neuen Auflagen für die bestehenden Hütten werden in den nächsten Jahren den Neubau der meisten Hütten erfordern. Gemeinsam kommen wir unterhalb der Baustelle an und die Hamburger sind auch bald da. Der männliche Anteil des Pärchens will unbedingt die Baustelle sehen, die Hamburger haben verabredet, dass sich dort alle wieder treffen, obwohl ihnen nun klar wird, dass man nicht zur Baustelle hoch muss, um zum Karwendelhaus weiter zu kommen. Ich will nicht zur Baustelle und bleibe unten auf der Schotterstraße und mache unten Pause.
.

.
Die Biker kommen mir entgegen, wo sind die den rumgefahren, das Pärchen kommt auch bald wieder und da mache ich mich auch auf den Weg, aber sie laufen schneller und so habe ich die Berge um mich herum bald wieder für mich. Der Weg führt beständig nach unten, in ein riesiges Hochtal, aber nach unten mag ich gar nicht, wenn ich weiß, dass das Karwendelhaus auf dem nächsten Sattel liegt. Das Hochtal ist ungewöhnlich üppig bewaldet für die Höhe, wir befinden uns immerhin auf fast tausendachthundert Meter. Es gibt so viele Laubbäume, Birken und Ahorn. Das Gebiet um die Engalmen nennt sich der große Ahornboden und ich komme gleich zum kleinen Ahornboden. Der Ahornbestand hat also Tradition. Unterwegs erfahre ich auf einem Schild, dass der Bestand in den vergangenen Jahrzehnten als Nutzholz verbraucht wurde und stark zurück gegangen ist. Nun sieht man überall Neupflanzungen. Wir haben der Natur und im speziellen den Alpen in den vergangenen hundert Jahren sicherlich viel angetan, aber es ist ein gutes Gefühl, dass das jetzt an vielen Stellen wieder gut gemacht wird, trotz der hohen Belastung durch den Tourismus. Mit dem kleinen Ahornboden habe ich heute die tiefste Stelle erreicht und von hier geht es wieder nach oben zum Karwendelhaus.
.

.
Es ist nicht besonders steil, zumindest hatte ich schon steiler Stücke, aber die Sonne brennt mit voller Kraft in die Schlucht, in der der Weg nach oben führt. Unterwegs treffe ich immer wieder auf Wanderer, die jeden kleinen schattigen Bereich für eine Pause nutzen, ich auch. Oben wird der Weg breiter und auf beiden Seiten ragen schroffe Felsspitzen in die Höhe. Eine davon ist die Birkkarspitze.
.

.
In mir baut sich bei dem Anblick ein ungutes Gefühl auf. Die Besteigung der Birkkarspitze gilt als die alpnistisch schwierigste Etappe des Adlerwegs. Mein Ehrgeiz zum vollenden des kompletten Adlerwegs wird durch den Gedanken verdrängt, dass man die größte Spitze schon mal herausschneiden könnte. Ich verdränge die Gedanken gleich. Erst einmal zum Karwendelhaus und dieses Haus hat sich gut versteckt. Der Sattel zieht sich lange dahin, es geht immer wieder mal hinauf und hinunter, aber wo bitte schön ist das Karwendelhaus. Es sind auf dieser Etappe erstaunlich viele Leute unterwegs. Ich frage dann einfach einmal eine junge Frau, die mir entgegenkommt, als wäre sie mal kurz zum Kaffeetrinken hier hochgekommen. Die Hütte ist gleich um die Ecke, meint sie. Immer diese hinterhältigen Ecken. Und wirklich, einmal noch um einen Felsvorsprung und das steht das Haus. Auf der Terrasse suchen die Wanderer die sonnigen Plätzchen. Auch wenn man den ganzen Aufstieg furchtbar geschwitzt hat, es wird sofort kühl, wenn man sich hinsetzt. Geht also nicht nur mir so. Jetzt wo ich hier bin, muss ich sagen, dass ich heute nicht so große Probleme mit meinem Puls hatte. Sollte ich mir nun Kondition angeeignet haben? Die Anmeldung ist in der Küche und der Hüttenwirt stöhnt, als er hört, dass ich keine Reservierung habe. Warum glaubt eigentlich jeder, dass nur er die Idee hatte, dieses geniale Wetter für eine Bergtour zu nutzen. Ich sag ihm jetzt nicht, dass es bei mir keine spontane Idee war, sondern ein seit einem Jahr geplanter Urlaub. Aber, dass er gestern noch Leuten gesagt hat, dass keine Reservierung nötig ist. Ja, das hat er inzwischen hunderten gesagt. Ich frage mich im Stillen, warum. Aber ich bekomme noch einen Platz. Dritter Stock, blauer Bereich. Die Schuhe bleiben natürlich unten, inzwischen unbedingt auch meine Socken, aus Sicherheitsgründen. Der dritte Stock ist das Dachgeschoß und hier reiht sich Lagerplatz an Lagerplatz, mindestens sechzig oder siebzig, ich habe nicht gezählt. Blau ist ganz hinten, da laufen dann zumindest nicht die tausend anderen immer vorbei. Das Pärchen ist in derselben Koje. Gegenüber ist gerade ein junge Frau mit einheimischen Dialekt angekommen, habe ich in den letzten Tagen eher selten gehört, alles hier in südbayrischer Hand und ein paar Fremdländer dazwischen. Erster Überraschung: die Duschen sind aus Wassermangel gesperrt und aus den Wasserhähnen an den Waschbecken kommt nur ein Rinnsal, aber es geht auch so. Auf der Terrasse geselle ich mich zu dem Pärchen, sie sind aus der Rosenheimer Gegend. Klar, klang immer so vertraut. Ich gönne mir hier neben der JBS auch einen Kaiserschmarrn. Den gibt es nur bis vier Uhr. Ich drehe mich um zur Uhr, auf die sie gedeutet hat. Sch… fünf Minuten nach Vier. Neben mir steht ein Pärchen. Sie hält dem jungen Mädchen, die die Bestellungen entgegen nimmt ihre Uhr unter die Nase. Bei mir ist es erst Vier. Und er hält ihr seine Uhr auch noch unter die Nase: bei mir ist es sogar erst fünf vor. Das Mädel stöhnt. Da muss ich erst in der Küche nachfragen. Bleibt stehen. Er: Ja? und nickt auffordernd. Ich bekomme meinen Kaiserschmarrn und später kommt noch einmal jemand mit einem Teller voll Schmarrn heraus. Regeln sind dazu da, gebrochen zu werden. Aber nein, ich verstehe die Regel schon. Die Küche muss sich ab Vier auf das Abendessen für zweihundert Leute vorbereiten. Man merkt zwar nicht, dass hier so viele rumlaufen, einigen kommen immer noch dazu, andere fahren ab ins Tal, die ganzen Mountainbiker. Die sind hier wirklich wie Unkraut. Als ich mit dem Teller hinaus auf die Terrasse will, um die letzten Sonnenstrahlen zu genießen, steht das Pärchen von der Lamsenjochhütte vor mir, noch in voller Montur, mit Rucksack und so, also gerade angekommen. Was macht ihr den hier, ich dachte ihr sitze hier schon irgendwo gemütlich bei einem Bierchen und jetzt kommt ihr nach mir an. Sie gesellen sich dann frisch nicht-geduscht zu mir und dem Pärchen aus Rosenheim. Sie kommen übrigens aus dem Schwarzwald, Offenburger Gegend. Wäre ich jetzt nicht drauf gekommen. In der Bodensee Region reden die ganz anders, aber jetzt wo ich es weiß, ist mir klar woher mir der Dialekt bekannt vor kam. Die Schwarzwälder wollen morgen über die Birkkarspitze. Die Rosenheimer steigen nach Scharnitz ab um dort den Zug zurück zu ihrem Auto zu nehmen. Der Zug fährt nach Innsbruck. Hier auf der Hütte stand ich schon mit einigen anderen unschlüssigen vor der Wetterprognose. Für Morgen ist ab dem frühen Nachmittag Gewitter und dann Regen angesagt. Nicht die besten Voraussetzungen für die Birkkarspitze. Man braucht ungefähr vier Stunden nach oben und dann ist es noch ein langer Weg wieder hinunter ins nächste Tal, spätestens da läuft man im Regen und es wird dort noch sehr schroff sein, also kein matschiger Pfad, sondern rutschige Felsen. Ich rufe die PDF zur Etappe auf. Ich soll die Beschreibung laut vorlesen. Ich hätte das jetzt gar nicht lesen sollen, schon bei schönem Wetter klingt das sehr, sehr anstrengend. Als ich lese …dazu passiert man unter anderen das Schlauchkar, ruft der Rosenheimer aus: und jetzt rat mal, warum das Schlauchkar heißt. Hm, ja, steht hier. Ich lese weiter … nomen et omen, es schlaucht ganz schön. Oh man, wollte ich das wirklich wissen.
.

.
Während die anderen noch zu Abend essen ziehe ich mich schon mal ins Lager zurück und versuche etwas zu schlafen, bevor die Massen kommen. Ich kann nicht schlafen, aber der Einzug der Massen geht beachtlich ruhig vor sich. Nur die beiden Typen, die hörbar gut angeheitert im Dunklen, von Handylicht mal abgesehen, ihren Schlafplatz suchen, finden sich und die Situation urkomisch und kommen aus dem Kichern nicht mehr raus. Können Männer albern sein und um diese späte Stunde ist es einfach nur nervig. Als alles wieder ruhig ist, kann auch ich ein bisschen schlafen.
Donnerstag, 13. September
Ich schaue gleich auf mein Handy. Fünf Uhr fünfzig. Wer wagt es einen lauten Handyalarm um diese Zeit in einem Lager mit über sechzig Leuten losgehen zu lassen, wenn es erst in über einer Stunde Frühstück gibt und die Waschgelegenheiten äußerst eingeschränkt sind. Echt mutig. Dass sie nicht gelyncht werden schreibe ich dem Umstand zu, dass alle anderen einfach noch zu schlaftrunken sind. Meine ganzen Sachen sind, wenn ich in einem Lager schlafe, immer alle im Rucksack. So muss ich nur meinen Seidenschlafsack zusammenraffen, den Rucksack umhängen und leise durchs Lager hinunter in den Waschraum schleichen. Während die Verursacher des Ungemachs noch heftig rumräumen, wie wenn sie alleine auf dieser Welt wären. Unten im Waschraum brennt Licht und die Verursacher kommen gleich nach mir herein. Die drei nordischen Damen von der Binsalm, schon klar, nein, ich habe jetzt keine Vorurteile, aber so was kann man einfach nicht bringen. Ich bin schnell fertig. Stehe unschlüssig vor der Tür.
.

.
Nach und nach kommen immer mehr Leute. Die Hamburger, die auch hier übernachtet haben, sie haben mir gestern auf der Terrasse laut und freudig entgegen gerufen. Ein Mann ruft seiner Frau im Wiener Dialekt zu: stell dich gleich ganz vorne an die Tür zur Gaststube. Er hat wohl Angst kein Frühstück zu bekommen. Die Hamburger holen sich ein Lunchpaket, es sind nur fünf Mädels davon, die heute den Sonnenaufgang unterwegs sehen wollen. Die drei nordischen Frauen kommen langsam, noch im Halbschlaf herunter, warum habe ich nur den Eindruck, dass die noch drei Stunden zum Wachwerden brauche. Das Rosenheimer Pärchen kommt schon mit Rucksack gerüstet heraus. Über den westlichen Bergen stehen die Regenwolken, so früh schon. Der Rosenheimer meint, sie gehen ohne Frühstück, das ist ihnen jetzt zu viel Trubel und sie haben nur vier Stunden ins Tal. Da kommt plötzlich mein Entschluss, das mache ich auch. Das Drängen in den Gängen hat mich fast schon beängstigt, ich will hier auch nur weg. Ein Nürnberger, mit dem ich gestern schon gesprochen habe, will immer noch auf die Birkkarspitze und betrachtet besorgt die Regenwolken. Bis das Frühstück bei diesem Andrang durch ist dauert es noch, er sollte eigentlich sofort los, aber ohne essen. Die Schwarzwälder kommen die Treppe herunter. Gut das ich euch noch treffe, ich steige ab, nur das ihr mich nicht vermisst. Er steht mit mir draußen und schaut auf die Wolken, die schnell dicker werden. Er hat seiner Frau gesagt, dass man der Natur auch mal nachgeben soll, aber sie will unbedingt hinauf. Ich wünsche ihm viel Glück und dass sie vorsichtig sein sollen. Dann laufe ich eilig los, die Rosenheimer folgen dicht auf. Wir wollen scheinbar alle nur hier aus dem Gedränge. Die Hamburger Mädels sind schon unten am Weg. Mit ihnen komme ich noch ins Gespräch. Sie haben sich für ihre Klassenfahrt ein Thema aussuchen können, unter anderen ‚Die Alpen‘, mussten Referate dazu halten und dann ging es dorthin zur Klassenfahrt. Sie fahren unten auch nach Innsbruck und bleiben dort noch eine Nacht. Die Rosenheimer sind schnell weg. Ich treffe sie noch am kleinen Kraftwerk des Karwendelhaus. Das muss er sich natürlich näher ansehen.
.

.
Der Weg durch das Tal hinunter nach Scharnitz zieht sich lange, sehr lange dahin. Ich brauche über vier Stunden, wo stand das eigentlich? Die Hamburger sehe ich nicht mehr. Die Rosenheimer überholen mich bei einer Pause wieder. Unten in Scharnitz trinke ich in einer Bäckerei erst einmal einen Kaffee und esse ein Stück Apfelstrudel. Dann laufe ich zum Bahnhof. Der nächste Zug fährt in einer Stunde. Die Bahnstrecke ist beeindruckend. Scharnitz liegt auf tausend Meter, Innsbruck auf fünfhundert. Die Höhenmeter werden aber fast bis zum Schluss hin gehalten, immer hoch über dem Tal entlang und dann hinunter nach Innsbruck. Wow, wirklich beeindruckend. Um eins bin ich in Innsbruck und habe vor hier zwei Nächte zu bleiben. Ich suche lange nach einem Hotel, es soll im Zentrum sein, keine Absteige und auch nicht zu edel. Ich bleibe in der Neuen Post, ein nicht mehr ganz so nobles vier Sterne Hotel. Ich muss noch bis drei Uhr warten, um in mein Zimmer zu kommen. Eine Frau im billigen Edellook, ja so was erkenne ich, sieht mich in meinen schmutzigen Wanderklamotten herablassen an. Sie kann es jetzt nicht wirklich fassen, dass man mir hier ein Zimmer gibt. Nein ich versuche jetzt nicht zu grinsen. An der Rezeption sollte ich auch erst einmal meine VISA Karte vorlegen, aber eher um die Reservierung abzusichern. Sonst verhält man sich cool. Ich laufe durch die Stadt und komme einen Lush-Laden vorbei. Hier kaufe ich einen Duschbarren und einen Kakaobutterbarren für die trockene Haut. Die Zeit hier sollte ich ein bisschen für Wellness nutzen. Auf dem Weg zurück ins Hotel bewölkt sich der Himmel. Im Zimmer werde nicht nur ich gründlich ab geschruppt, sondern auch alle meine Klamotten gewaschen. Bei den Socken habe ich kaum Hoffnung, Handwäsche kann da kaum was ausrichten, aber der Versuch ist es wert. Dabei merke ich, dass sie schon ziemlich durchgelaufen sind. Sie waren schon dünnwandig beim Loslaufen, aber dass sich das so schnell verschärft, hätte ich jetzt nicht gedacht. Meine besten Wandersocken. Erst am späten Nachmittag höre ich zwei Donnerschläge.
Am Abend laufe ich am Inn entlang. Hier ist derzeit die Kletter-WM und eine riesige Arena am Ufer aufgebaut. Ich entscheide mich für einen Thailänder nahe der Arena. Während ich meine Ente verspeise erklingen die österreichische Nationalhymne, die Französische, eine mir nicht bekannte und noch einmal die Französische. Nicht die Deutsche, da hat es wohl nicht geklappt. Aber es gibt da irgendwie mehrere Diszipline und mehrere Siegerehrungen. Die Nacht regnet es.
Freitag, 14. September
.

.
Den ganzen Tag regnet es immer wieder mal. Die sonnigen Abschnitte nutze ich, um mir die Stadt anzusehen, die regnerischen, um mich unter der Bettdecke zu verkriechen. Es soll ein geruhsamer Tag werden und das wird er. Die nachhaltigste Erinnerung sind nicht die vielen kleine Asiaten, auch nicht die Berge herum und auch nicht das goldene Dachl, es sind eindeutig die ganzen Flugzeuge, die tief über der Stadt einfliegen. Fast wie in HongKong.
Samstag, 15. September - schönste Adlerweg Etappe
Gestern habe ich noch festgestellt, dass ich wieder Richtung Scharnitz zurücklaufen muss. Mit dem Zug geht es bis nach Hochzirl, einem Vorort von Innsbruck und von dort steige ich zum Solsteinhaus auf. Hier würde die nächste Etappe schon enden, aber was sollte ich mit dem angefangen Tag? Ich fühle mich voll fit. Es regnet noch ein bisschen und das Solsteinhaus liegt in Nebelschwaden. Eine schöne Hütte, sanft modernisiert und eine der wenigen Hütten, die dem österreichischem Alpenverein gehören, hier wurde also mein Geld gut investiert. Ich trinke hier nur eine JBS und laufe weiter. Plötzlich stehe ich vor einem riesigen Schotterfeld, das von Felszacken umrahmt wird.
.

.

.
Ich bin etwas überrascht. Wollte ich mir nicht die Etappenberichte am Vortag durchlesen. Habe ich natürlich nicht und ich bin immer wieder überrascht, wenn die Etappe nicht über Wald und Wiesen geht. Eigentlich sollte ich inzwischen begriffen haben, dass ich hier nicht im Schwarzwald bin. Sieht aber schon beeindruckend aus, so in Nebelschwaden. Der harmlose Namen Eppzirler Scharte kann das nicht verbildlichen. Erst glaube ich das das dünne Zickzack auf dem Schotterfeld, also der Weg, mein Weg, rutschig, anstrengend und kaum zu bewältigen ist, aber es ist nicht mehr so schlimm. Der Puls bleibt ruhig und langsam, Serpentine um Serpentine komme ich den Felszacken näher. Ich kann mich gar nicht satt sehen. Einmal nichts als Nebel, dann Felszacken dazwischen, dann ein kurzer klare Blick zurück zur Hütte, Nebelschwaden und dann bin ich wieder von Felszacken umrahmt.
.

.
.

.
Kurz unter dem Sattel teilt sich der Weg, ein als sehr anspruchsvoll gekennzeichneter Höhenweg zur Nördlinger Hütte zweigt ab und verläuft harmlos dahin, bis er im Nebel verschwindet. Mein Weg geht weiter hinauf zur Scharte und wird jetzt noch steiler, ist aber nur rot gekennzeichnet, also harmlos. Sieht jetzt aber nicht so aus. Der Schotter rutscht unter mir bei jedem Schritt weg, ein echter Balanceakt, hier weiter zu kommen. Mir kommen erstaunlich viele Leute entgegen. Von welcher Hütte kommen die alle. Über mir, dort wo ich im Nebel den höchsten Punkt der Scharte erwarte, ertönt ein Stimmengewirr. Ich weiß nicht wie weit sie noch über mir sind, im Nebel kann man das schlecht einschätzen. Aber dort oben ist gut Stimmung auf fränkisch. Da plötzlich knallt ein Handball großer Stein an mir vorbei. Gut nicht so knapp, mindestens noch zwei Meter vor mir, aber ich hätte den jetzt nicht auf den Kopf bekommen wollen. Was treiben die dort oben? Aber dort ist es jetzt sehr still. Nur noch leises Gemurmel und es bewegt sich nichts mehr auf mich zu. Ich steige weiter auf. Als ich kurz vor ihnen bin, drücken sie sich gegen die Felswand und versuchen sich dort still zu halten. Sie haben meine Schritte im Geröll natürlich gehört und ich bin froh, dass sie nach einem Stein, den sie ins Rollen gebracht haben, stehen geblieben sind. Als ich bei ihnen bin meint einer, es ist nicht mehr weit nach oben, du hast es gleich geschafft. Es sind sieben oder acht junge Männer, alle cool angezogen, aber an der unsicheren Haltung ist zu erkennen, dass sie wohl nicht sehr oft in den Bergen sind. Ich antworte, dass das jetzt nicht mein Problem ist. Und das stimmt auch, ich könnte noch weiter aufsteigen, das fühlt sich gut an. Heute ist also mein Bäume-Raus-Reiss-Tag. Ich antworte, dass wir eher ein Stauproblem haben. Der Weg ist schmal und steil. Ich stelle mich auf einen Felsen etwas seitlich des Weges und winke sie vorbei. Ohne weitere fränkische Kommentare, außer einem ‚schönen Dag noch‘ oder ‚Danke‘ zieht der Trupp an mir vorbei. Danach ist die Scharte schnell erreicht. Wieder zwei dunkle Flecken an der Felswand. Was ist denn das schon wieder? Zwei Mädels die hier Brotzeit machen. Sie kommen von der anderen Seite herauf. Wie die Nebellage hier drüben ist, frage ich. Durchwachsen. Die andere Seite ist genauso schottrig und abwärts ist das immer ein noch größeres Problem.
.

.

.

.
Aber ich habe heute keine Probleme. Mir geht’s so gut. Leise fange ich an mein Lieblingswanderlied zu singen. ‚Heast as net, wia die Zeit vergeht‘. Erst leise, dann immer lauter, denn hier ist scheinbar niemand mehr. Vor Schreck rutsche ich aus, als sich doch kurz unter mir eine dunkle Gestalt aus dem Nebel schält. Ob alles in Ordnung ist, frägt er in Deutsch mit vermutlich italienischem Akzent. Ja, habe mich nur erschreckt, weil doch jemand hier ist. Liegt es am Nebel oder an was sonst. Heute sehen sogar die Männer bedeutend knackiger aus. Jung, dunkelhaarig, Dreitagebart, großer Rucksack, Holzstab in der Hand. Ein Berggeist? Er will nach Innsbruck hinüber und hinunter, kommt aus Leutasch. Ich will genau anders herum. Doch kein Berggeist, zu irdische Vorhaben. Er fragt, wie weit es noch hinauf geht. Leider noch mal eine halbe Stunde, wenn man aufwärts geht. Er zieht weiter, ich schau ihm nach, bis er im Nebel verschwindet. Kurz danach höre ich wieder Stimmen. Der Nebel löst sich auf und unten sitzen zwei Gestalten am Wegweiser. Als ich näher komme, höre ich, dass sie Italienisch sprechen. Noch zwei Berggeister? Auch die beiden sprechen Deutsch mit Akzent. Kurz bevor ich zum Wegweiser komme gehen sie weiter. Wie weit es denn noch zum Solsteinhaus ist. Ich antworte ehrlich, aber versuche es schön zu reden, sie scheinen mir schon etwas erschöpft. Die warten schon auf euch rufe ich ihnen nach. Die warten schon auf uns, sagt der eine zum Anderen mit einem kehligen Lachen. Jetzt sehe ich auch die Alm weiter unten. Nun laufe ich wieder im vollen Sonnenschein. Man geht das heute alles locker.
.

.

.
Von unterhalb der Alm dringt ein wilder Streit zu mir herauf. Ein Mann und eine Frau. An der Alm bleibe ich unschlüssig stehen. Sie sieht so verlassen aus, aber ein Fahrrad steht davor und bei den beiden will ich jetzt nicht vorbei. Ich öffne vorsichtig die Tür und stehe in der Küche, eine Frau zeigt auf die nächste Tür. Da ist die Gaststube. Ihr habt schon offen? Ja. Sie spricht österreichisch mit einem leichten ausländischen Akzent, polnisch oder tschechisch oder so was. Ich gehe hinüber in die Gaststube. Hier sitzen zwei asiatische Jungs und machen sich über einen Kaiserschmarrn her. Ich verfolge zwangsläufig ihr Gespräch, sie machen sich sorgen, ob einer von ihnen Schuld hat. Die gehören also zu der Tragödie da unten. Ich bestelle eine Gulaschsuppe und merke als ich sie esse, dass mich der Nebel ziemlich durch gekühlt hat. Ein Mann kommt herein und geht zu den Jungs: Ihr habt gar keine Schuld. Gut, ihr habt schon bestellt. Reicht ihnen ein paar Geldscheine und geht wieder: Wir warten unten bis ihr fertig seid. Als die Jungs fertig sind und verschwinden, kommt die Wirtin rein. Sie hat die Jungs hereingeholt, weil sie auch den Streit unten gehört hat und die Jungs sagten, dass sie so hungrig seien. Die streiten schon eine Stunde, die weibliche Stimme muss wohl eine Asiatin sein. Als ich aufbreche, komme ich an der Familie vorbei. Sie unterhalten sich inzwischen wieder ruhig. Die Frau ist keine Asiatin, deutsch und vom Dialekt her beides Münchner. Den ganzen langen Weg und der zieht sich wirklich lang bis nach Gießenbach hin, überlege ich mir, wie so eine Patchwork Familie zusammenkommen kann. Schon witzig. Irgendwann überholen sie mich. Er mit dem älteren Jungen auf Rädern, sie mit dem jüngeren schnellen Schrittes zu Fuß.
Das waren schon einige Kilometer aus dem Tal heraus nach Grießenbach und ich habe keine Lust mehr bis Leutasch noch mal den ausgewiesenen Adlerweg über einen Sattel zu gehen. Der Weg unten herum sieht auf der Karte nicht schlecht aus. In der Realität ist er als Radweg ausgeschildert. Egal, sind ja nur fünf Kilometer. Aber es ist kein Radweg, es ist eine scheinbar erst kürzlich ausgebaute Straße mit abschüssigen Grünstreifen zu beiden Seiten. Zu spät, da muss ich jetzt durch. Der erste Ortsteil ist Weidach. Es gibt viele Hotels am Ort. Die Touristen Info ist geschlossen, aber hier gibt es immer einen Bildschirm, an dem man Unterkünfte abfragen kann. Frei sind nur noch vier Sterne und aufwärts. Was soll‘s, wäre ja jetzt nicht das erste Mal. Auf meiner Wanderkarte wird namentlich der Quellhof erwähnt. Wenn die Namen auf der Karte vermerkt sind, sind das immer alteingesessene Gasthöfe. Ich frage aber auch schon mal auf dem Weg dorthin. Vor mir an der Rezeption frägt auch gerade einer, ob noch was frei ist, er frägt nach zwei Doppelzimmern. Ja, gut, er kommt gleich wieder. Dann frage ich. Ich merke, dass mir, vermutlich vom Hotelinhaber, die gleichen Zimmer angeboten werden. Ich frage, ob er die nicht gerade dem Herrn vor mir versprochen hat. Das war doch nur eine Anfrage, antwortet er geschäftig. Also ich habe da schon ein gehörige Absicht herausgehört. Ich verabschiede mich mit dem Hinweis, dass ich mich noch weiter umschauen möchte. Draußen parken die Leute mit dem Mann vor mir gerade die Autos. Die hätten sich gefreut, wenn innerhalb von Minuten eines ihrer Doppelzimmer weg gewesen wäre. Als ich um die Straßenbiegung komme und den Quellhof sehe, entscheide ich, dass diese Unterkunft wohl doch eine Nummer zu groß für mich wäre. Es sieht nach ungefähr vierhundert Euro pro Übernachtung aus. Man muss es nicht übertreiben. An der Touristen Info wurde mir das Kristall, auch ein vier Sterne Hotel, mit noch freien Zimmern angezeigt. Das war eine Straße vorher den Hang hinauf. Dort steht ein Bus. Ups, also bestimmt auch gut voll. Aber sie haben noch etwas frei, auch ein Doppelzimmer zur Einzelnutzung, aber ich habe jetzt keine Lust mehr noch weiter zu suchen. Die Dame an der Rezeption stufe ich als die Besitzerin ein. Sie ist aber sehr sympathisch. Ob ich auch zum EHM da bin? Was ist EHM? Sie erklärt es nicht, weil sie meine Frage wohl nicht ernst genommen hat. Scheinbar kennt jeder den EHM. Der Bus hat eine große Gruppe aus Norwegen deswegen hierhergebracht. Man kann an diesem Wochenende verschiedenlange Etappen laufen. Ich mache den Adlerweg, erkläre ich. Dann werden sie wohl morgen vielen Wanderern begegnen. Na toll. Oben im Zimmer entsinne ich mich an Plakaten vorbeigekommen zu sein, die den neunzehnten Einhornmarsch anpriesen. Frühstück gibt es wegen den Norwegern, die früh los wollen morgen daher schon um halb acht. Ein Hoch den Norwegern.
Sonntag, der 16. September - schrecklichste Adlerweg Etappe
Als ich um kurz vor halb acht in den Gastraum komme, ist die ganze Busladung Norweger schon am Buffet. Blöd, zu spät. Tische sind für jeden festgelegt. Ich werde an einen abgelegenen weit weg vom Buffet geführt. Der Weg ist lang, aber dafür ist hier nicht so ein Trubel. Kurze Zeit später setzt sich eine älter Dame an den Nebentisch. Ich wäre pünktlich, meint sie in ausgeprägtem Sächsisch und schaut dabei auf ihre Uhr. Und ehe ich mich versehen, sprudelt sie schon los. Sie wartet noch auf andere. Nein, sie will jetzt nicht schon zum Essen anfangen, weil alleine Essen kann sie auch Zuhause. Sie seien gestern zu ihrem Hotel im nächsten Ortsteil gekommen und haben erfahren, dass das Hotel überbucht ist und ihre Zimmer weg. Dann hat man sie hier ins Hotel vermittelt. Und sie sprudelt weiter. In erstaunlich kurzer Zeit bin ich im Bilde über die guten alten Zeiten damals in der DDR, die aber nicht immer so gut waren und noch vieles mehr. Aber sie ist trotzdem sympathisch. Das jüngere Pärchen das später dazukommt, ist dagegen sehr zurückhaltend. Der Sohn mit Frau.
Aber ich muss ja los. Die nächste Etappe wird locker werden, nur das Tal entlang und nach Ehrwald hinunter und dieser Ort soll dann auf der Rückseite der Zugspitze sein. Ich habe die Zugspitze beim Maximilianweg nur von Weitem gesehen und kenne sie sonst nur von Bildern. Da ist es schon aufregend, wenn ich heute ohne viel Anstrengung vor ihr stehen soll.
Erst laufe ich in dem riesigen Pulk von Einhornwanderern und dann komme ich mir zwischen den ganzen Mountainbikern wie auf der Autobahn vor. Ein Stück laufe ich auf der anderen Seite des Flusses mit einem fränkischen Pärchen, drüben Laufen die Einhörner. Sie machen immer Urlaub in diesem Tal und wissen nun überhaupt nicht, was all die Leute da drüben auf der Teerstraße wollen. Dort ist der offizielle Weg ausgeschildert und jeder folgt folgsam der Ausschilderung. Gut für uns, da kann man auch mal ein Stück in Ruhe laufen. Sie will noch weiter und Schwammal suchen, aber er will gleich zurück, um Autorennen zu gucken. Und schon bin ich wieder in der Herde der Einhörner, die nun auch die Flussseite gewechselt haben. Die meisten laufen aber nur die zehn und zwanzig Kilometer Tour und sind bald weg, aber an der Gaistalalm ist die Hölle los. Nur eine JBS und weiter.
.

.

.
Danach treffe ich im Wald auf die Fränkin beim Schwammal suchen. Was, sie sind noch nicht weiter, wir kehren immer in der nächsten Alm ein, da ist nicht so viel los. Zu spät und bei der nächsten Alm war auch nicht wirklich weniger los. Also weiter auf der Autobahn. Kurz vor der Ehrwalder Alm gibt es einen Steig, für Biker nicht zugelassen, den muss ich haben. Steil, aber richtig entspannend. Von der anderen Talseite schallt die Musik der Ehrwalder Alm herüber. Bergvagabunden sind wir. Das kann jetzt aber nicht wahr sein. In welchem Alptraum bin ich denn da gelandet. Voll genervt steige ich dort in die Bergbahn ein, ich will jetzt nicht noch mit den ganzen Bergvagabunden hinunter laufen. Der geistige behinderte Gehilfe an der Bergbahn war das sympathischste des ganzen Tages. Ich habe gar keinen Sinn mehr dafür, herauszufinden, welche Spitze jetzt die des Zuges ist. Ich suche mir ein nicht zu exklusiv aussehendes Hotel und ziehe die Zimmertür hinter mir zu. Es hat einen Balkon und von oben ist das Treiben erträglicher, besonders wenn man dazu die letzten Reste des Lagavulin trinkt. Ich rätsle, welche nun die Zugspitze ist, da sind mehrere und höhenmäßig nehmen sich die nicht viel. Dann bekomme ich Hunger. Erst in einer Pizzeria einen Kaffee und ein Stück billig gemachte Schwarzwälder, aber der Hunger treibt mich weiter zur nächsten Pizzeria, aber die Pizza dort ist grottenschlecht. Scheinbar gibt es hier einfach zu viele willige Touristen.
Montag, 17. September - gefährlichste Adlerweg Etappe
Der auch auf der Karte als besonders ausgezeichnete Moosweg hinüber nach Lermoos ist inzwischen eine gut ausgebaute einspurige Straße. Drüben in Lermoos darf ich mit der Bahn hinauf fahren, steht so in der Beschreibung zur Etappe. Es fahren zwei Bahnen. Eine zur Mittelstation und die andere weiter zur Alm. Alm oder Hütte, ist ja eigentlich kein Unterschied. Aber hier gibt es beides. Ich steige oben, kurz unterhalb des Gipfels aus der Bahn und schaue mich nach den Ausschilderungen des Adlerwegs um. Gibt es keine, nur eine Schild Richtung Fernpass, da muss ich hin, aber das geht jetzt wieder nach unten. Ich überprüfe das immer sehr genau, bevor ich auch nur einen Schritt absteige. Aber da führt kein Weg daran vorbei, der Adlerweg geht nicht an der Grubighütte weiter, sondern an der Grubigalm und die liegt weit unter mir. Ich überprüfe das auf meiner Karte wirklich ganz genau, aber die Bahn von der Mittelstation weg gibt es auf meiner Karte gar nicht, keine bis zur Grubighütte, aber ich bin nun hier. Wie ging denn das? Ich bin ziemlich verunsichert und steige zögernd ab. Es ist eine breite Schotterstraße. Gleich am Anfang komme ich an zwei Mountainbiker vorbei. Einer sagt gerade zum anderen: stell dich mal so mit der Zugspitze im Hintergrund. Dann wollen wir zumindest das gleich mal klären. Frauen dürfen Männer dumme Fragen stellen, die sind dann immer besonders hilfsbereit und nett. Und er erklärt mir ganz genau, welcher der Spitzen nun die Zugspitze ist. Nun weiß ich das auch.
.

.
An der ersten Kehre geht ein Pfad ab und der verläuft in meiner Richtung, die Schotterstraße ist blöd. Davon hatte ich gestern schon genug. Der Pfad löstsich bald im Nichts auf und ich laufe quer über die Wiesen und durch die Schafherde nach unten. Die Grubigalm liegt so offen da, dass man sie gar nicht verfehlen kann und mit dem GPS überprüfe ich, ob ich nun nicht doch noch am Adlerweg vorbei laufe. Als ich die erste Adlerweg Ausschilderung gefunden habe, kommt gerade ein Trupp junger Mountainbiker an die Kreuzung und ein Typ mit Grubigbahn Abzeichen am Overall. Er erklärt den Biker, dass man gerade an der gefährlichen Kehre dort oben was entschärft. Alle scheinen sich zu kennen. Als er gerade weiter will, fange ich ihn ab. Mit welcher Bahn ich denn zur Grubigalm gekommen wäre. Laut Adlerwegbeschreibung sollte ich hier ankommen, aber ich komme gerade von dort oben. Gar nicht, meint er, die Bahn zur Grubigalm fährt nur im Winter, was ich gerade höre ist nur ein Wartungsbetrieb. Es gibt nur die beiden Bahnen, genau die, die ich gefahren bin. Hm, man sollte die Beschreibungen auch mal aktualisieren. Später sehe ich, dass man das auch zumindest halb schon getan hat. Der Text spricht noch von der Bahn zur Grubialm, auf dem Kartenauschnitt ist als Weg schon die Schotterstraße wieder hinunter eingezeichnet. Verwirrung geklärt, dann kann es ja weiter gehen. Es geht manchmal ein bisschen steil hinauf und ein bisschen steil hinab, alles zusammen ein netter Höhenweg mit Blick über das ganze Tal bei herrlichem Sonnenschein.
.

.
.
Und dann wird das Geräusch dröhnender Automotoren immer lauter. Damit wird mir endlich klar, woher ich den Fernpass kenne. Nicht aus Bergsteigerberichten, sondern aus den Verkehrsmeldungen. Wenn man an der österreichischen Grenze aufwächst, hört man auch die österreichischen Sender und die Staus am Fernpass gehörten zu den täglich widerkehrenden Meldungen. Aber die dröhnenden Autogeräusche sind noch nicht das schlimmste. Plötzlich endet mein Wanderweg direkt an der Fernpassbundesstraße. Wieder schaue ich mehrfach auf die Wanderkarte, aber egal wie ich es drehe und wende, der Weg verläuft sechshundert Meter direkt auf der Straße. Klingt jetzt nicht so schlimm, ist es aber, wenn man dort steht und schon gar keine Möglichkeit bekommt, die Straße einfach nur mal zu überqueren. Auf meiner Seite geht gleich ein Hang steil nach oben, ich hoffe auf der anderen Seite auf einen Pfad daneben. Als ich es endlich schaffe hinüber zu kommen, ist da auch ein schmaler Trampelpfad. Es standen also schon mehrere vor diesem Problem. Ich folge dem Pfad etwa zehn Meter, um dann fest zu stellen, dass auch diese einfach zu steil ist und die Gefahr abzurutschen viel zu groß, zumindest mir zu groß. Die Straße hat keine Seitenstreifen und ist für die Autos schon eng genug, undenkbar hier zu laufen. Auf der abfallenden Straßenseite ist eine Leitplanke montiert, um Platz dafür zu finden gibt es eine Betonmauer. Die Befestigungspfosten der Leitplanken lassen für mich noch circa zehn Zentimeter Platz auf der Mauer, die Leitplanke selbst gibt mir circa dreißig Zentimeter. Nicht viel, aber besser wie auf dem Pfad unter mir und auf jeden Fall besser als auf der Straße. Ich stelle fest, dass die Rundung der Leitplanke genau meiner Handgröße entspricht, aber auch, dass ein vorbei donnernder LKW nur noch dreißig Zentimeter von meiner Hand entfernt bin. Darauf kann ich mich aber gerade nicht konzentrieren, denn ich muss mich auf meine Füße konzentrieren, damit ich nicht ins Leer trete. Sechshundert Meter können so verdammt lang sein. Auf der anderen Seite sind eine Tankstelle, ein Supermarkt und ein Gasthof. Von dort geht mein Weg wieder weg von der Straße. Gerade freue ich mich, dass ich überlebt habe und über die autofreie Zone, da sehe ich das Schild. Yogazentrum Balance und die hippymäßigen Leute davor. Da braucht man wirklich Yoga um bei dem immer noch laut herüberdringenden Autolärm die Balance zu halten oder ist das das Yogazentrum für Großstadtjunkies, damit die Entzugserscheinungen nicht zu groß werden. Alle sind voll entspannt. Na dann ist ja alles okay. Ich laufe weiter und treffe auf eine Yogagruppe auf Ausgang. Sind alles Blumenkinder. Oje, wo sind die den über geblieben? Eine ist vom Haus alleine hinter mir hergelaufen, bleibt aber vor dem ausgetrockneten, schottrigen Flussbett unschlüssig stehen und dreht dann wieder um. Hätte ja ein Sturzbach kommen können. Wie viele trockene Flussbette habe ich die letzten Tage überquert, ich habe sie nicht gezählt, aber es waren viele. Die ganzen Alpen scheinen ausgetrocknet zu sein, nach diesem heißen, trockenen Sommer.
.

.

.

.
Weiter geht es auf einer alten Römerstraße, man sieht wirklich noch Reste davon, Richtung Fernsteinsee, dort gibt es ein Schloss als Hotel ausgeschrieben und ich hoffe dort heute unter zu kommen und dass die keine Schlosspreise haben. Die Autogeräusche begleiten mich bis hinunter und am Schloss ist die Bundesstraße auch wieder bei mir. Gut, dann werde ich mal zu fragen wagen, was es kostet im Schloss zu nächtigen, sonst muss ich weiter nach Nasserreith. Erst kommt oben noch eine alte Burganlage und unten steht das Hotel, ein prächtiger Gasthof. Und es ist gar nicht so teuer. Sie hat nur noch ein Zimmer nach hinten hinaus, da sehe ich nur die Felsen. Ich gebe zu, dass ich nach genau so etwas fragen wollte, denn ich glaube nicht, dass der Verkehr nachts aufhört. Felsen sind da viel besser. Sie stammt aus Nassreith und kennt die ganze Geschichte der Bundesstraße und die vielen Bemühungen, den Verkehr umzuleiten. Aber man spart neun Euro, wenn man hier Richtung Italien fährt und nicht die Vignette für die Autobahn kauft. Unglaublich, wer quält sich denn hier im Dauerstau diese Passstraße hinauf, wenn die Autobahn nur neun Euro kostet. Wir verstehen uns gut und sie frägt, was sie mir als Begrüßungstrunk anbieten darf. Sie zählt einiges auf, unter anderen Apirol. Habe ich noch nie getrunken, die Farbe stößt mich immer ab. Das ist die Gelegenheit. Wird auch in Zukunft nicht mein Lieblingsgetränk werden, aber es kommen keine Gäste und wir unterhalten uns noch über Gott und die Welt. Ich hatte in meiner Etappenbeschreibung gelesen, dass Taucher von weit herkommen, um hier zu Tauchen, weil die Sicht im See so gut sein soll und weil eine besondere Alge hier wachsen soll, die den See in eine Märchenlandschaft verwandelt. Und dass man Tauchgänge nur als Gast dieses Hotels machen kann. Das ist nicht der Fernsteinsee, sondern der kleine Samerangersee dahinter. Und das Geländer hört zum Hotel. Es dürfen immer nur sechs Taucher gleichzeitig in den See und derzeit ist er sogar wegen dem niedrigen Wasserstand ganz gesperrt.
Meine Felswand vor dem Fenster find ich gut, besonders die vielen Vögel, die sich hier ungestört fühlen.
Dienstag, 18. September - bestes Frühstücksbuffet der Adlerweg Etappen
Das Frühstücksbuffet ist genial. Hervorragender Lachs, kleines Gebäck, natürlich frische Früchte fürs Müsli und sogar zubereitetes Bircher Müsli. Ich schlemme mich durch. So früh sind nur ein einzelner Herr im Wanderoutfit und drei Geschäftsleute da. Dann kommen meine Lieblingsbuffet-Besucher. Zwei junge Männer und die brauchen natürlich eine extra Bestellung. Wie viel Fantasie braucht man, um sich bei diesem Buffet noch etwas einfallen zu lassen, was nicht schon dort steht. Und ich habe wirklich viel Fantasie. Ich werde es nie begreifen. Beim Auschecken sagt mir die Dame an der Rezeption, dass der Herr im blauen T-Shirt, ein Holländer, gerade ausgecheckt hat und auch den Adlerweg läuft. Aber der ist nun schon weg. Ich bin nicht böse, obwohl ich mich nie als leidenschaftlicher Einzelgänger oute, das schafft immer nur Unverständnis. Sie sagt mir, wie ich unten herum weiter komme. Ich habe mir den Weg auf der Karte schon herausgesucht, aber Informationen schaden nie. Zum Schluss meint sie, ich muss auf jeden Fall an der Tankstelle vorbei. Das werde ich ja sehen. Eigentlich sollte man nicht hier übernachten, sondern oben auf der Lorea Hütte, das ist aber eine Selbstversorgerhütte und daauf hatte ich keine Lust. Danach kommt der Weg ohnehin wieder ins Tal und bis dahin laufe ich unten herum. Es geht durch einen lichten Kiefernwald, es sind kleine, niedrige Kiefern oder sind es zu groß geratene Latschen. Egal, ich bin kein Botaniker, aber es sieht ungewöhnlich aus. Kühe stehen dicht auf dem Weg und schauen mich treu doof an, als ich mich vorsichtig hindurchzwänge. Dann kommt eine Kreuzung und an dem Weg, den ich eigentlich entlang sollte steht: Gesperrt wegen Baumfällarbeiten. Normalerweise, wenn ich am Wochenende unterwegs bin, laufe ich bei solchen Schildern durch, weil an Wochenenden werden selten Bäume gefällt. Es ist aber kein Wochenende und die Hänge zu beiden Seiten sind sehr steil, da rutschen Stämme weit. Dann fahren auch noch zwei Forstautos an mir vorbei. Ich stehe lange unschlüssig herum, aber dann laufe ich doch an dem Schild vorbei, ich habe gar keine Alternative zur Anhalter Hütte. Ja, vielleicht doch, aber die würde den ganzen Tag auf der Straße verlaufen, das ist jetzt nicht wirklich eine Alternative. Ich höre doch die Motorsägen oder so was, wird schon gehen. Es ist eine Schotterstraße, aber verdammt steil. Und schon kommt eines der Forstautos zurück. Sch…. Jetzt ganz unschuldig schauen, hey, du bist eine Frau, das geht schon. Klar hält er. Der Weg ist gesperrt, das haben sie gelesen. Ja, wegen Baumfällarbeiten, aber ich habe keine Alternative zur Anhalter Hütte gefunden. Adlerweg, zerknirscht schauen und so. Nein, nicht nur wegen Baumfällarbeiten, dort oben ist eine Brücke eingebrochen, das können sie von hier noch nicht sehen. Der Weg unten herum zur Anhalterhütte ist auch nicht länger. Ja, aber auf blöden Teerstraßen, denke ich bei mir und lächle. Drehe mich um zum Absteigen bereit. Er fährt weiter. Da kommt ein Mountainbiker von unten herauf. Auch bei dem hält er und erzählt ihm vermutlich dasselbe. Ich komme an ihm vorbei. Er steht noch da, noch nicht bereit umzukehren. Das Forstauto ist im die Kurve verschwunden. Es ist doch nur die Brücke, meint der Mountainbiker, da kann man auch über den Bach laufen. Wir laufen zusammen wieder hoch. Da kommt das zweite Forstauto. Ja, da ist eine Brück eingebrochen, da wollte ein Laster mit Holz drüber und der hängt jetzt dort fest. Geht einfach mal hoch zur Brücke, man kann auch so über den Bach. Der Mountainbiker frägt nach seinem Tourvorhaben. Nein nicht ins Tarrent, da werden die Bäume ins Tal geschossen. Wo zum Teufel ist das, frage ich mich. Laut frage ich nach dem Weg zur Anhalter Hütte, da komme ich an der Hinteren Tarrentonalpe vorbei. Das geht, nur nicht hoch ins Tarrent. Und ich weiß immer noch nicht wo das Tarrent ist, aber scheinbar nicht auf meinem Weg. Na toll, aber dieser Forsttyp ist kooperativer. Der Mountainbiker schiebt mit mir weiter hoch und erklärt mir, dass das Tarrent der Berg links von uns ist. Da darf ich nicht hoch. An der Brücke deutet er auf eine gute Stelle, wo man rüber kommen kann. Er fährt jetzt eine andere Tour, er wollte nämlich ins Tarrent. Er bleibt noch stehen und wartet, bis ich sicher am anderen Ufer bin, das ist aber nett. Die Böschung ist auf dieser Seite steil und rutschig, aber das schaffe ich auch. Dann geht die Forststraße weiter, steil aber ohne besondere Ansprüche. Außer einem Auto, verdammt, ich hätte ihn vielleicht stoppen müssen und von der gebrochen Brücke erzählen, aber zu spät, und einer Gruppe redselig wandernder Herren ist mir bis zur Tarrentonalpe niemand begegnet. Ungewöhnlich nach den Massenaufläufen der letzten Tage.
.

.
Die Tarrentonalpe ist geschlossen. Noch nicht lange, der Kuhmist in den Ställen ist noch feucht. Da fällt mir ein, dass unten ein Plakat über einen Almabtrieb am vergangenen Wochenende hing. Und bei den Öffnungszeiten zur Gaststube steht: bis Mitte September. Zum ersten Mal fällt mir ein, dass ich einfach davon ausgegangen bin, dass alle Almen bis Ende September offen sind. Ich habe nirgendwo nachgefragt und nun habe ich noch mindestens vier Almhütten vor mir. Nicht gut. Aber erst mal Pause ohne JBS und dann weiter. Es gibt noch einen richtigen Anstieg zu Anhalter Hütte. Die Schotterstraße hört an der nächsten Hütte auf und ein Steig geht mit nur mäßigen Höhenmetern in das schmale Seitental hinein.
.

.
Zu beiden Seiten türmen sich wieder einmal Felszacken auf, aber da muss ich doch nicht rauf. Oder? Nein, ich sehe den Pfad lange vor mir, bis er vor dem nächsten steilen Sattel unsichtbar wird. Am Ende des Tals pfeift aufgeregt ein Murmeltier, aber ich kann es auf den ganzen Felsen nicht sehen. Bleibe ich stehen, kommt das Pfeifen näher, gehe ich weiter rennt das Pfeifen mit mir mit. Das scheint der Sheriff des ganzen Tals zu sein und er ist nicht glücklich, dass ich hier bin. Der Pfad ist am Steilhang verschwunden, weil es nun über rutschige Erdhänge und große Felsstufen nach oben geht. Man, hier brauche ich seit langen wieder mal Erholungspausen und der Steilhang scheint kein Ende zu nehmen. Hier sehe ich das erste Mal Wolken über mir, weiß und locker verstreut.
.

.
Oben verläuft auf der neuen Höhe ein Tal zwischen denselben Felszacken. Vor mir auf dem Grad des nächsten Sattels, dort geht es nicht mehr ganz so steil hinauf, sehe ich einen Zaun. Dann ist dort eine Weide, über die ich sanft zur Hütte laufe, denn die kann nun nicht mehr weit sein. Hier höre ich den ersten Donnerschlag, die Wolken sind unbemerkt dunkel geworden. Ich erreiche den Weidenzaun, vor mir ragt ein großer Felsblock auf, links sehe ich ein breites, sehr steil abfallendes Schotterfeld und dahinter die steilen Felsspitzen, rechts stehen die Felsspitzen nun fast neben mir und da geht definitiv kein Weg ohne Kletterausrüstung nach unten.
.

.

.
Ein extra großer Pfeil weist nach rechts. Um den Block herum sehe ich den Weg. Fast senkrecht nach unten in den weichen erdigen Untergrund gehakt. Wow, da bekommt steil eine neue Dimension und da muss ich hinunter, hinauf ist da weniger ein Problem. Die Wolken werden immer dunkler, bald wird es regnen und dann wird der Abstieg teuflisch rutschig, also schnell. Natürlich nicht schnell. Ganz, ganz vorsichtig taste ich mich jeden Schritt nach unten. Wenn ich ausrutsche fängt mich das Schotterfeld auf, denn darauf läuft der Weg, wenn man das so nennen kann, zu. Endlich geschafft, ohne einmal wegzurutschen. Nun durch eine Felsspalte, ja, ich bin wieder in den Lechtaler Alpen, die gibt es nicht ohne Felsspalten. Und dann vorsichtig über das Schotterfeld, auch das ist steil.
.

.
Hier höre ich den zweiten Donnerschlag. Das Schotterfeld habe ich hinter mir. Es geht wieder flacher auf grasigem Untergrund in ein Tal hinein. Hier fängt es leicht zu regnen an. Vor den grauen Wolken, denn die wirklich schlimmen kommen gerade auf mich zu, taucht eine Hütte auf. Das muss sie sein, aber es ist dort niemand zu sehen, kein Licht brennt. Oh, nein, wenn die jetzt schon geschlossen ist. Nicht darüber nach denken, erst einmal hin, bevor das Gewitter richtig los geht. Die Tropfen werden dichter, ich werde schneller. Noch ein paar Schritte. Ich nähere mich der Hütte von hinten. Auf der Vorderseite sehe ich drinnen eine einsame Lampe brennen. Im schwachen Schein erkenne ich eine Frau. Noch um die nächste Hausecke, da ist die Tür. Sie ist offen. Man bin ich froh. Ich steh unschlüssig im Flur. Da schaut einer durch das Küchenfenster und kommt in den Flur. Wo kommst du denn jetzt her? Ich wollte fragen, ob ihr für heute noch ein Plätzchen für mich habt. Ja, klar, die Chefin kommt gleich, geh schon mal in die Gaststube. Ich betrete die Gaststube, sehe an einem Tisch mit schwach leuchtender Lampe ein Pärchen sitzen und vor der Theke an einem weiteren schwach erleuchteten Tisch den Typ von heute Morgen. Der Holländer mit dem blauen T-Shirt. Die restliche Gaststube liegt im Dunklen. In diesem Augenblick klatschen die Regentropfen hart gegen die Scheiben. Wow, das war knapp. Die Chefin macht mir Vorwürfe, dass ich um diese Jahreszeit unangemeldet auf einer Hütte erscheine. Am Freitag schließen sie hier. Sie meint es aber nett. Ich sage, dass ich den Adlerweg laufe. Sie weiß, dass die nächste, die Hanauer Hütte, auf jeden Fall noch offen hat. Erst klären wir das mit der Unterbringung. Die wenigen Gäste bekommen alle eigene Zimmer. Aber erst brauche ich meine JBS. Ich setze mich zu dem Holländer. Dann gehe ich auf mein Zimmer und ziehe mich um. Verschwitzt bin ich heute überhaupt nicht und zum Duschen ist es mir jetzt schon viel zu kalt. Das Zimmer hat zwei Betten und ist gemütlich rustikal und angenehm einfach. Aber es gibt eine Steckdose. Meine Socken sind definitiv am Ende.
.

.
Unten im Gastraum trinke ich eine zweite JBS und bestelle Kässpatzl. Der Holländer Nudeln, das Pärchen am Fenster auch Kässpatzln. Nordländer, unterhalten sich nur untereinander. Ich habe versucht mit ihnen zu reden, sie hat die Antwort nur zu sich selbst gesagt. Komische Leute. Denken die sicherlich auch von den andern. Später starten sie eine Diskussion mit der Wirtin über die richtige Zubereitung von Kässpatzln. Mit dem Holländer unterhalte ich mich über die unterschiedlichsten Wanderungen und Reisen, meinen und seinen. Draußen geht die Sonne am wieder aufgeklärten Himmel im mystischen Licht unter.
.

.
Als ich mal zur Toilette will kommt gerade jemand die Eingangstür herein. Groß, dunkle Jacke, dunkler riesiger Rucksack, Cordhose, gute, sicherlich biologisch abbaubare Schuhe, aber keine Bergschuhe, eigenartig. Noch jemand unterwegs bei dem Wetter, spreche ich die dunkle Gestalt im dunklen Flur an. Ja, bist du Gast oder Gastgeber, frägt er mich in einem eigenartig bekannten, sonderbaren Dialekt. Gast. Mein erster Eindruck ist, dass ist ein sonderbarer Mensch. Als ich in die Gaststube zurück komme sitzt er beim Holländer und sie sind schon eifrig im Gespräch. Er wundert sich genauso wie ich vorher über den Kupferstich der Stadt Spaichingen. Er ist seit sechs Wochen unterwegs. Aus Ebingen. Hm, der Name kommt mir bekannt vor. Wo ist das. Bei Albstadt. Ach nein, daher der sonderbare und doch bekannte Dialekt. Wir reden über Fridingen, Bärental, die Hammerwerke. Der Holländer frägt verwirrt, was sind die Hammerwerke. Sind auch in dem Dorf in dem auch meine Firma ist. In der schwäbischen Alb. Oh, die schwäbische Alb, andauernd hört er davon, aber er weiß nicht wo die ist. Wir füllen diese Bildungslücke. Etwas später kommt noch ein Münchner dazu, ein alter Berghase und das ist seine Lieblingsstrecke. Es wird ein total lustiger Abend. Der Ebinger gibt seine Reise Erlebnisse zum Besten, ich erzähle von den sechshundert Metern auf der Fernpassbundesstraße, der Münchner von seinen Touren, der Holländer versucht unserem dialektischen Sprachgewirr zu folgen. Irgendwann ist es dann doch Zeit zu Bett zu gehen. Ich bin noch nie bis zur Sperrstunde in einer Hütte wach geblieben.
Mittwoch, der 19. September
Als ich aufwache ist es natürlich noch dunkel, aber bald wird klar, dass es stark bewölkt ist. Der Münchner ist schon da, er macht seine geplante Tour heute nicht und bleibt auf der Hütte. Und nun kommt es überraschend zur Klärung eines Naturereignisses, dass mir bis heute Rätsel aufgegeben hat. Der Münchner ist ein Mitglied der Münchner Alpenvereinssektion. Wir reden über unterschiedliche Hütten, dass viele jetzt wegen Auflagen umgebaut werden müssen. Ich erwähne irgendwie die Tutzinger Hütte und die Steinbockherde, durch die ich unterhalb der Benediktenwand gelaufen bin und die Tiere ruhig sitzen geblieben sind und sich überhaupt nicht für mich interessiert haben. Er antwortet, dass es dazu an der Tutzinger Hütte einen Aushang gibt. Also jetzt nicht über mich und die Steinböcke, sondern dass die Tiere in einem Zoo aufgewachsen sind und dort ausgesetzt wurden. Und ich dachte schon ich hätte eine besondere Wirkung auf Wildtiere. Schade, hätte mir jetzt schon gefallen, aber die Murmeltiere in den Lechtaler Alpen sind wirklich neugierig um mich herum gewuselt. Der Holländer taucht auch bald auf. Er will heute weiter auf die Hanauer Hütte.
.

.

.
Fürs erste haben wir denselben Weg ein Stück hinunter ins Tal. Noch bevor wir den Sattel nach der Hütte erreichen fängt es an zu regnen. Unten auf der Straße ist gleich meine Bushaltestelle. Der Holländer will trotz Regen weiter. Ich warte eine halbe Stunde auf den Bus nach Imst. Dann mit dem Zug nach Lindau und weiter nach Singen. Unterwegs hat das Wetter wieder gewechselt, die Sonne schein vom Himmel, als wäre nichts gewesen. In Singen stopfe ich die erste Waschmaschine voll und, ich kann es selbst nicht glauben, lege mich nicht wie üblich ins Bett, sondern laufe weiter ins Fitnessstudio. Sollte ich mir da jetzt Sorgen machen?
Den Adlerweg habe ich auf abgeschlossen gesetzt. Mit den letzen Etappen durch die Lechtaler Alpen habe ich sowieso noch gesondert ein Hühnchen zu rupfen. Ich muss noch genau darüber nachdenken, ob die Lechtaler Alpen mich nicht mögen, oder ich die Lechtaler Alpen nicht. Doch die schaffe ich auch noch. Schon allein, weil die Murmeltiere dort so cool sind.